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Palmyra: Am Ende eines jahrtausendealten Kulturwunders steht IS

(c) REUTERS (OMAR SANADIKI)
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Dichter priesen die syrische Säulenstadt als „Perle der Wüste“. Bald werden nur noch Bilder davon übrig sein.

Noch einmal wandte sich Irina Bokova am Donnerstag an die Welt. „Jede Zerstörung von Palmyra wäre nicht nur ein Verbrechen, sondern ein unwiederbringlicher Verlust für die Menschheit“, plädierte die Unesco-Chefin in ihrer Videobotschaft aus Paris. Palmyra sei eine Wiege der Zivilisation, sie gehöre der gesamten Erde und jeder sollte beunruhigt sein über das, was sich dort abspiele. Zum weltweiten Entsetzen scheint nun auch das Schicksal der einzigartigen antiken Ruinenmetropole besiegelt, die seit 1980 zum Weltkulturerbe gehöret.

Nach siebentägigen Gefechten mit fast 500 Toten ließen die Soldaten des Assad-Regimes die umkämpfte Stadt mit ihren 70.000 Einwohnern binnen weniger Stunden im Stich. Seitdem sind die Jihadisten des Islamischen Staates die neuen Herren in Palmyra, deren Neustadt Tadmur heißt. Noch steht das weltberühmte Ensemble, doch es scheint nur eine Frage der Zeit, bis es im Namen des Islam genauso dem Erdboden gleichgemacht wird, wie die assyrischen Königsstädte Niniveh, Hatra und Nimrud nahe der nordirakischen Großstadt Mossul.

Palmyra gehört zu den bekanntesten Attraktionen Syriens. Bis heute lässt sein atemberaubendes Säulenpanorama den einstigen Glanz der Oasenmetropole und den sagenhaften Reichtum seiner antiken Bewohner erahnen. „Die Stadt ist ein Wunder“, schrieb bereits im 13. Jahrhundert fasziniert der syrische Geograf Yakut, als er nach fünf Tagesreisen erstmals aus Aleppo in Palmyra eintraf. „Manche behaupten gar, sie sei von den Dämonen des Salomo errichtet worden.“ Besiedelt wurde der Ort, den orientalische Dichter stets als „Perle der Wüste“ priesen, seit der Bronzezeit.

Erstmals in Texten erwähnt wird Palmyra im zweiten Jahrtausend vor Christus als Zwischenstopp für Karawanen auf der orientalischen Seidenstraße vom Mittelmeer zum Golf und nach Jemen. Der große Aufschwung begann mit dem Ende des Seleukidenreiches in Mesopotamien 130 v. Chr., als sich das Partherreich bis ins Zweistromland ausdehnte und die Römer Syrien besetzten. Plötzlich fand sich Palmyra wieder zwischen den beiden neuen antiken Weltmächten – und wurde zur einzigartigen Brücke zwischen dem römisch-griechischen und persischen Kulturraum. Denn die wohlhabende Siedlung ließ sich nicht zwischen den Blöcken zerreiben, sondern nutzte geschickt ihre geografische Lage und entwickelte sich zu einer blühenden Handelsmetropole. Ihr goldenes Zeitalter begann in den letzten Jahrzehnten vor Christi Geburt unter Kaiser Augustus und endete abrupt 273 n. Chr., als ein römisches Heer die Stadt plünderte und für immer zerstörte. 300 Jahre oder zehn Generationen dauerte die historische Glückssträhne Palmyras. In der letzten Schlacht gelang es der legendären Königin Zenobia, die in Syrien ähnlichen Kultstatus genießt wie Kleopatra in Ägypten, zunächst, durch die feindlichen Linien zu fliehen. Später wurde sie am Euphrat festgenommen und im Triumphzug durch Rom geführt. Den Rest ihres Lebens soll sie unter Hausarrest in einer Villa in Tivoli verbracht haben.

 

1691 von einem Engländer entdeckt

Als erster Europäer entdeckte 1691 der Engländer William Halifax das versunkene Juwel. 1980 wurde Palmyra, das auch ein kleines Museum besitzt, zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt. Mit dem Baal-Tempel und den Festtoren, seinem 1952 freigelegten römischen Amphitheater und seinen ausgedehnten Kolonnadenstraßen sowie reich verzierten unterirdischen Nekropolen gehört das Ensemble zu den imposantesten antiken Zeugnissen des gesamten Nahen Ostens.

In der modernen Stadt Tadmur, die nördlich der Ruinenmetropole liegt, lebten vor Beginn des Bürgerkriegs rund 70.000 Menschen, die meisten von Tourismus und Dattelanbau. Gleichzeitig beherbergt die Stadt das berüchtigtste Gefängnis des Assad-Regimes, das in einer Kaserne aus der französischen Mandatszeit untergebracht ist.

In den Jahren 2012 und 2013 wurden nach Angaben der syrischen Antikenverwaltung aus den Gräbern bereits zwei Dutzend antike Büsten von Verstorbenen geplündert, die auf dem internationalen Schwarzmarkt sehr gefragt sind. Was der Islamische Staat nach Eroberung des berühmten Geländes mit den 1000 Säulen nicht verscherbeln kann, wird er nun vermutlich zerstören. Und dann werden womöglich nur noch Bilder bleiben von Palmyra.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2015)