100 Tage Obama: Mediendarling trifft auf Widerstand

(c) AP (Pablo Martinez Monsivais)
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Barack Obama trommelt seine Botschaft vom Wandel. Noch genießt er die Vorschuss-Lorbeeren. Er entscheidet kühl, sachlich, bleibt dabei seinen Vorgaben treu. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass der Präsident an die Öffentlichkeit tritt.

Klar, dass sich ein so medienbewusster Politiker wie Barack Obama eine solche Gelegenheit nicht entgehen lässt: Anfangs habe sich der Präsident geziert, die ersten 100 Tage seiner Amtszeit gebührend zu begehen, kolportierten seine Mitarbeiter. Doch das Obama-Team hat am Mittwoch schnell noch eine Bürgerversammlung in St.Louis im Mittleren Westen, dem Herzen der USA, und danach eine Pressekonferenz im Weißen Haus zur abendlichen Hauptsendezeit angesetzt – bereits die dritte seit seinem Einzug ins Oval Office. Und dabei ist die Rede zur Lage der Nation im Kongress ausgeklammert.

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass der Präsident an die Öffentlichkeit tritt. Unermüdlich trommelt der Mediendarling seine Reformbotschaft. Noch besteht aber nicht die Gefahr, dass die Amerikaner ihres ersten Mannes überdrüssig werden. Zwei Drittel attestieren ihm, gute Arbeit zu leisten. Beliebter ist nur seine Frau Michelle, die als ungewöhnlich volksverbundene First Lady die Herzen der Menschen gewonnen hat.

Dynamischer Start

Seit der Ära Franklin D. Roosevelts markieren die ersten 100Tage die geradezu mythische Schonfrist eines US-Präsidenten. Nach Roosevelt sei keiner mehr so dynamisch ans Werk gegangen wie Barack Obama, resümiert die Zunft der Präsidentschaftshistoriker.

Mit der symbolträchtigen Ankündigung gleich am ersten Arbeitstag, das Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba zu schließen, legte er einen furiosen Start hin. Chefberater David Axelrod bescheinigte ihm, erstaunlich schnell in die Rolle des Präsidenten hineingewachsen zu sein. Als Präsidentschaftskandidat habe die Eingewöhnung länger gedauert.

Obama hat die zehnwöchige Übergangsperiode von der Wahl bis zur Inauguration als Vorbereitungsphase gut genützt, um in Tempo, Stil und Politik einen Kontrapunkt zu George W. Bush zu setzen. Getreu seiner Devise, es gelte keine Zeit zu verlieren, hat er in den ersten 100 Tagen, angetrieben auch von der wirtschaftlichen Zwangslage, sein ambitioniertes Programm in den wichtigsten Bereichen ausgebreitet.

Kühl und sachlich hat er seine Politik dargelegt – eine Politik, die sich bisher in Notmaßnahmen, Absichtserklärungen und Signalen erschöpft. Konturen zeichnen sich ab. Nur beim Aufschrei gegen die Managerboni fuhr er aus der Haut, was prompt gekünstelt wirkte. Auf nationaler wie auf internationaler Bühne hat sich Obama als Präsident wie aus dem Bilderbuch präsentiert, als Anti-Bush, auf den die USA und die Welt so sehr gewartet haben.

Knochenharter Widerstand

Dass er als US-Präsident beim Finanzgipfel in London die Mitverantwortung für die globale Wirtschaftskrise übernommen hat, dass er Fehler bei der Auswahl eines Ministerkandidaten eingestanden hat, das war ein Novum in der jüngeren US-Geschichte.

Obama hat aber auch rasch einsehen müssen, dass sein Versöhnungskurs nach den Jahren der Polarisierung auf den knochenharten Widerstand der republikanischen Kongressminderheit stößt. Und so sucht er bei seinen Kurztrips durchs Land den direkten Draht zum Wahlvolk. Die unmittelbare Unterstützung soll ihm zusätzliche moralische Legitimation verleihen.

Die große Euphorie ist inzwischen verflogen, Kritik kommt von der Peripherie. Böswillige unterstellen ihm Naivität à la Jimmy Carter, der als „Gutmensch“-Präsident ohne Fortüne in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Linke Anhänger sind enttäuscht über seinen Zug zum Pragmatismus, haben sie doch eine Trendwende in allen Belangen erhofft.

Der Staat als Retter

Moderatoren des rechten Lagers wiederum versuchen Obama als Sozialisten und Verfechter des „Big Government“ abzustempeln, weil er die Rolle des Staates forciert, um die USA aus der Misere zu ziehen – ein Weg freilich, den bereits sein Vorgänger geebnet hat.

So sorgsam, wie er auf sein Image achtet, hat sich der Präsident den Kategorien bisher entzogen. Pünktlich zum Amtsjubiläum hat er jetzt Fotos aus dem Innersten der Macht freigegeben: mit Michelle, beim Basketball – jedoch nicht in der Badehose.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2009)

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