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Architektur in Linz: Dokument der Unkultur

Brueckenkopfgebaeude
(c) APA (KRISCHANITZ / BIG)
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Der Denkmalschutz für NS-Repräsentationsbauten in der einstigen "Patenstadt des Führers" hat eine Diskussion über angemessene Formen der Erinnerung entfacht.

Adolf Krischanitz ist hörbar verärgert. Dreimal ist der in Wien, Berlin und Zürich lebende Architekt nun schon mit fertigen Projekten in Linz angetreten, zweimal wurde nichts daraus. Und nun könnte es vielleicht bald wieder so weit sein.

Dabei spielt es offenbar keine Rolle, dass er, wie beim jüngsten Projekt, aus dem internationalen Wettbewerb zum Umbau der Kunstuniversität in den Brückenkopfgebäuden am Linzer Hauptplatz als einstimmig gewählter Sieger hervorging. „Es herrscht eine maßlose Rechtsunsicherheit. Ich kenne europaweit sonst keine Stadt, wo das so ist“, klagt Krischanitz.

Nun ist sein Kampfgeist geweckt: Er sei von der Eigentümerin und Bauherrin Bundesimmobiliengesellschaft mit Planung und Umbau beauftragt und denke nicht daran aufzugeben. Andere Projekte des Architekten sind an politischen Kampagnen, Bürgerinitiativen und medialem Druck gescheitert, diesmal macht ihm der Denkmalschutz Probleme.

Krischanitz' Entwurf lässt die Fassade unangetastet, verändert aber die Silhouette. Die geplanten, bis zu zehn Meter hohen Glasaufbauten für die Brückenkopfgebäude wackeln nun gefährlich. Denn der Bescheid des Bundesdenkmalamts ist eindeutig. Demnach liegt die Erhaltung der Nibelungenbrücke sowie der Brückenkopfgebäude im öffentlichen Interesse, das Erscheinungsbild des Ensembles darf nicht verändert werden. „Auch ein Zeugnis der Unkultur ist ein Dokument“, erklärt Landeskonservator Wilfried Lipp.

Die Stadt Linz hat gegen diesen Bescheid nun berufen. Besonders stößt sich Planungsstadtrat Klaus Luger (SP) an folgenden Passagen: „Der gestalterische Anspruch der Brückenkopfbauten sowie die Tatsache, dass Adolf Hitler selbst in die Planungen eingriff, unterstreichen den historischen Stellenwert“ und „die mittlerweile als historisch zu betrachtende Brückenkopfverbauung (...) dokumentiert den Versuch, Linz als ,Führerstadt‘ umzugestalten (...) Als Zeugnis für die megalomanen urbanistischen Vorstellungen der NS-Herrschaft, die der Stadt Linz eine besondere Rolle zugedacht hatte, kommt der Bauanlage aus historischer Sicht, aber auch aus architekturhistorischer Sicht ein besonderer Stellenwert zu.“

„Wenn ich das lese, treibt es mir wirklich die Zornesröte ins Gesicht“, sagt Luger. Wichtig wäre in diesem Zusammenhang wohl auch zu erwähnen gewesen, meint Luger, dass der Granit von KZ-Häftlingen in Mauthausen abgebaut wurde und Zwangsarbeiter aus halb Europa den Bau realisiert haben. Insgesamt sei die zeitgeschichtlich-politische Bedeutung überbetont, da die Gebäude wirtschaftlichen Zwecken gedient hätten und die Pläne zur „megalomanen Führerstadt“ bekanntlich nie zu Ende gebracht wurden. „Jedenfalls sollte die Unterschutzstellung nicht dazu führen, dass bauliche Interventionen an der Brücke sowie an den Gebäuden, die bewusst die NS-Architektur brechen und damit auch die NS-Herrschaft reflektieren, unmöglich gemacht werden“, hält die Stadt Linz in ihrer Berufung dazu fest.

Der Ausgang des schwebenden Verfahrens ist ungewiss, aber schon die Auseinandersetzung, die die Causa nach sich zieht, zeigt, dass Linz längst nicht alles darf: Krischanitz' Glasaufbauten markieren auch die Spaltung der öffentlichen und veröffentlichten Meinung. Hat Linz nicht schon genug moderne Architektur? Oder ist sie im Gegenteil die einzige Chance für Linz?


Hitler als Stigma. Graz, Europäische Kulturhauptstadt 2003, durfte vielleicht auch nicht alles; vor allem junge Architekten haben und hatten es – wie in der letzten Ausgabe der „Presse am Sonntag“ zu lesen war – schwer, sich gegen die Lokalheroen und Stars wie Peter Cook, Ben van Berkel oder Vito Acconci durchzusetzen. Aber Graz war schon immer zumindest österreichische Kulturstadt, hatte nicht jenes Stigma der Lieblingsstadt Adolf Hitlers, mit dem Linz nun kämpft, nicht das graue Industriestadt-Image, das die Linzer heute als längst überwunden empfinden, das aber andernorts die Wahrnehmung noch immer prägt. Die im Vergleich zu Wien oder Salzburg bescheidene Ausstattung mit historischer Postkarteneleganz führte schließlich zu jener Neigung, mit der man Linz heute verbindet: zur Lust am Progressiven.

Mit dem neuen Ars Electronica Center (Andreas Treusch) und dem Lentos (Weber & Hofer) an den Donauufern, mit dem gläsernen Südflügel am Linzer Schloss (HoG architektur) und dem völlig umgekrempelten Bahnhofsviertel, mit den verbreiterten und großzügig gestalteten Plätzen hat Linz gezeigt, dass es auch anders, offener, urbaner kann. Das ist natürlich nicht nach jedermanns Geschmack. Und in letzter Konsequenz geht der Politik deshalb bisweilen der Mut verloren. Wie zum Beispiel beim zweieinhalb Jahrzehnte währenden Theater um ein Musiktheater. Der dramatische Höhepunkt in der vertrackten Vorgeschichte dieser Oper war der Baustopp am Standort Schlossberg nach einer Volksbefragung durch die FPÖ. Durch den Spatenstich vor zwei Wochen hat das Theater ein für die Opernbefürworter dann doch noch glückliches Ende genommen.

Ob es auch für die Glasaufbauten von Krischanitz in Linz noch ein Happy End geben wird?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2009)