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Kriegserklärung an Österreich: Das sterbende Kamel

JORDANIEN: WENIG BESUCHER IN DER ANTIKEN FELSENSTADT PETRA
(c) APA/VERA REITER
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Vor hundert Jahren, am 23. Mai 1915: Italien erklärt Österreich-Ungarn den Krieg. Eine Geschichte von Fehleinschätzungen und Verwirrspielen, unfreundlicher Nachbarschaft, „Tücke und Treulosigkeit“ und „sacro egoismo“.

Es begann im... Ja, wann begann es eigentlich, dass sich Italien und die Habsburgermonarchie unfreundliche Nachbarschaft signalisierten? Als sich Politiker, Diplomaten und Militärs am Beginn des Ersten Weltkriegs diese Frage mit einer gewissen Dringlichkeit vorzulegen begannen, konnteman eigentlich nur von Erbfeindschaft sprechen. Und das, obwohl man schon an die30 Jahre verbündet war. Aber es soll ja auch heute vorkommen, dass sich Verbündete gar nicht mögen. Im Juli 1914 war es jedenfalls so, dass sich Italien vom Entschluss Österreich-Ungarns, Krieg gegen Serbien zu führen, ausgeschlossen sah und den Brüskierten spielte. Auch der Dritte (und eigentlich Erste) im Bunde, Deutschland, hatte die Italiener – wie man nördlich des Mains so schön sagt – „außen vor“ gelassen. Also fiel es Italiennicht sehr schwer, seine Nichtteilnahme an einem Krieg seiner Verbündeten damit zu begründen, dass es nicht informiert worden war. Sowie es sich allerdings herumgesprochen hatte, dass Krieg war, erklärte Italien seine Neutralität. Eine wohlwollende Neutralität, versteht sich.

Die erste Andeutung,dass es nicht bei einer einfachen Neutralitätserklärung sein Bewenden haben würde, kam nicht aus Rom, sondern aus Berlin und hatte zur Folge, dass der deutsche Botschafterin Wien, Baron Tschirschky, am 28. Juli, dem Tag der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, im Auftrag des deutschen Kaisers beim k.u.k. Minister des Äußern, Berchtold, vorsprach, um ihm zu sagen, er möge „um Himmels willen“ mit Italien in Verbindung treten, da sich Italien nicht verpflichtet sehe, auf Seite seiner Partner in den Krieg einzutreten. Italien werde nur dann eine freundschaftliche Haltung einnehmen, wenn sich Österreich-Ungarn vorweg bereit erkläre, einige wenige territoriale Zugeständnisse zu machen. Minister Berchtold vermutete sofort, dass Italien nicht vielleicht auf Albanien oder ein anderes Gebiet des Balkans abzielte, sondern auf das Trentino, und ließ dem k.u.k. Botschafter in Berlin, Sögyeny, ausrichten: „Wollen Hochdieselben auf das ausdrücklichste erklären, dass die Frage einer Loslösung irgend eines Teiles der Monarchie nicht einmal Gegenstand einer Erörterung sein dürfe.“ Darüber wollte man in Wien nicht einmal nachdenken. Italien aus dem Geschehen vorderhand auszublenden schien daher die einfachste Möglichkeit zu sein. Äußeres Zeichen für dieneue Situation war, dass die österreichischen Militärkapellen aufhörten, neben der Kaiserhymne und dem „Heil dir im Siegeskranz“ auch die italienische Hymne, die „MarciaReale“, zu spielen.

Nun aber brach die Stunde der Diplomaten an. Die Berichte des österreichischen Botschafters in Rom, Kajetan von Mérey, trugen jedoch sicherlich nicht dazu bei, die österreichische Haltung zu überdenken. Er riet zur Festigkeit und meinte, in Rom würde man einmal abwarten, was Wien zu geben bereit wäre. Am Ballhausplatz sprach man über Italiens „Tücke und Treulosigkeit!“ und schloss Gebietsabtretungen weiterhin aus,trotz der aus Berlin immer öfter zu hörenden Appelle oder auch so schnoddrig hingeworfener Bemerkungen wie jener des deutschen Botschafters inRom, Baron Flotow, der da meinte: Österreich kommt bei allem zu spät – mit der Untersuchung der Hintergründe des Attentats von Sarajevo, mit der Übergabe der Note an Belgrad, mit der Mitteilung darüber an Rom und schließlich mit der Mobilisierung und dem Losschlagen.

Die hohen Militärs beschlich unterdessen die Sorge, Italien könnte unvermittelt in den Krieg eintreten. Daher wurde schon im Zug der Mobilmachung Ende Juli auch das Grazer III. Korps kriegsbereit gemacht. Und beim Kronrat am 19. August stellte Kaiser Franz Joseph an die Spitze der Beratungen die Frage, welche Maßnahmen zur Befestigung Wiens, Budapests sowie der Donauübergänge getroffen werden sollten. Die Teilnehmer der Konferenz waren auf das Thema offenbar vorbereitet und reagierten keinesfalls überrascht. Rechnete der Kaiser mit demVormarsch der Russen und einer Belagerung Wiens? Keinesfalls! Franz Joseph machten nicht die Serben oder Russen Sorgen, sonderndie Italiener. Kriegsminister Krobatin explizierte, dass eine auch nur notdürftige Befestigung Wiens rund acht Wochen brauchen würde; sollte Italien aber in den Krieg eingreifen, würde es in vier Wochen Wien erreichen können. Schließlich waren sich Kaiser, Ministerpräsidenten und Minister darin einig, dass die Befestigungsarbeiten unverzüglich in Angriff genommen werden müssten. 30.000 Soldaten und Arbeiter begannen mit dem Bau der Wien-Schutzstellung. Reste kann man noch immer sehen.

In Rom dachte man freilich gar nicht daran, in den Krieg einzugreifen. Politik, Armee und Land waren nicht kriegsbereit. Und die Situation war nicht unkomfortabel, denn Russen, Franzosen und Briten begannen Italien zu umwerben. Russland ließ Italien wissen, dass es für den Fall eines Sieges über Österreich-Ungarn bereitwillig eine Abtretung des Trentino, aber auch anderer Territorien ins Auge fassen würde. Frankreich und Großbritannien erhöhten das Angebot um Valona (Vlorë) in Albanien. Der britische Außenminister Sir Edward Grey ging noch einen Schritt weiter und wollte noch Triest hinzugefügt wissen. Damit war das Schlagwort „Trento è Trieste“ geboren. Der russischeAußenminister Sazonov konnte da anscheinend nicht nachstehen und bot Italien noch die Erwerbung Dalmatiens an.

In Rom begann man mit der Interessenabwägung. Nachdem Außenminister San Giuliano am 9. August in einem Schreiben an den italienischen Ministerpräsidenten Salandra die Möglichkeit eines KriegseintrittsItaliens an der Seite der Entente angesprochen hatte, wurden einmal die Felder abgesteckt. San Giuliano verschwieg dem Ministerpräsidenten dabei nicht seine persönliche Einschätzung der Folgen eines solchen Schritts, wenn er schrieb: „Wir dürfen uns jedoch nicht verhehlen, dass ein solcher Krieg in ganz Europa als ein Akt der Unehrlichkeit betrachtet würde auch von Seiten jener, die unsere neuen Verbündeten werden könnten.“ Nichtsdestoweniger begann Italien mit Sondierungen. Am 16. Oktober 1914 starb SanGiuliano. Anfang November übernahm BaronSidney Sonnino das Außenministerium. Zwischenzeitlich hatte aber für zwei Wochen Ministerpräsident Salandra das Außenamt selbst geführt. Und er verwendete am 18. Oktober 1914 zwei Worte, die für Italien prägend werden sollten: „sacro egoismo“. Fast unmerklich hatten sich die Akzente verschoben. Und Österreich-Ungarn bot weiterhin nichts außer freundliche, leere Worte.

Die Frage der Abtretung des Trentinoführte schließlich im Jänner 1915 zum Rücktritt des österreichisch-ungarischen Ministers des Äußern, Berchtold. Wochen später gab er zu verstehen, dass er deshalb resigniert habe, da ihm der Kaiser Gespräche über die Abtretung Südtirols verwehrt hatte. Berchtolds Nachfolger wurde Graf Burián. Der versuchte einen anderen Weg zu gehen und entzog dem österreichischen Botschafter in Rom die Verhandlungsführung mit den Italienern. Künftig wollte Burián selbst in Wien mit dem italienischen Botschafter, dem Herzog von Avarna, verhandeln. Der an sich dreibundfreundliche Herzog war sich über das österreichische Dilemma durchaus im Klaren und meinte ein ums andere Mal, entscheidende Siege der Mittelmächte würden Italien sehr rasch dazu bringen, seine Politik zu überdenken: „Donnez-nous des victoires, des victoires!“

Doch gerade diese Siege blieben aus. Allmählich war guter Rat teuer. Der Kaiser wehrte sich, ein weiteres Stück Italien herzugeben. Die führenden Politiker meinten, Italien sollte sich's nur holen. Die Diplomaten hatten keinen Spielraum. Und die Alliiertenboten in jedem Fall mehr. In der Militärkanzlei des Kaisers hegte man noch eine Hoffnung: die Entsendung des Thronfolgers Erzherzog Karl nach Rom.

Der Erzherzog war sofort dazu bereit. Wochenlang wurde überlegt, ob ein derartiger Schritt Sinn ergeben würde. Sicherlich wäre es ein Zeichen gewesen, immer vorausgesetzt, König Vittorio Emanuele III. und die italienische Regierung hätten seinen Besuch überhaupt akzeptiert. Aber hätte er etwas geändert? Nachdem sich im geriatrischenZirkel des Kaisers lange niemand gefunden hatte, der dem Monarchen den Besuch des Großneffen in Rom schmackhaft machen wollte, fand sich schließlich der Obersthofmeister, Fürst Montenuovo, dazu bereit. Franz Joseph wollte sich die Sache überlegen. Doch Außenminister Burián riet ab und konnte den Kaiser überzeugen.

Nach langem Zögern rang sich Franz Joseph dann doch dazu durch, den italienischsprachigen Teil Südtirols abzutreten. Doch nicht mehr. Und da Italien damit antwortete, dass es seine Forderungen auf den Tisch legte, nämlich ganz Südtirol bis zum Brenner, Triest, Istrien, Teile Dalmatiens und noch einiges mehr, resignierte der Kaiser und ließ den Dingen ihren Lauf. „So werden wir halt jetzt zugrunde gehen“, sagte er – und „weinte“ –, wie der stellvertretende Chef der Militärkanzlei notierte.

Franz Joseph war an der Grenze seiner Belastbarkeit. Während ihn der Entschluss zum Krieg gegen Serbien vergleichsweise kalt gelassen hatte, verlangte ihm die italienische Krise alles ab. Er verbrachte Tag für Tag viele Stunden mit seinen engsten Beratern, beließ den Thronfolger in Wien, statt ihn wie bis dahin ins Armeeoberkommando abzuschieben. Franz Joseph war nichtnur physisch, sondernauch emotional überfordert, hatte einen schweren Ohnmachtsanfall und sahkeinen Ausweg. Dann würde es eben eine dritte Front geben, und „so werden wir halt zugrunde gehen“. –Abseits von Schönbrunn hatte man sich längst auf den neuen Schauplatz eingestellt. Im Evidenzbüro des k. u. k. Generalstabs war bereits Monate zuvor damit begonnen worden, für den Eventualfall vorzusorgen. Es hatte keine Schwierigkeiten bereitet, den Ausrüstungsstand von 158 italienischen Festungsanlagen, davon 66 Panzerwerken, vomStilfser Joch bis zur Adria zu erkunden – wie umgekehrt auch in der Nähe der österreichischen Sperrforts, vor allem auf der Hochfläche der Sieben Gemeinden, immer wieder harmlose Wanderer aufgegriffen wurden, die sich sehr für die österreichischen Verteidigungsmaßnahmen interessierten. Eswar auch festzustellen gewesen, dass die italienische Armee ihren ursprünglichen Aufmarschraum für den Fall eines Krieges gegen Österreich-Ungarn von der Livenza an den Tagliamento vorverlegt hatte. Doch was nützten alle nachrichtendienstlichen Erkenntnisse angesichts des Umstands,dass Italien über eine Million Soldaten ins Feld stellen konnte, denen Österreich-Ungarn bestenfalls ein Zehntel entgegenzusetzen hatte.

Die Zeichen mehrten sich. Da wurdenSäcke mit den neuesten Ausgaben des ganz auf den Intervento hinarbeitenden „Corriere della sera“ ins Trentino gebracht. Eine „Commissione per l‘emigrazione trentina“bemühte sich, allerdings wenig erfolgreich, italienische k.u.k. Militärangehörige zurFahnenflucht zu bewegen. Im April wurde in Triest ein Agentenring ausgehoben. Dazu kam, dass die Kryptografen des Evidenzbüros inWien den italienischenCode knackten, sodass in kurzen Abständen die Telegramme vor allem zwischen Rom und St. Petersburg mitgelesen wurden. Aus all dem resultiert, dass Österreich gerade von der Entwicklung der letzten Wochen vor dem Kriegseintritt Italiens nicht überrascht wurde, allerdings immer noch hoffte, ihn hinauszögern zu können.

Und das, obwohl man mittlerweile auch recht gut über die Parallelverhandlungen Italiens mit der Entente Bescheid wusste, die dann am 26. April zum Abschluss des Londoner Vertrags führten. Schließlich wurde auch der Tag des Kriegseintritts Italiens präzise vorausgesagt. War zu dem Zeitpunkt noch etwas zu verhindern? Das Wiener Außenamt trat in Italien eine Propagandalawine los, um die österreichische Bereitschaft zum Verzicht auf das Trentino, Gradisca, eventuell auch Görz, Autonomie und eine italienische Universität in Triest und anderes publik zu machen. Die Italiener, die von den Londoner Geheimverhandlungen nichtswussten, waren beeindruckt. Den deutschen Diplomaten schien das alles wieder einmal zu spät, und der preußische Kriegsminister Wild von Hohenborn machte aus seinem Herzen keine Mördergrube, wenn er am 14. April 1915 an seine Frau schrieb: „An sich könnte es uns ja wurscht sein, ob Italien von dem sterbenden Kamel Österreich ein Stück Schwanz mehr abhackt oder nicht, aber die militärische Lage verschärft sich durch das Eingreifen Italiens doch bedenklich.“

Am 4. Mai kündigte Italien den Bündnisvertrag mit Österreich-Ungarn und Deutschland. Am 23. Mai erfolgte die Kriegserklärung Italiens. Tags darauf begann der Schießkrieg.

Ein merkwürdiger Krieg. Denn Italien,das sich viele Monate auf diesen Krieg vorbereitet hatte, legte nicht sofort mit einer machtvollen Offensive los, sondern kämpfte mit den Unwägbarkeiten: Im Norden des Königreichs, in den großen Städten, wollte man den Krieg. Im Süden wollte man weiter Frieden. Der frühere Ministerpräsident Giolitti wollte die Beibehaltung der Neutralität. Und er hatte die Parlamentsmehrheit hinter sich. Sein Nachfolger, Salandra, wollte den Krieg. Und er wusste den König hinter sich. Vittorio Emanuele III. entschiedsich gegen das Parlament und für den Krieg.

Zu diesem Verwirrspiel kamen gravierendeFehleinschätzungen: Man hatte die Bereitschaft der Völker der Habsburgermonarchie unterschätzt, Krieg gegen Italien zu führen. In den deutschen Ländern der Monarchiestürmten die Freiwilligen die Kasernen. Plötzlich spielte auch der Panslawismus keine Rolle mehr, und wenn,dann in einem ganz anderen Sinn, denn Italien beanspruchte jede Menge südslawische Siedlungsgebiete. Slowenen und Kroaten waren wild entschlossen, dagegen anzukämpfen. Und was noch mehr auffallen musste: Auch und besonders die Tschechen, die an der Nordostfront wegen der ihnen zur Last gelegten Massendesertionen schon mehr als auffällig geworden waren, zeigten keine Anzeichen von Verweigerung für den Fall eines Kriegs gegen Italien. Schließlich wurden die Österreicher sogar von Serben ermuntert, nur ja kräftig auf die Italiener einzuschlagen.

In der kaiserlichen Militärkanzlei in Wienvermerkte daher Feldmarschallleutnant Marterer mit einer gewissen Genugtuung, dass die den k.u.k. Truppen bei Bjeljina und Zvornik gegenüberliegenden serbischen Truppen weiße Fahnen hochhielten und „Živio Franz Josef!“ riefen.

Ein weiteres Moment kam hinzu: Die angreifenden italienischen Armeen suchten mit einer strategischen Defensive zum Erfolg zu kommen. Das konnte nicht funktionieren. Doch die italienische Führung hatte einige Sorge, ob die Soldaten so ohne Weiteres angreifen und vor allem gehorchen würden. Der Generalstabschef Luigi Cadorna hatte das Problem kommen sehen und es dadurch zu unterlaufen gesucht, dass er von der bis dahin für die Armee geltenden säkularen Grundhaltung abrückte und die Einrichtung einer Militärseelsorge verfügte. Damit sollte es möglich sein, die vornehmlich aus den ländlichen Regionen Italiens stammenden Soldaten von der gottgewollten Sinnhaftigkeit des Kriegs zu überzeugen. Ob das schon reichen würde, um die k.u.k. Armeen am Isonzo und in den Dolomiten anzugreifen, musste sich weisen. Denn die italienischen Offiziere und Soldaten hatten gewaltigen Respekt vor den Österreichern und vermissten natürlich die zweite Backe der Zange, die dann zum Tragen gekommen wäre, wenn auch Rumänien der Habsburgermonarchie den Krieg erklärt hätte.

Rumänien und Italien hatten am 23. September 1914 einen Vertrag unterzeichnet, der beide Staaten verpflichtete, sich wechselseitig zu konsultieren und nicht ohne achttägige Vorankündigung die Neutralität aufzugeben. Der rumänische Ministerpräsident Ion Bratianu hatte gemeint, Italien und Rumänien sollten gemeinsam an die Liquidierung Österreich-Ungarns gehen. Im April und Mai 1915 war nicht mehr die Rede davon. Die eindrucksvollen militärischen Erfolge der deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen in der Durchbruchsschlacht von Tarnów-Gorlice hielt Rumänien vorerst ab, dem italienischen Beispiel zu folgen. Also blieb Italien mehr oder weniger sich selbst überlassen.

Natürlich suchte man den Schritt zum Krieg zu legitimieren und die Schuld auf Österreich zu schieben. Neben den juridischen und diplomatischen Gründen wurden auch solche erwähnt, die eine moralische Rechtfertigung enthielten. Da wurde alles Mögliche angeführt, von den Carbonari und Silvio Pellicos im Vormärz geschriebener Schilderung seiner Gefängnisjahre auf dem Brünner Spielberg, „I miei prigioni“, bis in die Gegenwart des Kriegs. Aus der Kriegserklärungaber stach ein Halbsatz hervor, in dem unumwunden der eigentliche Kriegszweck genannt wurde, dass sich nämlich Italien berechtigt sehe, „mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln die Rechte und Interessen Italiens zu verteidigen und alle Maßnahmen gegen wen immer zu ergreifen, der die Verwirklichung der nationalen Aspirationen Italiens bedroht“.

Kaiser Franz Joseph wandte sich ein zweites Mal in diesem Krieg an seine Völker. „Der König von Italien hat Mir den Krieg erklärt.“ Da kam dann alles vor, von Mortara, Novara 1849 bis Custoza und Lissa 1866. Der im Ministerium des Äußern seit Mitte Mai vorbereitete und dann vom Kaiser approbierte Text erwähnte auch Deutschland, das genauso wie die Habsburgermonarchie durch den Kriegseintritt Italiens betroffen wäre. Doch genau das war nicht der Fall, denn Italien erklärte ja nur Österreich-Ungarn den Krieg, und weder Deutschland noch Italien sahen sich veranlasst, daran etwas zu ändern.

Wie es weitergehen konnte, hatte der Generalstabschef der gesamten bewaffneten Macht Österreich-Ungarns, Franz Conrad von Hötzendorf, schon im April skizziert: Infünf Wochen würden die Italiener in Wien stehen. Man konnte folglich nur trachten, ihnen die Sache so schwer wie möglich zu machen. Tatsächlich rechneten ja auch die Italiener mit einem raschen Sieg: Der Generalstabschef ging davon aus, dass seine Truppen spätestens einen Monat nach Kriegsbeginn in Triest sein würden. Ministerpräsident Salandra wies den Gedanken, der Krieg könnte nicht bis zum Winter 1915 beendet sein, weit von sich. Und jeglicher Verweis auf die Gräuel des Schützengrabenkriegs, wie er in Flandern und Nordfrankreich tobte, schienabsurd und wurde abgetan. Eine Million Tote später wusste man es besser. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2015)