Designfestival in Graz: Weltberühmt an der Mur

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GRAZ Kunsthaus(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Graz, Kulturhauptstadt a. D., hat sich heuer zum ersten Mal einen ganzen Designmonat verpasst. Ein Festival, das sich langfristig auch international etablieren soll. Zuallererst will man aber die Kreativen für die Grazer sichtbar machen.

Ihr erster Gedanke: ziemlich lang. Ein ganzer Designmonat. Da müsste doch eine Designwoche reichen, dachte Bettina Reichl, steirische Modedesignerin („Odrowaz“). In einer kleinen Stadt wie Graz.

Möchte man meinen. Weil die kleine Stadt aber genau das widerlegen und zeigen will, dass die steirische Designszene nicht (mehr) so klein ist, wie sie von außen (Wien!) oft wahrgenommen wird – oder eben nicht –, hat Graz zum ersten Mal einen ganzen Designmonat ausgerufen, der soeben gestartet ist (siehe Kasten). Ein wenig großspurig? Vielleicht. Aber doch auch „logisch“, findet Reichl mittlerweile, die mit ihrem Designerkollektiv Pell Mell mit dabei ist. Immerhin sei in die Grazer Designerszene in den vergangenen Jahren ein „Riesenschub reingekommen“, sagt Reichl. Pell Mell-Kollegin Karin Wintscher-Zinganel spricht von einem „ständig wachsenden Kreativpotenzial“, was auch an der steigenden Zahl an Kreativ-Ausbildungsstätten liege, dem noch recht jungen Studium „Industrial Design“ an der FH Joanneum etwa, oder der Modeschule Graz.

Wie alles begann. Was sich, und dazu brauchte es den Designmonat gar nicht, jedenfalls sagen lässt: Die Kreativen sind heute sichtbarer denn je, haben sich in der Stadt recht rasch – und zum ersten Mal – ein eigenes Viertel erobert. Früher hieß es: Lend, der Rotlichtbezirk. Heute darf sich Lend für sein Kreativviertel loben lassen und das angrenzende Gries, der Ausländerbezirk, gleich mit ihm. Zu verdanken ist das dem Kulturhauptstadtjahr 2003, in dem das Kunsthaus, das „Graz kann auch modern sein“-Beweismittel, hier am ungeliebten rechten Murufer realisiert wurde. Grafiker, Modemacher, Architekten, (Design-)Läden (Kwirl, tag.werk, etc.) siedelten sich hinter der blauen Kunsthausblase entlang der Mariahilfer Straße bis zum Lendplatz an. Wer als Erster da war – vielleicht das „Haus der Architektur“? –, weiß niemand mehr so genau.

Die Mieten waren (und sind) jedenfalls günstig, die Kreativen heute so zahlreich, dass sie nach und nach das Puff- und Nachtclub-Umfeld verdrängen, das sie als inspirierender empfunden haben als die schönen und braven Straßen am anderen, „besseren“ Murufer. Da ist es nur logisch, dass sich ein großer Teil des Designmonat-Programms ebendort, am rechten Murufer, abspielt, das Festivalzentrum im noblen Hotel Weitzer ist ums Eck.

Vieles, was nun unter „Designmonat“ firmiert, hat schon davor existiert. Denn neu erfunden haben die Organisatoren, die „Creative Industries Styria“ (CIS), eine Plattform für Wirtschaftstreibende und Kreative, wenig. Vielmehr will die CIS für die Kreativszene „vermarktungsmäßig einen Schirm spannen, unter dem Veranstaltungen unterschiedlichster Art gebündelt sind“, sagt Geschäftsführer Eberhard Schrempf.

Als da etwa wäre: Der „Lendwirbel“, ein Bezirksfest, das Kunst- und Kulturprojekte mittels „Street Gallery“ im öffentlichen Raum zeigt. Nur wenige Meter entfernt, in der Annenstraße, der die Stadt seit Jahren ratlos beim Niedergang zusieht, geht das „assembly“-Designfestival heuer ins sechste Jahr. Die leer stehenden Geschäfte werden als Schauräume für Mode, Design und Architektur umfunktioniert. Billiger Raum für die Kreativen, nebenbei soll die heruntergekommene Annenstraße („Immerhin eine der drei Grazer Straßen bei DKT“, so Schrempf) – wieder einmal – belebt werden. Heuer ist „assembly“ mit über 70 Designern, davon viele aus Ex-Jugoslawien, größer denn je.Dass sich „assembly“ im Designmonat wiederfindet, mag Sinn ergeben. Der Begriff „Design“ wurde aber recht großzügig interpretiert So hat man das etablierte „Springnine“-Festival ins Programm aufgenommen, obwohl der Sprung von Design zu elektronischer Musik doch ein recht großer ist. Taktisch nicht unklug: Das „Spring“-Festival, über die Stadtgrenzen bekannt, zieht junge Leute nach Graz. Genau das, sagt Schrempf, soll dem Designmonat passieren. Wenn es auch im Jahr eins vorrangig darum ginge, die hier ansässigen Kreativen für die Grazer sichtbarer zu machen. Ein internationalerer Touch soll schon nächstes Jahr gelingen.

Mögen & kennen. Das Timing für den ersten Designmonat ist übrigens kein Zufall. Eben hat sich Graz bei der Unesco für den Titel „City of Design“ beworben, den bisher nur sechs Städte (darunter Berlin) tragen. Das zeitgleiche Veranstalten eines Designfestivals soll zeigen, „dass wir dem Titel durchaus gerecht werden“, so Schrempf. Eine weitere Intention sei es, junge Kreative dazu zu bringen, in Graz zu bleiben. Bislang zog es die meisten eher weg als her. Wie die Steirerin Anita Steinwidder, die ihr Modelabel „unartig“ in der Wiener Friseur-Shop-Fusion „glanz & gloria“ vertreibt. Ein derartiges Geschäft, sagt sie, sei in Graz unmöglich. „Graz“, findet sie, „hat das Manko, zu klein zu sein.“ Sonst würde es ihr hier schon gefallen. „Die Kreativen kennen und mögen sich hier alle. Wahrscheinlich kann man deswegen in Graz Projekte schneller umsetzen.“ Zum Beispiel kurzfristig ein Designfestival aufziehen. Einen ganzen Monat lang.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2009)

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