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Kritik Konzerte: Wenn Singvögel vor Neid erblassen

Hilary Hahn.
(c) AP (Mark J. Terrill)
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Jubel für die Geigerinnen Hilary Hahn und Viktoria Mullova. Jakov Kreizberg und die Wiener Symphoniker lieferten eine durchaus akkurate, klangschöne Begleitung für Hahn.

Kühle Perfektion wird der US-Geigerin Hilary Hahn gerne unterstellt. Fast so, als ob man die in manchen Momenten tatsächlich überirdisch erscheinende technische Brillanz der noch nicht 30-jährigen Virtuosin durch das Adjektiv kühl auf menschliches Normalmaß stutzen müsste, um sie zu ertragen. Vielleicht auch ein leises Unbehagen angesichts der Kompromisslosigkeit, mit der Hahn durchzieht, was sie – die Geige wie eine Waffe im Anschlag – gerade unter ihren Fingern hat, sei es eine Bach'sche Solosonate oder – wie vor Tagen im Wiener Musikverein – das Sibelius-Konzert.

Hier erweckte Hahn jedenfalls keineswegs den Eindruck eines musikalischen Kühlschranks, sondern den einer introvertierten Interpretin, die mit größter Ernsthaftigkeit zu Werke geht und die ihre Fertigkeiten, vom glasklaren Laufwerk über die makellosen Doppelgriffe bis hin zu den Trillern, bei denen jeder Singvogel vor Neid erblassen würde, nie als artistisches Blendwerk einsetzt, sondern immer in den Dienst der Sache stellt. So wie ihr feines Piano, das sie am Ende des zweiten Satzes wie einen Seidenfaden durch den Saal spannte.

Das Wort Konzert wird ja auf concertare, wetteifern, zurückgeführt. Doch wäre es bei allem Wettstreit doch vorteilhaft, wenn alle Beteiligten die gleiche musikalische Sprache sprechen würden. Jakov Kreizberg und die Wiener Symphoniker lieferten eine durchaus akkurate, klangschöne Begleitung für Hahn, doch wollten sich die beiden Komponenten kaum je zu einem organischen Ganzen verbinden. Immer öfter suchte Hahn am Dirigenten vorbei den Blickkontakt zu den Musikern und deutete ihnen bisweilen sogar Crescendi und Akzente an. Am Ende blieb das Gefühl, dass trotz einer formidablen Solistin und einer ordentlichen Orchesterleistung die entscheidende Brücke dazwischen gefehlt hat.

 

Geglückte Gratwanderung

Ganz anders am nächsten Tag im Konzerthaus, bei Viktoria Mullova und dem RSO Wien. Der junge, hochbegabte russische Dirigent Tugan Sokhiev erwies sich beim zweiten Violinkonzert von Sergej Prokofieff als hochsensibler musikalischer Weggefährte für seine Landsfrau. Kein Blatt Papier passte da zwischen Solistin und Orchester, mit einem Atem, einem Willen unternahmen sie die Reise durch Prokofieffs prächtig schillerndes Farbenreich. Im Vergleich zu Hahn ist Mullova die offenere Musikerin, sie präsentiert sich dem Publikum ungeschützter, gibt mehr von sich preis – und bleibt dabei doch völlig unprätentiös. Dabei wirkt ihr Spiel etwas zerbrechlicher, man hat stets ein wenig Angst um diesen fragilen Ton, der dank Mullovas Erfahrung freilich nie abstürzt und gerade durch diese gefährliche Gratwanderung zu berückenden Ergebnissen führt.

Die zweite Konzerthälfte gehörte dann ganz dem RSO und Sokhiev, die bei Rachmaninows Symphonischen Tänzen Opus 45 einen ekstatischen Klangrausch entfachten, wie man ihn in dieser Intensität selten erlebt. Die Musiker schienen förmlich um ihr Leben zu spielen – was angesichts der möglicherweise drohenden Schließung dieses wunderbaren Orchester leider nicht so weit hergeholt ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2009)