Der „Rosenkavalier“, populärstes Werk der Festspielgründer Hofmannsthal und Strauss, wurde von Harry Kupfer und Franz Welser-Möst von Grund auf renoviert.
Mozart, das verstand sich an der Salzach von selbst, musste der Primus inter Pares sein. Auch Beethovens „Fidelio“ genoss sogleich Hausrecht, Hofmannsthal und Strauss kamen zunächst mit der orchestral so bescheiden besetzten „Ariadne auf Naxos“ an die Reihe.
Doch schon 1929 erschien „Der Rosenkavalier“ erstmals auf dem Salzburger Spielplan. Clemens Krauss stand am Dirigentenpult und (Starkult schon damals) die beiden Hauptdarsteller genießen bis heute legendären Rang: Lotte Lehmann, die Marschallin, Richard Mayr, die Inkarnation des Ochs auf Lerchenau: Bis heute wird diese Partie mit seinem Namen assoziiert. Allein in Salzburg gestaltete Mayr den Ochs bis Mitte der Dreißigerjahre in sämtlichen Aufführungen.
Für alle Zeiten gültig. Die Produktion war selbstverständlich jene, die schon die Besucher der Dresdner Uraufführung gesehen hatten: Das Bühnenbild, wie Alfred Roller es entworfen hatte, sollte nach dem Willen der Autoren für alle Welt und für alle Zeiten gültig bleiben. Daraufhin hatte Hofmannsthal seine szenischen Angaben im Libretto ausgerichtet – und die Abendregisseure sollten sie so präzis wie möglich in die Tat umsetzen. Das verstand man unter Regie – interessanterweise gilt diese Anschauung für Musical-Novitäten etwa aus der Feder eines Andrew Lloyd Webber bis heute; man erhält die Aufführungsrechte nur, wenn man Bühnenbilder und Inszenierung miteinkauft.
In der Oper ist das anders. Doch hat sich in Sachen „Rosenkavalier“ der Respekt vor dem Willen der Urheber lang gehalten: Noch George Szell dirigierte die Festspiel-Aufführungen von 1949 in den Dekorationen Rollers – übrigens fand die letzte Vorstellung am 29. August, wenige Tage vor Richard Strauss’ Tod statt . . .
Eine Filmlegende. Das Werk hatte längst jegliche Konkurrenz um den ersten Platz hinter den fünf meistgespielten Mozart-Opern hinter sich gelassen, auch den „Fidelio“. Es galt als sichere Wahl, den „Rosenkavalier“ auch zur Eröffnung des neuen Festspielhauses anzusetzen. Hausherr war damals längst Herbert von Karajan: Er dirigierte die Eröffnungspremiere in einer Inszenierung Rudolf Hartmanns in Bühnenbildern von Teo Otto, die später auch verfilmt wurde. Was Musikfreunde in diesem Filmdokument zu sehen bekommen, ist in vielem liebevoll an Alfred Rollers Original-Dekors orientiert; und in allem an Hofmannsthals Regieanweisungen. Auch diese Produktion hielt sich lang auf dem Spielplan und wurde nach einem kurzlebigen, hollywoodesken Deutungsversuch 1983 (von Karajan selbst inszeniert) noch einmal aufgenommen.
Erstmals ohne jede Kürzung! Erst mit Übernahme der Intendanz durch Gerard Mortier war es mit dem traditionellen „Rosenkavalier“-Bild bei den Festspielen vorbei. Zunächst Herbert Wernicke, danach Robert Carsen zeigten Neudeutungen, die nicht nur Hofmannsthals Doppelbödigkeit, sondern auch die lang festgefügte Aufführungstradition ironisch-zynisch hinterfragten.
Nun kam im Vorjahr ein neuer „Rosenkavalier“ auf die Bühne, der wiederum eine Umwertung aller Werte mit sich brachte: Harry Kupfer, der Altmeister des peniblen, jede Regung von Text und Musik hinterfragenden und aufzeigenden Bewegungstheaters, entschloss sich im Verein mit dem Dirigenten Franz Welser-Möst, eine Lesart auf die Bühne zu bringen, die radikal anmutete, gerade weil sie auf Punkt und Komma der Partitur von Richard Strauss vertraute.
Aus Fleisch und Blut. Daran hat über die Jahrzehnte niemand gedacht: Die sogenannte Aufführungspraxis hat noch unter den Augen von Komponist und Textdichter Kürzungen angebracht, die manche Szene zum Teil arg entstellt haben. Deshalb, und weil Harry Kupfer als sensibler Psychologe die Figuren von Phrase zu Phrase in der Musik abgelauschten Gebärden lebendig werden ließ, geriet die Premiere des Jahres 2014 für viele zu einem Erweckungserlebnis. Nicht zuletzt die Figur des Ochs auf Lerchenau gewann Profil durch die Gestaltung Günter Groissböcks, der als Erster wirklich die gesamte Partie sang und spielte, wie sie bei Hofmannsthal und Strauss geschrieben steht. Der Baron erschien weniger polternd, gar nicht mehr oberflächlich. Ein Mensch aus Fleisch und Blut, keine Marionette.
Dergleichen scheint für eine Festspiel-Produktion beinah wichtiger als zeitgeistige Hinterfragungen: Man erlebt, frisch wieder aufbereitet, was die Figuren wirklich zu sagen haben, hört, dank glänzender musikalischer Feinarbeit, was sie fühlen und denken – also: den alten „Rosenkavalier“, ganz neu.