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Japan zahlt Prämie für Ausreisewillige

(c) AP (David Guttenfelder)
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Japan legt überflüssigen Gastarbeitern die Ausreise nahe, selbst wenn sie japanischer Abstammung sind. Wer sich "freiwillig" in die Heimat abschieben lässt, hat keine Chance auf Wiederkehr.

Tokio. Was kostet in Japan ein Ausländer? Wer als Zugewanderter freiwillig ausreist, erhält jetzt eine einmalige Zahlung von umgerechnet 2300 Euro und für jedes Familienmitglied weitere 1500 Euro. Bedingung: Die Emigranten dürfen nie wieder in Japan arbeiten.

Als Rita Itoh kürzlich ihren Job verlor, stand die Mutter dreier Kleinkinder vor der Alternative: ein fast aussichtsloser Gang zum Arbeitsamt oder bezahlte Ausreise. Als Suzuki Motors auch noch ihren Mann Ronaldo feuerte, blieb der Familie des gebürtigen Brasilianers japanischer Abstammung kaum eine andere Wahl. „Ich habe meinem Mann gesagt: ,Lass uns die Kohle nehmen und verschwinden. Die wollen uns nicht mehr‘“, erzählt Rita mit Tränen in den Augen. Die 36-Jährige ging zur Stadtverwaltung von Hamamatsu, holte die „Kopfgelder“ ab und bestieg unter Aufsicht der Behörden den Flieger in Richtung Rio de Janeiro.

Als Nippons Fahrzeugindustrie vor drei Jahren boomte, suchte Hamamatsu, wo Yamaha und Suzuki montieren lassen, fleißige und genügsame Arbeitskräfte. Wegen der rigiden Einreisebestimmungen waren Menschen gefragt, die in ihrem Stammbaum eine japanische Blutslinie aufweisen: vor allem Leute aus Brasilien, Peru oder anderen südamerikanischen Staaten, denn dorthin waren in vorindustrialisierten Zeiten arme Reisbauern aus Japan ausgewandert. Laut Regierung leben 400.000 Latino-Japaner im fernöstlichen Inselreich. Für sie alle gilt die zeitlich begrenzte „Abwrackprämie“.

 

Keine Chance auf Rückkehr

In Tokio macht keiner ein Hehl daraus, dass „die Fremden mit ihrem Abgang den Druck aus dem Arbeitsmarkt nehmen sollen“, wie Nobuko Sanui, Direktor für Beschäftigungsfragen beim Unternehmerverband Keidanren, einräumt. Hidenori Sakanaka sieht dieses „Regierungsangebot“ weit weniger technokratisch. „Es ist hartherzig und menschenverachtend“, urteilt der Direktor des Instituts für japanische Immigrationspolitik, einer staatlichen Behörde. „Und es ist kurzsichtig. Sicher befinden wir uns in einer Rezession, aber welche Zukunft hat die alternde japanische Gesellschaft ohne ausländische Gastarbeiter?“

Latinos, Iraner, Pakistani, Chinesen und Filipinos erledigen in Japan die „3-K-Jobs“ – das steht für kitsu, kitanai, kiken, also schwer, schmutzig und gefährlich. Dennoch können sie ein Vielfaches des Landesdurchschnitts ihrer Heimatländer verdienen und ernähren oft ganze Familien oder Dorfgemeinschaften. Viele, wie der 30-jährige Claudio Mishimori, haben Zeit und Geld in Ausbildung investiert. „Ich lebe seit 13 Jahren in Japan und kann bei der Rückkehr in die alte Heimat kaum auf einen gut bezahlten Job hoffen.“ Auch würde man die Tür nach Japan zuschlagen. Wer sich „freiwillig“ in die Heimat abschieben lässt, hat keine Chance auf Wiederkehr. Nicht einmal seine in Japan geborenen Kinder werden eine Arbeitsgenehmigung erhalten.

„Natürlich wollen wir diese Leute nicht nach ein paar Monaten zurückhaben“, verdeutlicht unverhohlen der Abgeordnete der Liberal-Demokratischen Partei Jiro Kawasaki. „Wir geben Steuergelder aus, um Jobs für Japaner zu schützen“, erklärt der Regierungspolitiker. „Selbst die 3-K-Jobs sind noch so gut bezahlt, dass sich Japaner dafür nicht zu schade sein sollten. Und überhaupt darf unser Land niemals eine multikulturelle Gesellschaft werden wie die USA.“

Inzwischen ist die Stimmung zwischen Behörden und Emigranten in Hamamatsu so eisig geworden, dass die für Ausländer reservierte Grundschule geschlossen wurde. Allein dort haben sich 1000 Brasilianer entschieden, Japan den Rücken zu kehren, erzählt Wellington Shibuya, der seit sechs Jahren hier arbeitet. „Bevor sie uns wie räudige Hunde mit einem Fußtritt aus dem Land kicken.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2009)