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Gilgamesch: Unsterbliches in Favoriten

Gilgamesch
Gilgamesch(c) Sirene (Andreas Friess)
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Das Sirene-Operntheater zeigt in der ehemaligen Brotfabrik René Clemencics Vertonung des ältesten Epos der Menschheit.

Die schauerliche Meldung, dass unwiderbringliche Kulturgüter in Mesopotamien zerstört wurden, ist in der Flut schauerlicher Meldungen fast untergegangen. Was bedeutet schon die museale Bewahrung von Kultur angesichts unsäglichen menschlichen Leids? Ein Wink des Schicksals, dass man in der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrot-Fabrik in Wien gerade jetzt René Clemencics Vertonung von Episoden aus dem Gilgamesch-Epos zeigt.

Wie wollte man diesem erhabenen, längst allen stilistischen Koordinatensystem enthobenen Bericht über Leben und Streben des Königs von Uruk beikommen? Clemencic, Inbegriff des Poeta doctus, greift dank immenser Literaturkenntnis und musikalisch-handwerklicher Könnerschaft nicht nur auf einen jahrtausendealten Text, sondern auch auf Jahrhunderte der europäischen Musikgeschichte zurück.

 

Faszinierende Doppel-Retrospektive

Es gelingt ihm also eine doppelt jeglichem zeitlichen (Ein)Ordnungswahn entkoppelte Retrospektive: Seine Musik, dennoch wie aus einem Guss, bedient sich einer zwanglosen Mischung archaischer Klang-Topoi, scheint oft reduziert auf karge Zweistimmigkeit, orientiert an mittelalterlichen Organa oder gregorianischem Gesang. Dann wieder tönen die Posaunen und Tuben wie beim Jüngsten Gericht (oder die jüdischen Schofar-Bläser auf dem Schlachtfeld).

Andererseits empfängt die urbane Gesellschaft von Uruk das Naturkind Enkidu, das zu Gilgameschs treuem Begleiter wird, mit einer raffinierten Glockenklangstudie in Form eines Renaissance-Madrigals, nur an Dreiklangharmonien orientiert.

So kommt Abwechslung ins tönende Spiel, das Kristine Tornquist gewohnt simpel und – wie die Musik – aufs Wesentliche konzentriert in die karge Halle choreografiert hat. Gesungen und musiziert wird vom jungen Ensemble des Sirene-Operntheaters mit Engagement. In den tragenden Rollen: Countertenor Nicholas Spanos, Tenor Gernot Heinrich (Enkidu) und Lisa Rombach als Göttin Ischtar – sie alle von Clemencic gefordert, die extremen Register ihrer Stimmen auszureizen, was mehrheitlich bewundernswert unforciert gelingt. François-Pierre Descamps koordiniert „das Rote Orchester“ souverän mit der Bühne. Für Bebilderung sorgen Schattenspieler. Mehr braucht's nicht, dass 100 Minuten rasch verfliegen, während sich das Publikum mit den Urängsten und Urvisionen der Menschheit beschäftigen darf, mit Gottesfurcht und Machtstreben, Eitelkeit und Liebe und Tod und der Sehnsucht nach Unsterblichkeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2015)