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Burgtheater: Abschiedslied der Zugvögel

Klaus Bachler.
(c) APA (Christian Kaufmann)
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Ein wunderbares Tschüss von Regisseur Franz Wittenbrink als letzte Uraufführung unter dem scheidenden Chef Klaus Bachler.

Es gibt Abende, da stellt sich selbst im staatstragenden Burgtheater herzergreifende Intimität ein. Clubatmosphäre im großen Haus. Am Freitag gab es solch rare Momente. Franz Wittenbrink inszenierte gemeinsam mit Stephanie Mohr eine Revue mit einem Motto aus Rilkes Duineser Elegien: „So leben wir und nehmen immer Abschied“. Das von Ironie gebrochene Pathos reizte zum Lachen: „Baba und fall net“ wäre eine ebenso passender Titel für die Uraufführung gewesen – die letzte unter Direktor Nikolaus Bachler, der seit einer Saison schon öfter im neuen Job an der Bayerischen Staatsoper zu finden war als beim Abschiednehmen in Wien.

Wittenbrink/Mohr bescheren ihm ein fantastisches Abschiedsgeschenk. Mit Stefan Kallin (Klavier), Andreas Radovan (Gitarre), Bernhard Moshammer (Bass), Otmar Klein (Gebläse) und Lenny Dickson (Drums) sorgt die Regie für den perfekten Sound, der mühelos an die 50 musikalisch-literarische Schmankerln zu einer zweistündigen Abschiedssymphonie verwebt: Schubert und Rühm, Heidegger und Lindenberg, Rilke und Jandl, Dylan und Beckett, Hansi Lang und Nina Hagen – abgründige Schnulzen vereinen sich zum großen Tschüss.

Elf Burg-Schauspieler zeigen ungewöhnliche Facetten, tanzen, singen und spielen wie am Broadway: Im Terminal eines Flughafens mit dem nächtlichen Panorama einer Stadt am Strom (Bild: Thomas Dreißigacker) warten Reisende darauf, bald einfach weg zu sein, wuselt Personal. Abschied und neue Beziehungen, alles eins. Es regnet. Stimmung: Blues. Vorerst. Dann geht die Post ab.

Da ist das Söhnchen (Markus Meyer) im Trachtensakko. Brav sitzt er neben der Mama (Kirsten Dene), doch plötzlich explodiert in ihm die Leidenschaft, er träumt von exotischen Schönen in Mexiko. Seine Tanzeinlage löst beim Publikum Begeisterungsstürme aus. Er ist der „Devil In Disguise“. Dene kontert mit dem Temperament einer Tina Turner in den besten Jahren. So singt sie inbrünstig „It Was A Very Good Year“ (Erwin Drake), nachdem Julia Hartmann gekonnt als Girlie „Ich erkenne mich nicht wieder“ (Wir sind Helden) gehaucht hat.

Enthüllungen en masse: Ulli Fessl spielt eine Putzfrau, die zu Melina Mercouri mutiert, wenn sie „Ein Schiff wird kommen“ interpretiert, Jürgen Maurer mimt den gewissenlosen Manager, der sich in eine karibische Sex-Maschine verwandelt. Oft enden Sequenzen in schöner Vielstimmigkeit: „Irgendwo auf der Welt“ gibt es immer komödiantische Harmonie. Und Momente, die einen zum Weinen bringen; wenn „Penelope, angfressn“ von Elfriede Gerstl rezitiert wird, oder wenn bei Jandl grausam, aber in romantischer Manier eine Amsel verstümmelt wird: „das müßt ein wahrer vogel sein / dem niemals fiel das landen ein“ singt ausgerechnet der Pilot (Bernd Birkhahn). Er wird von Pauline Knof als Stewardess mit Energiedrinks und Wodka versorgt.

 

Tolldreistes Terminal

Knof ist glänzend in ihrer Variationsbreite und gut bei Stimme. Aber an diesem Abend glänzen alle. Delia Mayer, traurigfrohe Witwe, wird punktuell expressiv wie die Callas, Johannes Krisch als Rocker-Relikt mit dem T-Shirt-Spruch „It's not gonna suck itself“ singt „It's All Over Now“ aggressiver als Bob Dylan. Moritz Vierboom, Arbeiter am Gerüst, verbindet Pop mit Klassenkampf. Rätselhaft und intensiv spielt Tamara Metelka eine Security-Angestellte – mal Todesengel, mal schizophrener Braunbär. Schließlich vereint sich das Ensemble zur „Mondnacht“ von Schumann und Eichendorff. Das enthusiasmierte Publikum fordert Zugaben. Zu Recht. Ein tolldreistes Terminal.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2009)