George Foreman: "US-Boxer wollen nicht mehr leiden"

Foreman gegen Ali
Foreman gegen Ali(c) EPA (--)
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Er boxte gegen Frazier und Ali. Im Exklusiv-Interview mit der "Presse" lästert er über schwache Weltmeister der Gegenwart und Amerikas Probleme im Schwergewicht. Nur Wladimir Klitschko erteilt er seinen Segen.

Herr Foreman, früher dominierten Amerikas Boxer im Schwergewicht fast unentwegt, seit 2007 und der Niederlage von Shannon Briggs aber sind sie von der Bildfläche verschwunden. Dafür haben nun Kämpfer aus Russland, der Ukraine und Usbekistan die Nase vorn. Was ist passiert?

George Foreman: Wir waren jahrzehntelang unangefochten die Nummer eins. Wir haben nach Lust und Laune alle Titel gewonnen. Aber dann gingen uns die Talente aus. Es fehlten plötzlich Athleten, die sich quälen konnten und es auch wollten. Boxen ist schließlich mit Schmerzen verbunden, und die will in Amerika keiner mehr haben. Im ehemaligen Ostblock ist das anders. Die Boxer dort haben Willen, Engagement und sind auch sehr gut!

Hat diese radikale Veränderung dem Sport geholfen oder ist dieses Ostgefälle schlecht fürs Business?

„Change“ ist in diesen Tagen doch ein gängiger Begriff. Ich finde die Entwicklung gut, weil diese Boxer jetzt ihre Chance ergreifen. Denen hat früher niemand etwas gegönnt oder gegeben, niemand! Jetzt aber nehmen sie sich ihren Anteil. Sie arbeiten eben härter als alle anderen.

Härter? Wird in Amerika nicht mehr trainiert, fehlt allen plötzlich der Biss?

Ein guter Boxer muss eine große Persönlichkeit sein. Der Boxsport braucht immer dringend neue Figuren, Leader, und wenn es derzeit die Klitschko-Brüder sind, dann ist das gut so. Amerikas Boxer sind momentan weg vom Fenster, aber sie kommen wieder, irgendwann gibt es wieder große Fights. Das wahre Problem in Amerika ist: Die US-Schwergewichtler der Gegenwart haben nichts. Die sind weder technisch versiert noch extravagant. Das ist derzeit eine ganz arme Gruppe. Denen fehlt alles, sogar das Talent, den Mund aufzumachen. Aber es ist ohnehin besser so, weil in Amerika momentan keiner wissen will, was diese Kerle überhaupt zu sagen hätten. Die wollen sich nicht mehr quälen!

Blutet Ihnen als Boxlegende nicht das Herz, keinen Landsmann mehr um den Weltmeistertitel boxen zu sehen?

Es ist eine Schande, gar keine Frage! Aber irgendwann kommt wieder einer, der sie der Reihe nach ausknockt. Auch in Amerika wird es wieder große Kämpfe geben. Derzeit aber sieht man die vorwiegend in Europa. Aber, dabei bleibe ich: Auch bei uns wird es wieder große Events geben.

Wer war für Sie der letzte große US-Boxer?

Mike Tyson, keine Frage – der war für mich der letzte große Champion. Und um ihn tut es mir auch leid. Der hatte verdammt harte Schläge, der ist in den Gegner richtig hineingegangen, mit unheimlichen Schlägen. Er war wirklich fantastisch!

Aber hat er sich nicht mit seinen Skandalen und extrem schlechten Comebackfights für immer den Ruf „versaut“?

Blödsinn! Als er an der Spitze stand, mit 19, da war er der Beste. Das ist überhaupt keine Frage. Zum Schluss konnte er nicht mehr, und ja, es stimmt schon, viel von seinem Glanz ist mit seinen Comebacks erloschen. Er konnte einfach nicht mehr, war komplett ausgebrannt. Für mich aber bleibt er für immer ein Champion.

Sind die Klitschkos, der Russe Walujew oder der Usbeke Chagajew in Ihren Augen echte Weltmeister?

Also, die beiden Klitschkos sind okay. Vor allem der jüngere (Wladimir, 32, Anm.), er ist sehr gut. Den hat Trainer Emanuel Steward zu einem sehr guten Boxer gemacht. Er ist stark, groß und auch clever, das macht es aus. Der Russe und der Usbeke – die finde ich einfach nur schlecht. Das sind für mich keine echten Kämpfer.

Es gab unlängst vom World Boxing Council (WBC) eine Umfrage. Sie kürte Vitali Klitschko als den besten Schwergewichtsweltmeister aller Zeiten aus. Ist er das?

Einer muss immer der Größte und Beste sein, damit das Business in der Gegenwart weiterlebt. Der allerbeste Boxer aber kann er nicht sein, keine Frage. Das war für mich Joe Louis. Seine Kämpfe gegen Max Schmeling bleiben für mich unvergessen, vor allem der zweite. Auch Ali, Joe Frazier und ich haben Großes gezeigt. Doch seit Mike Tyson habe ich solche Kämpfe nicht mehr gesehen. Sorry, Klitschko...

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre großen Kämpfe? Welcher war Ihr bester Fight?

Ich wurde 1968 Olympiasieger, mit diesem Kampf hat für mich alles angefangen, der war super. Ich war 19, und für mich ging damals ein Traum in Erfüllung. Natürlich gewann ich durch K.o. (gegen den Russen Jonas Cepulis, Anm.). Auch die Kämpfe gegen Frazier 1971 (K.-o.-Sieg in Runde zwei) und Ali (1974, Rumble in the jungle, K.-o.-Niederlage in Runde acht) waren außergewöhnlich. Damals saß ja noch die ganze Welt vor den Fernsehern. Da ging es noch um etwas. Ach ja, und vergessen wir nicht den Kampf gegen Michael Moorer 1994. Mann, ich wurde mit 45 Jahren zum ältesten Champion aller Zeiten...

Mit einem unfassbaren K.-o.-Schlag in der zehnten Runde ...

Jawohl! Davor hat er mich zwar windelweich geprügelt, aber dann war da plötzlich die Lücke. Endlich stand er frei vor mir, darauf hatte ich lange gewartet. Ich hatte mir da schon die ganze Zeit gedacht: Bitte, bleib stehen, lauf nicht wieder weg. Ich sehe das Bild heute noch genau vor Augen: Er ist tatsächlich stehen geblieben, und dann habe ich ihn mit einem rechten Schlag zu Boden geschickt. That's it, bye-bye!

Was war das für ein Gefühl? Und ist es richtig, mit 45 wieder Boxweltmeister zu sein?

Das Gefühl war wundervoll. Ich hatte etwas geschafft, woran niemand geglaubt hatte. Ob es richtig ist? Ich weiß es nicht. Aber es ist noch immer einzigartig, bis heute!

Könnten Sie die Champions der Gegenwart auch ausknocken?

Junge, ich kann jeden Boxer dieser Welt ausknocken! Ich musste das auch schon früher immer schaffen, weil mich Punktesiege nicht befriedigten. Oooh, hatte ich damals einen Punch! Aber auch die Jungs heute haben viel Kraft, trotzdem: Wenn ich sie treffen würde, wäre der Kampf schon nach zwei Punches vorbei. Ginge der Schlagabtausch aber über sieben bis zehn Runden, hätten sie durchaus Chancen.

Sie waren schon oft in Wien, Sie sind ein Lipizzaner-Liebhaber. Viele der Erinnerungen hängen auch mit Ihrem zu früh verstorbenen Freund Toni Fritsch zusammen...

Meine Frau und ich denken oft an Toni. Erst jetzt, Jahre nach seinem Tod, bemerke ich, wie tief unsere Freundschaft wirklich war. Ich vermisse ihn. Und Wien? Tolle Stadt, ich komme wieder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2009)

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