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Unter der Fuchtel der Hormone

Männer sind ein einziger Quell weiblichen Elends. Jedenfalls bei Gertraud Klemm. In ihrem Roman „Aberland“ fühlt sich eine Frau, die Designerware trägt, Personal befehligt und für ihre Dissertation gecoacht wird, ausgebeutet. Was wird uns hier als feministisch verkauft?

Zeitreise in die frühen 1970er. Muttertag. Eine verbitterte Hausfrau und Mutter sitzt, zur Untätigkeit verdammt, am Tisch und beobachtet ihren Mann, der sich redlich müht, es ihr recht zu machen, aber jämmerlich versagt. Er bröselt beim Abräumen der Teller, stellt sie auch „nicht parallel“ in den Geschirrspüler! Auch der dreijährige Sohn ist ein einziger Quell mütterlichen Elends: „In Wellen bricht das Testosteron über diese kleinen Körper herein, jagen, werfen, zerstören, töten, all das will gelernt werden unter der Fuchtel der Hormone.“ Ach ja, die Biologie ist's. Dreijährige Mädchen beschäftigen sich ja bekanntlich mit stillen Häkelarbeiten.

Aber halt – wir sind gar nicht in den 1970ern, sondern im Jahr 2013. Wo also lebt diese Frau, die es geschafft hat, Jahrzehnte gesellschaftlicher Entwicklung zu verschlafen? In einem isolierten Alpendorf unter der Fuchtel einer rückständigen Sekte? Nein, in Kaiserbad, also Baden bei Wien, dem Geburtsort der Autorin Gertraud Klemm.

Es gab einmal eine Zeit, in der ein Mann seiner Frau die Berufstätigkeit verbieten konnte, Vergewaltigung in der Ehe erlaubt war und Ärzte die Pille nur verheirateten Frauen verschrieben, die schon mehrfach geboren hatten. 2013 sieht die Sache allerdings anders aus. Franziska, die sich hier beklagt, ist freiwillig Mutter geworden und entzieht sich freiwillig dem Erwerbsleben.

Als Klemm diesen Romananfang beim Bachmannwettlesen 2014 vortrug, empfand ihn ein Juror als „Frauenzeitschrift-Aufschrei-Befreiungsprosa“. Das ist ungerecht. Und zwar den Frauenzeitschriften gegenüber, in denen die Hausfrau und Mutter seit gut 30 Jahren nicht mehr vorkommt, sondern durch die Hochleistungskarrierefrau ersetzt wurde. Auch „die Gesellschaft“ hat längst kein Interesse mehr an Frauen, die die in sie investierten Ausbildungskosten bei der Auswahl saisonaler Tischdekorationen versanden lassen, sondern wünscht ihren Beitrag an Bruttoinlandsprodukt, Steuer- und Sozialversicherungsleistungen.

Franziska hat Glück: erstens, weil ihr Mann es sich überhaupt leisten kann, eine zweite Person mitzufinanzieren. Zweitens, weil er nicht sagt: „Darling, ich habe keine Lust, die finanzielle Last allein zu stemmen –hab die Güte und such dir einen Job.“ Während Tom also die Brötchen verdient und der Sohn im von der Solidargemeinschaft finanzierten Kindergarten ist, versucht Franziska, ihre Dissertation zu schreiben. Am Ende wird Tom einen anderen Biologen dafür bezahlen, ihr als „Coach“ entscheidende Arbeiten abzunehmen.

Auch ihre Mutter, Elisabeth, hat nie gearbeitet. Tag für Tag liegt sie im Freibad, manchmal auch bei der Kosmetikerin. Ihr Jammer ist groß: „Dass Liegen so unangenehm sein kann.“ Sie wohnt in einer Villa, trägt teure Designerkleider und befehligt jede Menge Personal, Gärtner inklusive. Die männlichen Kräfte sind ihr zu ungepflegt, die weiblichen kochen zu ausländisch. Die demente Schwiegermutter lässt sie von launig „Todesengel“ genannten „Slowakinnen, Bosnierinnen und Polinnen“ pflegen, die dasFüttern, Waschen und Fäkalienentsorgen übernehmen. Wie es diesen und ihren Kindern geht (der Film „Mama Illegal“ kann hieraufschlussreiche Einblicke bieten), interessiert sie nicht die Bohne, ist sie doch mit ihrem eigenen Leid vollauf beschäftigt.

Wir haben es also mit zwei bornierten Schreckschrauben zu tun – das Seltsame ist nur, dass deren Gezeter mit zweckentfremdeten „feministischen“ Topoi unterfüttert ist, die dazu geeignet sind, sie als „Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse“ erscheinen zu lassen. Franziska beklagt sich, dass Tom die 50/50-Aufteilung bei Kind und Haushalt nicht einhält, weshalb sie zu wenig Zeit für ihre Hobbys Yoga und Laufen habe. Wir erinnern uns: die Halbe-halbe-Kampagne wurde für berufstätige Frauen erdacht. Aber halbe Hausarbeit für Hausfrauen? Chapeau, Franziska! Auch Elisabeth jammert: „Haben die Männer unserer Generation uns nicht unterstützt? Heute heißt das Ausbeutung. Dabei haben sie uns bestärkt darin, uns in die Mutterrolle oder in ein klassisches Kostüm hineinzuentwickeln oder in ein Paar Pradaschuhe.“ Ernsthaft? Eine Frau, die Designerware trägt und Personal aus dem Pool der Armutsmigration befehligt, soll sich jetzt ausgebeutet fühlen dürfen?

Liest man es als Rollenprosa, ist dies wohl das misogynste Buch seit Möbius' „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“. Frauen werden als egoistische, schmarotzerische Wesen dargestellt, die „feministische“ Thesen missbrauchen, um ihre Faulheit und Verantwortungslosigkeit zu verschleiern. Gegen diese Lesart sprechen allerdings das völlige Fehlen von Distanz zu den Figuren und einer reflektierenden Metaebene sowie die Tatsache, dass Klemm sich als Feministin sieht. Was aber wird uns hier als feministisch verkauft?

Für das Gelingen des gemeinsamen Sexuallebens ist Tom allein zuständig. Er plagt sich mit Ideen zur Aufpeppung, Franziska lässt ihn auflaufen. Als er eine Intimrasur vorschlägt, macht sie es, obwohl sie weiß, dass sie davon Pusteln bekommt. Das Erwartete tritt ein, was ihr Anlass gibt, ihr Schicksal allen Ernstes mit dem genitalverstümmelter Frauen in Afrika zu vergleichen. Das ist Anmaßung eines Opferstatus. Um es klarzustellen: Vierjährige Mädchen, denen man die Geschlechtsteile abschneidet, sind Opfer. Eine erwachsene Frau diesseits von Islamabad, die sich zu Sexzwecken die Mumu rasiert, obwohl sie auch a)Nein sagen oder b)ein Sugaring-Studio ausfindig machen könnte, ist einfach nur dämlich. Auch das Alleinerziehen stellt sie sich lässig vor. Sie würde, träumt sie, sich eine „günstige Wohnung“ mieten und „halbtags arbeiten“ gehen – offensichtlich in glücklicher Unkenntnis der Tatsache, dass das etwa so viel einbringt, wie die Miete einer günstigen Wohnung kostet.

1981 beschrieb Colette Dowling in ihrem Buch „Der Cinderella-Komplex“ den Wunsch von Frauen nach finanzieller Versorgung durch einen „Prinzen“, zu dessen „ältester Tochter“ sie mit der Eheschließung avancieren. Was die Versorgungsansprüche an den Mann angeht, setzt Klemm hier noch einiges drauf. Er ist nun auch für die Ausbildung der Frau (Dissertation) zuständig, muss, falls nötig, Nachhilfe zukaufen (Coach) und hat dafür zu sorgen, dass sie genügend Freizeit hat, um ihren Hobbys nachzugehen.

Feminismus bedeutet Eigenverantwortlichkeit. Er bedeutet Solidarität mit Frauen anderer Nationen und ein Minimum an Reflexion darüber, was das Delegieren der Drecksarbeit an Frauen aus ärmeren Ländern impliziert. Feminismus heißt nicht, man kann sich aus dem alten System die finanzielle Versorgung nehmen und aus dem neuen die Halbierung der Nichterwerbsarbeit – das wäre nichts anderes als eine Verhältnisumkehr. Feminismus heißt Fairness – ein zum Marie-Antoinette-Komplex („Man gebe mir ein Volk, das zahlt, und Dienerschaft, die arbeitet!“) erweiterter Cinderella-Komplex hat damit nichts zu tun. ■

Gertraud Klemm

Aberland

Roman. 184 S., geb., €19 (Droschl Verlag, Graz)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2015)