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Wiener Festwochen: Borkman und die wilden Frauen

Roland Koch und Martin Wuttke
Roland Koch und Martin WuttkeAPA/GEORG HOCHMUTH

Simon Stone hat Ibsen keck überschrieben: Sein grelles Schauspiel, exzellent besetzt, mit Soap-Elementen, befremdete manche, wirkt aber klug und lebendig.

Schnee! Die Figuren versinken, wühlen darin, Flockenwirbel umgibt sie, macht aus ihnen verwunschene Raureifgespenster. Der Schnee ist ein prächtiger Gag, er erzählt aber auch etwas: Die Menschen in Ibsens „John Gabriel Borkman“, seit Donnerstag im Akademietheater als Festwochen-Koproduktion zu sehen, haben auf Gefühle, Liebe und Sex verzichtet, das Geld beherrscht sie, es hat sie erstickt, tiefgefroren.

Wirtschaftlichen Zusammenhängen brachte Ibsen (1828–1906) – mit dem Sozialismus liebäugelnder Spross einer alten Familie, dessen Vater pleite ging – ein tieferes Verständnis entgegen als etwa Brecht mit seinen mitunter schematischen Lehrstücken. Ibsens Welteroberer, Reeder, Baumeister erinnern an überdimensionierte nordische Helden, sie sind aber auch gefangen in ihrer Hybris, ihrem so selbstgewissen wie hochfahrend-rücksichtslosen Unternehmertum.

Im Akademietheater hat der Australier Simon Stone, der 2013 mit einer rasanten „Wildente“ im Käfig bei den Festwochen begeisterte, den „Borkman“ auf den ersten Blick „billig“ aktualisiert mit Internet, Handy, Millennium-Bug (der Angst vor Computerzusammenbrüchen zur 2000er-Wende), Britney Spears und Stefan Raab. Über all das sprechen Gunhild Borkman und ihre Zwillingsschwester, Ella, im ersten Akt. Im Vergleich zum lakonischen englischen Schnellsprech bei der „Wildente“ wirkt das Deutsche verhaspelt, unfreiwillig komisch.

Tatsächlich zeichnet Stone farbenreich die Entwicklung der vergangenen 25 Jahre nach: von den retrospektiv betrachtet prosperierenden 1990ern zur Wirtschaftskrise und ihren sozialen Verwerfungen ab 2007. John Gabriel, der Bankdirektor, Sohn eines Bergmanns, hatte eine schöne Position. Gestürzt wurde er von Hinkel, einem Anwalt, vermutlich im Auftrag der Aktionäre – nachdem John Gabriels Spekulationen (mit Rohstoffen, vielleicht auch mit Währungen) ruchbar geworden waren. Nachdem Hinkel Borkman erledigt hat, ist er Politiker geworden – und lebt als Retter der kleinen Sparer auf großem Fuß. Gunhild und Ella reden aber auch über ihre schwindende Jugend, die sie mittels sozialer Netzwerke festhalten wollen – und faktisch, indem sie sich an Gunhilds und John Gabriels Sohn, Erhart, den Ella aufgezogen hat, klammern.

Was wir hier erleben, ähnelt ein wenig TV-Serien wie „Vorstadtweiber“ oder „Altes Geld“. Dass Stone kein Wort von Ibsen verwendet und den Klassiker verhunzt hat, wie verschiedentlich zu hören war, ist jedoch nicht richtig. Nach der flotten Eröffnung – seit Jahren wird Ibsen in Deutschland mit Slapstick versehen, das Gravitätische wurde seinen Stücken längst ausgetrieben – blieb der Text teilweise durchaus intakt. Auch das Drama ereignet sich weitgehend wie vom Autor notiert, aber modernisiert.

Exzellentes Paar: Minichmayr, Wuttke

Eine so wilde Gunhild Borkman sah man noch nie: Birgit Minichmayr brilliert als torkelnde Society-Lady mit Flasche und Marlborough, die ihrem John Gabriel knallhart die Meinung geigt, Schwester Ella an die Wand klatscht und Sohn Erhart manipuliert – bis dieser flüchtet, zur nächsten dominanten Dame: Fanny Wilton (Nicola Kirsch) punktet mit pointierten Bosheiten und Gelassenheit. Max Rothbart (Erhart) wankt auch physisch sichtbar durch die Steinwüste, in der seine Familie vor sich hin wittert. Die ebenfalls junge Frida Foldal (Liliane Amuat) spielt statt Klavier E-Gitarre und wäre nicht abgeneigt, Borkmans Gespielin zu sein: Hauptsache, raus aus der armseligen Sippe. Doch Borkman schafft nur mehr onkelhaftes Popotätscheln.

Martin Wuttke könnte als Bankier nicht mehr gegen den Typ besetzt sein. Überdies muss er wie in Frank Castorfs „Richard III.“-Inszenierung im Burgtheater (einem imposanten Monsterspektakel, das nach relativ kurzer Zeit abgesetzt werden musste) Hippie-Mähne tragen und fortwährend Haare aus seinem Mund räumen. Vom eleganten Großinvestor im Nadelstreif hat Wuttke nichts. Das stimmt auch, denn Borkman sitzt schon jahrelang auf seinem Dachboden. Am Fernsehen faszinieren ihn vor allem Innovationen: Genetik, Minikameras, die Speicherung von Gehirnen auf Festplatten, alles, was sich vielleicht morgen zu Geld machen lässt.

Jetzt hat der blöde Fernseher den Geist aufgegeben. Wuttke traktiert ihn mit Schlägen, Tritten, verheddert sich in Kabeln. So geht er wohl auch mit Leuten um. Eine tolle Nummer. Borkman ist nicht Wuttkes größte Rolle, aber er hat viele großartige Momente. Die zartesten Pastelltöne malt Caroline Peters als todgeweihte Ella, die auf ein paar letzte glückliche Stunden hofft, Peters zeigt auch den beeindruckendsten Facettenreichtum zwischen Emotionalität und Egoismus.

Die größte Verwandlung wurde Roland Koch als armem Schreiber Wilhelm Foldal zuteil, dessen Ersparnisse Borkman durchbrachte, so herzerwärmend sah man Koch noch nie. In Wilhelm Foldal hat Ibsen seinen persönlichen Albtraum abgebildet: als erfolgloser Dichter verspottet und vergessen zu sein. Ibsen-Kenner behaupten gern, dass aus jeder seiner Figuren er selbst spricht.

Insgesamt: Ein spannender, anfangs etwas mühsamer, dann aber teilweise atemberaubender Abend, der viel Applaus bekam. Für Stone gab es einzelne Buhs. In der Tat, ein paar Four-Letter-Words weniger wären fein gewesen. Traditionalisten dürften sich demnächst in Reichenau wohler fühlen, wo ebenfalls „Bankier Borkman“ gegeben wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2015)