Das listige Argument bei Sparplänen

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Von fallenden Kursen und Schwankungen profitieren, ohne dabei nervös zu werden – das versprechen Anlageberater bei Fonds-Sparplänen. Möglich soll das der Cost-Average-Effekt machen. Die Praxis schaut anders aus.

Heinrich K. hat genug. Er will nicht länger zuschauen, wie die Sparzinsen in den Keller rasseln. Mit zwei Prozent Zinsen will er sich trotz geringer Inflation nicht abspeisen lassen. Aktien sind ihm aber noch zu riskant.

Was also tun mit den knapp 10.000 Euro? „Haben Sie schon mal vom Cost-Average-Effekt gehört? Da schnallen Sie ab“, posaunt der Vermögensberater. „Sie schichten einfach monatlich 100 Euro vom Sparbuch in einen Aktienfonds um . . . es ist verblüffend, aber Sie werden auf jeden Fall als Gewinner aussteigen.“

Es geht dabei um einen Fonds-Sparplan, bei dem der Anleger einen festen Betrag regelmäßig einzahlen soll, anstatt die gesamten 10.000 Euro auf einen Schlag zu investieren. Das Argument klingt sogar für Nicht-Mathematiker einleuchtend: Wenn der Kunde regelmäßig gleiche Beträge einzahlt, erwirbt er bei niedrigen Kursen viele Anteile und bei hohen Kursen entsprechend weniger. Mit dieser Methode erzielt er einen geringeren Durchschnittspreis für die Fondsanteile, was im Fachjargon als Cost-Average- Effekt (zu Deutsch Durchschnittskosteneffekt) bezeichnet wird.

„Sind die Kurse im Keller, können Sie mehr Anteile erwerben. Sind sie dagegen hoch, dann haben ihre Anteile einen höheren Wert. Sie stehen immer als Gewinner da“, formuliert es der Anlageberater optimistisch.

Cost-Average-Effekt wird Wunderwirkung beschieden. Zumindest in der Theorie klingt das Argument verlockend. Man profitiert also von Kursschwankungen. Anders als bei einer Einmalzahlung von 10.000 Euro ist daher das Timing egal. Einfach monatlich einzahlen und zurücklehnen, die Zeit und der Markt besorgen schon den Rest. Seit Jahrzehnten wird dem Cost-Average-Effekt mit dieser Schilderung eine Wunderwirkung bescheinigt.

In der Praxis ist der aber keineswegs so toll, haben internationale Wissenschaftler und Finanzmathematiker in zahlreichen Untersuchungen enthüllt. „Es stimmt zwar, dass man durch regelmäßige Ratenzahlungen die durchschnittlichen Kosten der Fondsanteile senken kann“, sagt Thomas Langer, Finanzprofessor an der Universität Münster. „Aber das sagt noch gar nichts aus. Der Cost-Average-Effekt erwirkt keine höheren Rendite.“

Praxis sieht anders aus. Auch Berechnungen des deutschen Fondsverbands BVI ziehen die vermeintlich wundervolle Wirkung des Cost-Average-Effekts stark in Zweifel.

Wer nämlich in den vergangenen zehn Jahren monatlich 100 Euro in einen deutschen Aktienfonds investiert hat, musste (per Stichtag 31. Dezember 2008) ein jährliches Minus von 3,4 Prozent hinnehmen. Wer über 15 Jahre anlegte, erzielte zumindest ein mickriges Plus von jährlich 0,65 Prozent. Erst mit einer Anlage, die 20 Jahre zurückging, erhielt man eine Rendite von 3,2Prozent. Nach Abzug der Inflation bleibt aber auch da nicht mehr viel übrig. Der Cost-Average-Effekt hat also nichts gebracht.

Hätten die Anleger statt der monatlichen Ratenzahlungen auf einen Schlag 10.000 Euro in einen Aktienfonds gesteckt, hätte sich das Kapital über 20 Jahren mit jährlich sechs Prozent rentiert (siehe Grafik oben).

Das soll nicht heißen, dass Sparpläne per se schlecht sind. Es gibt auch Zeiträume, in denen ein Sparplan besser abschnitt als eine Einmalinvestition. Wer Anfang 2000 auf einmal 10.000 Euro in den deutschen Leitindex Dax investiert hatte, verbuchte bis Ende 2008 einen gigantischen Verlust von knapp 30 Prozent. Hätte man jedoch die 10.000 Euro jährlich zu 1250 Euro in Aktien und den Rest am Sparbuch liegen lassen, wäre eine satte Rendite von 8,5 Prozent rausgesprungen. Aber Vorsicht, ein reiner Rendite-Vergleich zwischen Einmalinvestitionen und Ratenzahlungen ist nicht immer sinnvoll, da hier das Risikoverhalten der Investoren nicht einbezogen wird. Bei einem Sparplan ist die Aktienquote von Beginn weg niedriger, das Risiko daher geringer.

Timing ist entscheidend. Das Argument, durch den Cost-Average-Effekt müsse man sich keine Gedanken über den Zeitpunkt des Einstiegs machen, ist falsch. Es gibt sehr wohl auch für Sparpläne günstige und schlechte Momente. „Es gibt Phasen, da eignen sich Sparpläne besser als Einmalzahlungen. Aber zu sagen, Sparpläne sind durch den Cost-Average-Effekt immer im Vorteil, ist einfach falsch“, sagt der deutsche Finanzexperte Peter Tigges. „Wenn ich glaube, es geht bergauf, dann ist es besser, ich investiere alles, um am Aufstieg vollständig partizipieren zu können. Mit einem Sparplan wäre mir damit eine saftige Rendite entgangen.“ Tigges weiter: „Es gilt nach wie vor die Annahme, dass die Börsen langfristig steigen. Die Verteilung der Investition über viele Jahre ist statistisch gesehen nicht sinnvoll.“
Auch fallende Kurse nicht positiv. Aber was, wenn die Kurse fallen? Profitiere ich tatsächlich durch den Cost-Average-Effekt? „Das wird von den Finanzberatern als Argument angeführt, ist aber eine Schimäre“, sagt Olaf-Johannes Eick, Finanzmathematiker der Schweizer Multi-Invest. „Wenn die Kurse fallen, erhalte ich Anteile billiger, das stimmt. Nur, meine bestehenden Anteile sind dafür auch weniger wert. Ich habe dann zwar mehr Anteile, aber dafür einen Anlageverlust. Der Cost-Average-Effekt ist damit hinfällig.“

Dass man beim Cost-Average-Effekt von einer hohen Volatilität profitieren soll, bezeichnet Finanzprofessor Langer als „gefährlich“: „Das ermutigt die Anleger dazu, ihr Investment nicht zu diversifizieren, sondern alles auf eine Karte zu setzen. Das kann sehr bitter enden.“ Sparpläne mit monatlichen Ratenzahlungen seien grundsätzlich nichts Schlechtes, „sie ermutigen die Leute zum regelmäßigen Sparen“. Manchen Anlegern bleibt auch gar nichts anderes übrig. Nicht alle haben 10.000 Euro zur Verfügung, sondern können nur einen Teil des laufenden Einkommens sparen. Aber: „Man darf sich dadurch keine geheimen Renditen erhoffen – auch nicht durch den Cost-Average-Effekt.“

„Aus meiner Sicht ist der Cost-Average-Effekt nur als Verkaufsargument erfunden worden. Um jene Anleger zu Fonds zu locken, die sich vorher nicht getraut hätten, einen Einmalerlag zu investieren“, resümiert Eick.

(c) Die Presse / HR

Heinrich K. hat sich trotzdem zu einem Fonds-Sparplan überreden lassen, „es hat einfach überzeugender geklungen“. Zwischen Werbung und Realität kann es aber bekanntlich einen großen Unterschied gaben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2009)

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