Porträt. Je größer sein auf Nahrungsergänzungsmittel spezialisiertes Unternehmen werde, sagt Biogena-Chef Albert Schmidbauer, desto größer werde seine Aufgabe als Werte- und Kulturmanager.
Im November wird es so weit sein: Dann übersiedelt Albert Schmidbauer mit seinen Biogena-Mitarbeitern in Salzburg in die neue Zentrale: Viel Raum für Kommunikation wird sie bieten, eine Bibliothek, Platz für Sport genauso wie für gemeinsames Essen – dieses ist für die Mitarbeiter kostenlos. Auch Schmidbauer selbst, der das auf Nahrungsergänzungsmittel spezialisierte Unternehmen 2006 gegründet hat, wird dann im Open-Space-Büro sitzen. „Open Space“, sagt er, „dient nicht der Flächen-, sondern der Kommunikationsoptimierung.“ Das entspricht seiner tiefen Überzeugung: Persönlicher Kontakt und direktes Gespräch sind dem 46-Jährigen wichtig.
Von Reglementierung und Kontrolle hingegen hält er wenig. Innerhalb der von der Unternehmensstrategie vorgegebenen Grenzen gibt er seinen Mitarbeitern alle Freiheiten. Das entspricht seiner Vorstellung vom Miteinander. „Je größer das Unternehmen wird, desto mehr werde ich zum Werte- und Kulturmanager“, sagt Schmidbauer. Und das Unternehmen wächst – in den vergangenen Jahren jeweils um 30 Prozent – und hält mittlerweile bei rund 200 Mitarbeitern.
Mitunternehmer sind gefragt
Worte wie Arbeitskraft mag Schmidbauer nicht. Er spricht von „seinen Mitarbeitern“ und hat dabei das Bild von Mitunternehmern vor Augen. Menschen, die Freude haben und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Rund 40 Teilzeitmodelle werden im Unternehmen gelebt. Auch eine der Geschäftsführerinnen – 80 Prozent der Führungskräfte sind weiblich – führt in Teilzeit. In ihrem Büro steht übrigens auch ein Gitterbett für ihr Baby. Zudem arbeiten manche Mitarbeiter bis zu 100 Prozent im Home-Office.
Zurück zur Kontrolle: Gerade in der Produktion sei Qualitätskontrolle wichtig. Deshalb unterwerfe er sich gern den (höheren) Pharma-Standards, auch wenn er eigentlich zu den Lebensmittelproduzenten zählt. „Der Unterschied ist“, sagt Schmidbauer, „ob ich kontrolliere, was ein Mensch tut, oder ob ich mir seine Arbeitsergebnisse ansehe.“ Schließlich sei es das Schlimmste, ständig beobachtet zu werden.
Wie gut das funktioniere, zeige sich in der Zufriedenheit der Kunden: Während andere Unternehmen oft 30 Prozent und mehr ihrer Ausgaben in Marketing investieren, halte er die Marketingquote unter drei Prozent. „Wir sind keine Kapsel-Company und geben auch keine Gesundheitsversprechen ab.“ Biogena arbeite mit 8000 Ärzten und Therapeuten zusammen, und jedes der 200 wissenschaftlich getesteten Präparate sollte stets im Zusammenhang mit der jeweiligen Therapie eingesetzt werden.
Oft werde er gefragt, wie sich Vertrauenskultur einführen lasse. „Ganz einfach: Ich muss selbst damit beginnen.“ Sehr selten komme es vor, dass jemand dieses Vertrauen missbrauche. „Warum soll ich 98 Prozent mit ständiger Kontrolle bestrafen, nur weil vielleicht zwei Prozent Grenzen überschreiten?“
Führung sei auf diese Weise viel einfacher, so könne auch er seine Arbeitszeit reduzieren. Noch etwas: Mitarbeitern werde vielfach zu wenig zugetraut, sagt Schmidbauer. Dabei hätten sie viel Gestaltungswillen und seien motiviert.
„Für die Leistungsbereitschaft bin ich nicht zuständig“, sagt er. Für die Leistungsfähigkeit schon: Daher bietet er Aus- und Weiterbildung an. Zusätzlich bekommt jeder Mitarbeiter jährlich den Biogena-Bildungstausender für Weiterbildung zur freien Verfügung: gleich, ob für ein Persönlichkeitstraining, den Führerschein oder einen Malkurs.
Gesundheit ganzheitlich sehen
Eine Eröffnung feierten Albert Schmidbauer und seine Frau Christine bereits vor wenigen Tagen: In der Wiener Stumpergasse bieten sie im Gasthaus „Zum Wohl“ 100 Prozent laktose- und glutenfreie Gerichte an. Die Entscheidung dafür sei einfach gewesen, sagt Schmidbauer. Immer mehr Menschen seien mit Lebensmittelunverträglichkeiten konfrontiert.
Da sei es für Unternehmer, denen Gesundheit in jeder Hinsicht am Herzen liege, klar, sich zu engagieren. Überhaupt hat Schmidbauer seinen eigenen Zugang zu Entscheidungen gefunden. „Entschieden muss nur werden, was nicht auf der Hand liegt.“ Eben dann, wenn es für alle Alternativen gleich schwerwiegenden Argumente gebe. Das halte er auch mit seinen Mitarbeitern so – entsprechend der Unternehmenswerte Vertrauen, Verantwortung, Wertschätzung und Mut: „Mitarbeiter sollen selbstständig Entscheidungen treffen können.“
ZUR PERSON
Albert Schmidbauer (46) war zunächst als Unternehmensberater tätig. 2006 gründete der promovierte Betriebswirt in Salzburg Biogena und konzentrierte sich erfolgreich auf die Entwicklung von Nahrungsergänzungsmitteln. Da ihm das Thema Gesundheit in jeder Hinsicht ein Anliegen ist, eröffnete er vor wenigen Tagen mit seiner Frau Christina in Wien das Gasthaus „Zum Wohl“, das laktose- und glutenfreie Gerichte serviert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2015)