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Simon Stone: „Borkman gibt es noch immer“

(c) Reinhard Maximilian Werner
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Regisseur Simon Stone steckt die Figuren alter Stücke in eine Zeitmaschine. Ein Gespräch über Banales im Theater, Macht und Stücke, die nie fertig sind.

Zeit hat er eigentlich nie“, gibt sich die Pressesprecherin anfangs wenig ermunternd. Die Rede ist von dem australischen Ausnahmeregisseur und Dramatiker Simon Stone, der für die Wiener Festwochen Ibsens „John Gabriel Borkman“ adaptierte. Der „Liebling der Theatergötter“ (Zitat: „Die Welt“), der sich fürs „Schaufenster“ doch etwas Zeit nahm, ist viel unterwegs. Sein Leben ist hektisch, seit die europäische Theaterwelt vor zwei Jahren auf ihn aufmerksam wurde: Da zeigte er seine Neufassung von Ibsens „Wildente“ bei den Festwochen, Theater in ganz Europa laden ihn seither ein, die Kritiker schwärmen von dem 30-jährigen Talent.
Stone zeigt sich dankbar: „Es ist großartig, mit den Häusern zu arbeiten, die ich so lange bewundert habe.“

Der Sohn australischer Wissenschaftler wurde in Basel geboren, mit sieben Jahren zog er nach Cambridge, wo sein Vater an der Uni lehrte, später nach Melbourne. Sein Interesse am Theater wurde schon in frühen Jahren geweckt. Mit elf verbrachte er eine Winterwoche in Wien und ging jeden Tag in die Oper, von den billigsten Stehplätzen aus lauschte er den Sängern, „manchmal sehr interessiert, manchmal sehr gelangweilt“. Als Teenager ging er jede Woche in Vorstellungen. Er studierte Schauspiel, begann, Regie zu führen. „Es gab eine große Lücke zwischen dem experimentellen Theater der freien Szene und den konservativen Stadttheatern, die so etwas wie eine schlechte australische Broadway-Kopie waren.“ Stone versuchte, diese Lücke zu füllen, er wollte Theater machen, das zeitgenössisch ist, aber dennoch Publikum anzieht. Er gründete die Theaterkompanie „The Hayloft Project“. Sein Plan ging auf.

Hamlet schaut den Song Contest. Das Besondere an Stones Stücken: Er bedient sich alter Stoffe, lässt sie aber nicht in alten Zeiten liegen. „Ich stecke die Figuren eines Stückes in eine Zeitmaschine und lasse sie ihre Geschichte in unserer modernen Welt erleben“, sagt er. „Stell dir vor: Heute in Wien. Jemand hat gerade einen anderen im Keller umgebracht. Jetzt muss er organisieren, dass die Leiche beseitigt wird, aber sein Telefon funktioniert nicht. Also ruft er bei A1 an, um sich zu beschweren.“ Geht es nach Stone, so könnte das durchaus Inhalt eines Theaterstücks nach Shakespeareschem Vorbild sein. Warum auch nicht? Früher wurden Briefe verwechselt oder Boten aufgehalten, heute geht halt das Handy oder das WLAN nicht, der Effekt ist derselbe: Eine Nachricht kommt nicht an, ein Plan wird vereitelt, die Folgen sind dramatisch.

„Das deutschsprachige Theater ist eines der wenigen auf der Welt, wo neue Dichtung fast nie realistisch ist“, sagt Stone. Menschen auf der Bühne banale Dinge sagen lassen, wie im richtigen Leben eben, würden nicht viele Autoren wagen. Dabei würde eine zeitgemäße Sprache nicht bedeuten, dass die Probleme einer Figur weniger existenziell sind. Oder umgekehrt: „Nur weil Menschen auf der Bühne einander umbringen, heißt das nicht, dass sie noch immer wie Medea reden müssen. Kleopatra und Hamlet gibt es noch immer, sie leben in derselben Welt, in der wir leben, sie gehen auch um vier Uhr morgens in eine Bar oder schauen sich den Song Contest an. Das kann man nicht ignorieren!“

Auch John Gabriel Borkman gibt es noch immer, ist Stone überzeugt. Der ehemalige Banker, 1896 von Henrik Ibsen erdacht, hat nicht nur sein eigenes Vermögen verspekuliert, sondern auch seine Bank und zahlreiche Kunden finanziell ruiniert. Als er aus dem Gefängnis entlassen wird, schließt er sich verbittert auf dem Dachboden ein und wartet auf seine Rehabilitierung. „Es ist eine gute Zeit, um das Stück aufzuführen, weil Europa nach der Krise so besessen ist von der Schuldfrage“, sagt Stone.

Im digitalen Fegefeuer. Dabei tragen die Borkmans dieser Welt nicht die alleinige Schuld: „Wir haben ein System kreiert, wo einzelne Leute das Schicksal eines ganzen Landes verantworten“, sagt Stone. „Diese Leute sind noch immer die 16-jährige Version ihrer selbst. Sie müssen sich ständig beweisen. Man muss sich von solch kindischen Verhaltensmustern befreien, aber die meisten erfolgreichen Menschen hatten nie Zeit, das zu tun. Jetzt sind sie verantwortlich für Milliarden.“

Borkmans Charakter ist in Stones Neudichtung derselbe wie in Ibsens Vorbild, nur sitzt er jetzt im Dachboden eines modernen Hauses und verbringt seine Zeit damit, Wissenschaftssendungen im Fernsehen anzuschauen. Seine Frau redet per Skype mit ihrem Therapeuten, weil sie Angst hat, das Haus zu verlassen. „Nicht am Leben teilnehmen zu können schmerzt umso mehr, je mehr man eine digitale Verbindung nach draußen hat“, sagt Stone. Es sei, wie auf Facebook zu beobachten, wie glücklich die Ex-Freundin ohne einen ist – ein Fegefeuer. Stone hat in Australien schon mehrere Anläufe gewagt, das Stück zu inszenieren, konnte aber nie den richtigen Hauptdarsteller finden. Jetzt spielt Martin Wuttke den Ex-Banker, Birgit Minichmayr seine Frau, auch Roland Koch und Caroline Peters sind dabei. „Sie sind einfach außergewöhnliche Schauspieler“, sagt Stone über die Burgtheater-Darsteller. Er lässt sie am Textentstehungsprozess mitwirken. Dass ein Autor ein Stück schreibt und andere es dann ausführen, sei schließlich nicht, wofür die Kunst des Theaters erfunden wurde.

Ab der kommenden Spielzeit wird er am Theater Basel als einer von vier Hausregisseuren unter der Intendanz von Andreas Beck arbeiten. In seiner Geburtsstadt wird er sich wohl auch wieder eine Wohnung zulegen, sagt er. Wo er jetzt wohnt? „Gar nicht“, seit zwei Jahren nutzt er die Plattform Air-BnB, alle paar Wochen zieht er in ein neues Heim fremder Leute. Jetzt sitzt er in oranger Regenjacke im Gastgarten eines Wiener Cafés, der Regen trommelt leise auf das Stoffdach, Stones Zigarette geht ständig aus. Nach dem Interview wird er noch sitzen bleiben und am Stück weiterschreiben. Ganz fertig wird es wohl nie sein, die Welt dreht sich schließlich weiter. Genau genommen folgt Stone auch nur Henrik Ibsens Regieanweisung: „,In der Jetztzeit‘, steht am Beginn des Stückes. Das ist mein Job.“

Tipp

„John Gabriel Borkman“. Text-adaption und Inszenierung von Simon Stone, nach Henrik Ibsen. Mit Martin Wuttke, Birgit Minichmayr, etc. Bis 20. Juni, Akademietheater. www.festwochen.at