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"Helden wie Antigone" - Revolution und Rebellion auf Kuba

(c) Wiener Festwochen
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Das einmalige Europa-Gastspiel aus dem Teatro El Público in Havanna hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Carlos Díaz (Regie) und Rogelio Orizondo (Text) spielen mit dem Pathos heroischer Mythen und postmodernen Zynismen. Eine bizarre, blasierte, üppige Revue.

Wird im Theater Akzent ein Schauspiel aus Kuba mit dem Originaltitel „Antigonón, un contingente épico“ angekündigt, sollte man erwarten können, dass es sich mit dem Mythos der jungen Frau aus Theben beschäftigt, die ihren Bruder Polyneikes gegen das Verbot ihres Onkels, des Königs Kreon, begräbt und dafür selbst zur Strafe lebendig eingemauert wird – auch wenn der Theaterzettel ausweist, dass dieses „Werk“ („obra“ ist auf Kuba ein Synonym für Revolution) von Gedichten des Nationalhelden José Martí (1853–1895) angeregt wurde, der den langen Unabhängigkeitskampf gegen Spanien mitorganisierte, der mit der Herrschaft der USA endete. Selbst wenn vom Autor Rogelio Orizondo behauptet wird, dass sein Werk auch „unsere Rebellion gegen diesen Sozialismus“ sei.

Dass es sich um Vergangenheitsbewältigung handelt, sieht man bei der Premiere am Sonntag bereits, ehe die fünf Schauspieler und auch Tänzer (Giselda Calero, Daysi Forcade, Luis Manuel Álvarez, Roberto Espinoza Sebazco und Linnett Hernández) die Bühne betreten. Diese ist mit mehreren Objekten aus Zeitungspapier versehen, Türme oder Mauern vielleicht. Im Zentrum steht eines, das als Leinwand dient. Dort sieht man dann in Schwarz-Weiß das Porträt von Martí, alte Filme aus Revolutionen, Prostituierte, Aufnahmen der Insel aus der Luft, Kolonnen von Soldaten und Revolutionären, Erschießungen, Leichenbilder. Der Tod ist stets präsent.

Hier ist Kuba, hier ist Theben, in dem Kreon um Ordnung im Chaos bemüht ist und Antigone um ganz andere Wege der Freiheit. Wie aber stellt die Truppe aus Havanna Begräbnisse dar? Vier Darsteller kommen auf die Bühne, tanzen, leiden, trösten sich mit kleinen Gesten, schleppen einander herum, Frauen betten Männer in den Schoß, als ob sie eine Pietà spielen wollen.

 

Mama Kuba bleibt beweglich

Alle sind nackt. Ob das eine eigenwillige Interpretation griechischer Rituale ist, eine Anspielung auf Marmorstatuen, gar auf die Blößen, die sich beim Verwirklichen von Utopien ergeben, bleibt offen. Vielleicht ist es einfach nur heiß in Kuba. Das Fehlen von Kleidung ist auch praktisch, wenn Kopulationen angedeutet werden. Nur eine ist vorerst angezogen – Patria erscheint im kurzen roten Kleid mit Rollkoffer. Dieses Symbol scheint eindeutig: Die scharfe Mama Kuba bleibt beweglich.

Bald ziehen sich die Darsteller an, tragen Perlenkleider, leuchtende Röcke, Uniformen wie von Pionieren – eine Modenschau, von lautem Deklamieren begleitet. Vor allem die Frauen versuchen, das Vergangene wortreich zu deuten. Zuweilen zitieren sie Kubas größten Führer, Fidel Castro, wahrscheinlich aus ausufernden Feiertagsreden. Dieses kubanische Universalgericht ist allzu üppig. Worum geht es? Um die Mütter, die Heimat, all die Liebe, die im deformierten 20.Jahrhundert nicht sollte sein. Die Gegenwart wird ebenfalls verspottet, das käufliche Paradies in Gestalt von Streetgang-Machos. Körper verbiegen sich, die Sprache wird vulgär, poetisch, unfassbar pathetisch. Ist die Heldentodverherrlichung ehrlich gemeint oder schon wieder zynisch? Wer weiß das schon!

Solch eine exotische Collage lässt wohl viele bei der Interpretation allein. Betrachten wir aber das „Werk“ aus der Sicht der enttäuschten Jugend, etwa aus jener Antigones: Dann könnte jeder Onkel schrecklich sein, ob er nun Kreon, Che, Raoul oder Uncle Sam heißt. Nur die Liebe zur roten Patria bleibt in dieser Aufführung eine große Sehnsucht.

Termine im Theater Akzent: 26. und 27. Mai, 20 Uhr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2015)