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Gerda Buxbaum: "Wien war nie Modemetropole"

Dr Gerda Buxbaum
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Nach zehn Jahren als Direktorin verlässt Gerda Buxbaum die Modeschule Wien. Zum Abschied spricht die Doyenne über das Imageproblem der Mode und schlechtes Styling im TV.

Kann man Modemachen lernen?

Gerda Buxbaum: Ich halte es da mit Chanel. Mode ist ein Handwerk. Oft haben mich schon weniger Talentierte durch Ehrgeiz und Fleiß am Ende mit der besten Arbeit überrascht. Nur wenn Kinder hier die Träume ihrer Eltern leben sollen oder wenn Eltern sie herschicken, weil das Schloss so schön ist, krieg ich die Krise.

Was dürfen potenzielle Arbeitgeber nicht von Hetzendorf-Absolventen erwarten?

Niemand soll in der Modeschule Mainstream entwerfen. Der Fantasie muss Raum gegeben werden, sonst entwickelt man kein Gestaltungspotenzial. Designer müssen übertreiben, damit es abgespeckt werden kann.

Genau dieses Übertreiben der Mode provoziert viele Leute. Warum?

Weil Wien nie Modemetropole war. Schuld sind die Habsburger. Die waren nicht sinnlich und luxusliebend, sondern bodenständig und bescheiden. Sie hatten ihre Macht von Gott. Und immer wenn kirchliche Macht über weltlicher stand, gab es keine Dekolletees, keine wertvollen Materialien, keine Üppigkeit, keine Seidenstrümpfe.

Hat die Mode deswegen heute noch das schlechte Image des Oberflächlichen?

Ja, das kommt aus unserem mangelnden Selbstwertgefühl. Immer wurde uns eingetrichtert, man ist selbst nicht wichtig. Man muss seine Pflicht erfüllen. Damit kann Mode nicht Fuß fassen. Und mit Styling, also der Kombination von Teilen und Schmuck, haben Österreicher ja auch ein Problem.

Wiener Mode gibt es also nicht?

Ich habe eines meiner Bücher bewusst nicht „Wiener Mode“, sondern „Mode aus Wien“ genannt, weil hier immer nur verschiedene Einflüsse interpretiert wurden. Heraus kam die typische wienerische Mischkulanz. Nett und adrett. Natürlich gab es positive Ausnahmen. Gertrud Höchsmann etwa, von der niemand redet. Sie war kreativ, hat nie Trends aus Paris abgeschaut. Genau wie Adele List. Beide bescheidene, zurückgezogene Frauen, nicht so wie Adlmüller, der ein Gesellschaftsschneider war. Heute würde man sagen, ein Seitenblicke-Mensch. Obendrein trug er stets Hochwasserhosen.

Warum genießt Mode in Österreich keine hohe Wertschätzung?

Daran sind die Designer auch selbst schuld. In Interviews sagen sie oft: Das ist mir gerade eingefallen. Das stimmt ja so nicht. Was sie alles bedacht haben, wie sie es positionieren, das sagen sie nicht dazu. Dadurch entsteht dieses Bild in der Öffentlichkeit: Mode entsteht einfach so (schnippt). Jeder versteht etwas davon, jeder kann das.

Können Interior-Designer besser erklären?

Sprachlich absolut. Das hat mich schon immer geärgert. Deshalb habe ich heuer auch ein Symposium zum Thema Mode & Text gemacht.

Warum gibt es kein Modeteam Österreich?

Teamarbeit ist nichts, was wir mit dem Löffel gegessen haben. Jeder will seine eigene Suppe kochen und berühmt werden. Ich hab es mit Berührungsängsten überhaupt nicht. Ich kooperiere mit der Angewandten genauso wie mit der Herbststraße. Aber es gibt wenige, die sich um die Sache mehr kümmern als um ihren eigenen Hintern.

Könnte man bei den Förderungen etwas verbessern?

Dem Ministerium muss man sagen: Machts keine Tropferln, machts anständige Förderungen. Wie in Eindhoven, da kriegt jeder Absolvent eine Werkstatt und 500 Euro im Monat. Dort schaffen allerdings nur sieben Leute pro Jahr den Abschluss, der Rest fliegt vorher raus. Ein gutes System, bei uns aber nicht machbar. Dann werden Design und Mode der Gegenwart im Gegensatz zur k. u. k. Zeit als unwichtig für den Tourismus betrachtet. Dabei könnten wir es so machen wie die Italiener in den 50ern – die Mode als Tourismusfaktor sehen. Da muss der Wien-Tourismus halt Gas geben.

Wer soll bei uns gefördert werden?

Die besten Abgänger aller Modeschulen. Es müsste genaue Kriterien geben, weil gute Schnittmacher, die in die Wirtschaft gehen, brauchen sicher eine ganz andere Unterstützung als die Gründer eines Modelabels.

Und wer soll die Besten herausfiltern?

Es müsste eine Jury geben mit Leuten aus Mode, Wirtschaft, Kunst und Journalismus, ein mindestens zur Hälfte internationales Expertenteam, damit man nicht im eigenen Saft brät. Dann gibt es auch keine Freunderlwirtschaft.

Sie ärgern sich oft über Mode in der Society-Berichterstattung.

Durch den Adabei-Journalismus kennen die Leute halt nur Thang de Hoo und La Hong und andere gute Designer nicht. Aber natürlich schaue ich mir auch viel an. Starmania etwa, weil ich wissen will, wie junge Leute ticken.

Die stylen sich doch nicht freiwillig so?

Ein wichtiger Punkt. Der ORF gibt einfach kein Modestatement ab. Dabei transportiert man Mode auch über Moderatoren. Ich wundere mich zum Beispiel über die zu engen Sakkos einer Moderatorin. Wenn sie sich umdreht, sieht man hinten 50 Querfalten. Ich habe ihr geschrieben, sie sei charismatisch und charmant, aber wieso bleibt der Knopf zu?

Rivalisieren Hetzendorf und Angewandte?

Wir sind unterschiedlich. Mir geht es ums Üben und Experimentieren, um Projekte und Praxis. Was uns fehlt, ist die Anbindung an andere Disziplinen. Der Austausch mit der Grafik und der Kunst wie an der Angewandten ist enorm wichtig. Die Angewandte setzt auf Stardesigner wie Lagerfeld, die mit ihrer Ausbildung die österreichische Mode prägen. Hetzendorf entwickelt einen individuellen Stil und holt die Qualität aus den Studenten. Deshalb stehen wir in der Presse oder bei der Unit-F leider oft an zweiter Stelle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2009)