Neues Virus: Kommt die Pandemie? Eher nein

Passenger Maria Pia, of Uruguay, wears a protective face mask as she waits for her flight at the airp
Passenger Maria Pia, of Uruguay, wears a protective face mask as she waits for her flight at the airp(c) AP (Marco Ugarte)
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Im Gegensatz zur Vogelgrippe breitet sich der Erreger von Mensch zu Mensch aus. Das Virus lässt sich durch gängige Influenza-Medikamente gut behandeln.

Seit Sonntag gilt in den USA der „Gesundheits-Alarmzustand". Die Regierung reagierte damit auf die Tatsache, dass bereits in fünf Bundesstaaten, darunter New York, insgesamt 20 Erkrankungen der Schweinegrippe bei Menschen aufgetreten sind. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte schon am Samstag gewarnt, das neuartige Virus habe das Potenzial, eine Pandemie auszulösen.
Wie gefährlich es tatsächlich ist, müssen weitere Tests zeigen. In Mexiko, wo das Virus zuerst auftrat, starben bereits mehr als 100 Menschen an Grippe, bei etwa einem Fünftel ist die Schweinegrippe als Ursache erwiesen. Das öffentliche Leben wurde weitgehend lahmgelegt.

1. Worum handelt es sich bei dem neuen Schweinegrippevirus?

Schweine können wie Vögel oder Menschen an Grippeviren erkranken. Diese Viren werden anhand zweier Bausteine – Hämagglutinin (H) und Neuraminidase (N) – klassifiziert. Das 2003 aufgetauchte Vogelgrippevirus war vom Typ H5N1, das nun in Mexiko grassierende ist vom verbreiteten Typ H1N1. Geschätzte 30 bis 50 Prozent der Tiere in US-Schweinefarmen machen einmal eine Infektion durch. Schon bisher konnte es bei intensivem Kontakt zu einem Überspringen der Viren auf den Menschen kommen, jedoch nur sehr sporadisch, sagt Franz X. Heinz, Chef des Instituts für Virologie an der Medizin-Uni Wien. Auch einzelne Fälle sind dokumentiert, in denen die Krankheit damals auf andere Menschen überging.

2. Ist das neue Virus gefährlicher als die Vogelgrippe?

Ja und nein. Nein, weil das Virus offenbar weit weniger aggressiv ist als die Vogelgrippe, die fast alle infizierten Menschen tötete. Ja, weil es – im Gegensatz zur Vogelgrippe – offenbar leicht von Mensch zu Mensch weitergegeben wird.

Grippeviren können genetisches Material untereinander austauschen. Das macht sie gefährlich und unberechenbar. Der Erreger aus Mexiko ist eine Neukombination von Virenbestandteilen aus Mensch, Schwein und Vogel. Der Typ H1N1, zu dem es gehört, löst häufig die „normalen“ saisonalen Grippewellen aus.

Auch die „Spanische Grippe“, die nach dem Ersten Weltkrieg zwischen 25 und 50 Millionen Menschen tötete, gehörte zu diesem Typ. Damals starben auffällig viele junge, widerstandsfähige Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Auch beim Ausbruch in Mexiko wird dies beobachtet.

3. Ist das der Beginn, der seit Langem befürchteten Pandemie?

Die WHO hat den Ausbruch in die Kategorie drei ihrer sechsstufigen Skala eingeordnet. Bei Stufe sechs spricht man von einer Pandemie, der raschen und anhaltenden Übertragung von Mensch zu Mensch. Morgen, Dienstag, will die WHO anhand weiterer Daten eine Neubeurteilung der Gefährlichkeit des Virus vornehmen.

Experte Heinz wollte am Wochenende „kein Pandemieszenario“ malen, auch sein Kollege Emil Reisinger hält eine Pandemie „für eher unwahrscheinlich.“

Fest steht, dass der wichtigste Motor einer Pandemie der Flugverkehr ist. Berechnungen deutscher Forscher ergaben, dass durch die Herausnahme der international am stärksten vernetzten Flughäfen wie Frankfurt, London, Paris, Amsterdam und New York aus dem Verkehr die Ausbreitung deutlich verlangsamt werden könnte.

4. Wo hat sich das Virus bisher ausgebreitet?

Ausgangspunkt des Virus ist Mexiko. Dort starben bisher mindestens 81 Menschen, wobei nur bei einem Viertel das Virus bisher zweifelsfrei als Ursache festgestellt werden konnte. Bis zu 1300 Menschen erkrankten. Aus den USA wurden weniger als zwanzig Fälle gemeldet, in Neuseeland erkrankten zehn Schüler, die aus Mexiko zurückkehrten. Verdachtsfälle gab es am Sonntag in Frankreich und Spanien sowie in Israel.

5. Was sind die Symptome, und wie behandelt man die Krankheit?

Die Anzeichen entsprechen den bekannten Grippesymptomen: Fieber, Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Husten. Darüber hinaus klagen einige Erkrankte auch über Erbrechen und Durchfall. Die Übertragung findet vor allem durch Tröpfcheninfektion statt. Am Ausbruchsherd Mexiko wird daher empfohlen, Menschenansammlungen zu meiden.

Bisher deutet alles darauf hin, dass sich das neue Virus mit den bekannten Neuraminidase-Hemmern Tamiflu oder Relenza gut behandeln lässt. Den besten Schutz würde eine Impfung bieten. Die muss, um zuverlässig zu wirken, aber auf das neue Virus „maßgeschneidert“ werden. Die Entwicklungs- und Produktionsphase dauerte bisher rund 20 Wochen, mithilfe einer neuen Technologie soll die Spanne auf zwölf Wochen reduziert werden.

Da ein H1N1-Virus auch die letzte „normale“ Grippe verursachte, dürften Menschen, die gegen diese bereits geimpft wurden, teilweise durch eine sogenannte „Kreuzimmunität“ auch gegen die neu aufgetauchte Schweinegrippe geschützt sein. Dies würde erklären, dass die Zahl der Erkrankten in den USA bisher sehr niedrig geblieben ist.

6. Kann man noch bedenkenlos Schweinefleisch essen?

Ja. Es gibt keinen Hinweis, dass das Virus, das ja in der Zucht häufig beobachtet wird, durch den Verzehr von Fleisch übertragen wird. Wer ganz sichergehen will, sollte es aber vollständig garen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2009)

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