Zeit für einen Aufstand

Der Verlust an stadtbildprägender Bausubstanz außerhalb der Altstadt geht dramatisch weiter, mag dies noch so eifrig schöngeredet werden. Struberkaserne, Riedenburghalle, Rauchmühle: wie man in Salzburg Tabula rasa macht.

Ab Ende der 1930er-Jahre, in der Zeit der NS-Diktatur, entstand in Salzburg-Maxglan die Struberkaserne mit der sogenannten Panzerhalle. Nach der Kasernenschließung konnte man das großzügige Hallenensemble und seine Holzkonstruktion bestaunen und sich wundern, dass es nicht geschützt ist: Die Nagelbinderkonstruktion verband minimalen Materialeinsatz mit hohen Spannweiten, war über die Landesgrenzen hinaus bau- und architekturhistorisch von großer Bedeutung.

„Bitte liken! Teilen! Weitersagen!“ Via Facebook rief kürzlich die Panzerhallen Betriebs GmbH zum Shopping inmitten der „Verschmelzung historisch-industrieller Substanz mit moderner Architektur“ auf (www. panzerhalle.at): Die Panzerhalle sei „aufwendig renoviert & adaptiert, die historische, industrielle Bausubstanz weitestgehend erhalten und mit einer modernen Architektur ergänzt“ worden. Ebenfalls vergangene Woche führten die Salzburger Architekten Walter Schuster, Michael Strobl und Tom Lechner von der Arge Panzerhalle durch das Gebäude, die Initiative Architektur schwärmte ebenfalls von der „Verschmelzung von historischer Substanz und moderner Architektur“.

Erfreulicherweise setzen sich die lokalen Architekturvermittler für zeitgemäße Baukultur ein, verantwortungsloserweise übernimmt die lokale Institution aber die substanzlose Propaganda der Panzerhallen GmbH. Der Behauptung, dass 75 Prozent derPanzerhalle erhalten werden konnten, steht die Tatsache einer radikalen Entkernung gegenüber, bei der nicht mehr als rund drei Viertel der Außen- respektive Haupttrennwände sowie deren Tore übrig blieben, also ein paar Prozent der Bausubstanz. Diese schmolz weg, statt mit zeitgemäßen Interventionen zu verschmelzen. Ein tatsächlicher Dialog von Alt und Neu wäre wünschenswert und möglich gewesen, die allesamt engagierten Architekturbüros haben dies bei anderen Projekten bewiesen.

Während im historischen Stadtzentrum die Balance zwischen geschütztem Alten und zeitgemäßem Neuen in einem guten Verhältnis steht, verliert Salzburg außerhalb des Schutzgebietes seine Stadtbild prägende Substanz, in den vergangenen Jahren massiv verschärft durch stetig steigende Dichtevorgaben und eine schwächelnde Denkmalpflege. Im flächenmäßig kleinen altstadtschutzkommissionierten und weltkulturgeerbten historischen Kern wird der Schutzeifer teilweise übertrieben, „draußen“ hingegen generierte eine aggressive Tabula-rasa-Praxis ges(ch)ichtslose Neubebauungen.

So wird beispielsweise der öffentliche Ort Riedenburghalle (1926) – trotz der Bewertung „erhaltenswert“ durch die Stadtplanung – einer künftigen Siedlung zum Opfer fallen, auch die Volksschule im Stadtteil Gnigl (1928) soll weichen. Im einstigen Vorort ist das Ensemble „für das städtebauliche Gefüge des alten Kerns essenziell“, so die Kunsthistorikerin Jana Breuste. Als sie 2014 die alten Bauakten einsehen wollte, wurde ihr vom Eigentümer Stadt die Vollmacht für das Stadtarchiv verwehrt und schriftlich mitgeteilt, man wolle „keine Schritte setzen, die das Projekt Bildungscampus belasten könnten“.


Denkmalschutz aufgehoben

Der Denkmalschutz war bereits vor Jahren aufgehoben worden, vor wenigen Wochen versenkte der Planungsausschuss das unter Verschluss gehaltene Erhaltungsgebot. Das angeblich energieoptimierte „Smart-City“-Prestigeprojekt ist wenig smart bereits vor Baubeginn gescheitert, da die angepeilten Klimaaktiv-Kategorien des Bundesministeriums nicht erreicht werden.

Wenn nicht prompt ein strukturelles Umdenken geschieht, wird das alte Silogebäude (1912) der Rauchmühle der nächste Totalverlust. Es besitzt eine äußerst bemerkenswerte Holzkonstruktion und ist zur unverzichtbaren Landmark der industrie- und mühlengeschichtlich bemerkenswerten Anlage im Stadtteil Lehen geworden.

Daher gründete sich im Vorfeld des soeben jurierten Architekturwettbewerbs für eine Wohnanlage die überparteiliche Experteninitiative Um+Bau+Kultur Salzburg: Besonders Stadtteile wie Lehen, die vom Bauboom der Nachkriegszeit mit monofunktionalem Wohnbau geprägt sind, brauchen identitätsstiftende historische Qualitäten. Projektentwickler Prisma versprach in der Präambel allerdings in Freudscher Klarheit ein „identes“ Stück Stadt, uniforme, sich gleichende Bauten. Er hat im Vorfeld mit dem Eigentümer die Abrisstauglichkeit des Ensembles selbst geprüft und neben Teilabrissen oder Entkernungen (Mühlengebäude) zahlreiche Abrisse, darunter den „alten Silo“ von 1912, beschlossen.

Ein bauhistorisches Gutachten über das Industrieensemble hat die Stadtplanung erst 2014 nach mehrfacher Aufforderung von außen beauftragt. Die Kunsthistorikerin Jana Breuste hat darin unter anderem die Bedeutung des Silos bestätigt. Angesprochene denkmaladäquate Umnutzungen wie die Kunstmühle Rosenheim hat die Stadtplanung nicht besichtigt. Die nicht zum längst ausgehandelten wie ausgereizten Masterplan passenden wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden schubladisiert und den Wettbewerbsteilnehmern erst auf Nachfrage zur Verfügung gestellt. Der renommierte Tragwerksplaner Julius Natterer bestätigt die „leichte Erhaltungsmöglichkeit des Holzsilos“ mit seiner „fantastisch schönen Konstruktion, die statisch jederzeit durch neuere Techniken wie Holz-Beton-Verbundbauweise oder Massivholzbauweise ertüchtigt werden kann“. Die Binsenweisheit, dass eine bauhistorische Untersuchung den Ausgangspunkt einer architektonischen Ideenfindung zu bilden hat, wurde wieder einmal ignoriert. Außer bei der denkmalgeschützten Villa sind gutachterlich empfohlene Entkernungen, Entfernung der Dachkonstruktion und Fassadenveränderungen zu erwarten. Diese sind keine „Erhaltung“ im Geiste adäquater baukultureller Standards, nichtsdestotrotz schenkt die Stadt dem Projektentwickler dafür – wie übrigens auch bei der Panzerhalle – Tausende Quadratmeter „Bonuskubatur“. Dass damit die Geschoßflächenzahl (GFZ) von 1,15 um 17 Prozent über die von der Stadtplanung als sinnvoll erachtete Vorgabe wächst, ist den Wettbewerbsprojekten sehr deutlich anzumerken.

Der ursprünglichen GFZ entsprächen rund 182 Wohnungen, zu diesen Zahlen muss als absolutes Maximum zurückgekehrt werden. Gleichzeitig ist der Individualverkehr durch ein zeitgemäßes Mobilitätskonzept massiv zu reduzieren. Die zentrale Lage und die hochwertige öffentliche Verkehrsanbindung schreien nach einem Modellprojekt für verkehrsreduziertes Wohnen mit 91 anstelle der projektierten 300 Plätzen.

Mehrere Wettbewerbsbeiträge erhielten den alten Silo. Die Architekten Flöckner & Schnöll lobte die Jury für ihre „Interpretation des Weiterbauens von einem Industriedenkmal“ und die Respektierung des Bestandes als „Teil der Stadt“, gleichzeitig kritisierte sie die Siloerhaltung als „nicht reparierbare Abweichungen zur Ausschreibung“. Die Projektbetreiber wollen mit Hinweis auf ein „unabhängiges Gutachten“ abreißen, das allerdings kein Jurymitglied oder Teilnehmer kennt, es scheint überhaupt oder noch nicht zu existieren.

Bei der Präsentation des Sieger- undLeitprojekts von Architekt Lukas Schumacher und Landschaftsplaner Joachim Kräftner betonten Projektentwickler und Stadt die „Erhaltung des wertvollen Baumbestandes“. Sie hatten auf Hinweis der Initiative Um+Bau+Kultur ihre absurde Vorgabe verworfen, den Mühlbach anstelle geschützter Bäume an den Grundstücksrand zu verlegen. Der zentrale Bach als historische Lebensader wird nun geöffnet und gemeinsam mit der alten Durchwegung des Areals aktiviert, das landschaftsarchitektonische Konzept kann attraktive Verweilqualitäten bieten.


Totschlagargument Wohnungsnot

Bei der Überarbeitung des Siegerprojekts fordert die Jury, „die historische Erinnerung des Ortes programmatisch“ weiterzuentwickeln. Würden der Bereich um das historische Gebäudeensemble städtebaulich neu organisiert, der alte Silo revitalisiert, die Gesamtdichte reduziert und die Parkplätze verringert, so könnte der Ort seine Identität erhalten, das Gesamtprojekt würde dramatisch an Großzügigkeit gewinnen. Mit dem Totschlagargument Wohnungsnot wird jede noch so hohe wie qualitätslose Nachverdichtung im Zeichen von Profit- und Wohnflächenmaximierung gerechtfertigt. Leistbaren Wohnraum zu schaffen ist dringlich und wichtig, aber nur im Kontext der Stadtregion umfassend zu lösen.

Es ist in Salzburg hoch an der Zeit, durch eine (öko)logisch wie (bau)kulturell konsequente Umbaukultur die Stadt intelligent weiterzubauen und Bauprojekte ressourcenschonend zu entwickeln. Der Ort und seine Umgebung müssen als Potenzial vor Beginn jeglicher Planungsschritte untersucht, als Katalysator für Umnutzungen begriffen und mit einer Bürgerbeteiligung, die diesen Namen verdient, sensibel weiterentwickelt werden.

Die Stadt gehört uns allen. Transparenz beim Interessensausgleich zwischen Investor und einer aktiv agierenden Stadtplanung muss die Grundlage sein. Objektivierte, gesetzlich verankerte Kriterien und ein dem öffentlichen Interesse dienendes Instrumentarium sind nötig. Die Wertsteigerung muss durch Um- oder Aufwidmung zugunsten von Stadt und Quartier abgeschöpft werden. In Basel beispielsweise wird seit Jahrzehnten erfolgreich eine Mehrwertabgabe eingehoben. Beginnend in den 1970er-Jahren hat eine breite bürgerliche Protestbewegung zu einem Paradigmenwechsel mit Grünlanddeklaration und Gestaltungsbeirat geführt. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass bei der aktuellen Fehlentwicklung die Bürgerliste mit dem Planungsressort eine zentrale Rolle spielt. Pathetisch erinnerte kürzlich JohannesVoggenhuber an die Entstehung der Stadt-Grünen als „Aufstand aus der Mitte der Bürgerschaft“. Ein neuer Aufstand ist fällig. ■


Norbert Mayr, freier Architekturhistoriker, gehört der überparteilichen Experteninitiative „Um+Bau+Kultur Salzburg“ an, die
mit einem offenen Brief die Debatte eröffnet hat. http://kooperativerraum.at/ 2015/05/05/umbaukultur-salzburg-
die-ganze-stadt/.