"Sind Flüchtlinge Zahlen, Menschen, Tiere?"

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Gespräch mit Abbas Khider. "Über Grenzen" war das Motto des diesjährigen Literaturfests Salzburg. Der ehemalige Asylant und Schriftsteller Abbas Khider musste viele Grenzen überwinden, um in Europa arbeiten zu können.

Die Presse: Auf Ihrer Flucht wollten Sie eigentlich von Italien nach Schweden. Sind Sie da durch Salzburg gefahren?

Abbas Khider:Da habe ich nicht viel mitbekommen. Ich war unter dem Waggon versteckt. Ich habe von wenigen Ländern, durch die ich gefahren bin, etwas mitbekommen. Flüchtlinge wissen meist nicht, wo sie sich befinden. Interessant sind nur die großen Städte.

Weiß man vor der Abfahrt Bescheid, was einen erwartet?

Keiner weiß etwas. Aber man muss bedenken: Flüchtende sind verzweifelte Menschen, die ein normales Leben führen wollen. Viele können nicht mehr zurückkehren. Wir reden auch oft über Wirtschaftsflüchtlinge. Menschen verlassen ihre Heimat nicht und nehmen Gefahren auf sich, nur weil sie Lust haben, woanders zu leben. Alle haben existenzielle Gründe. Es gibt zum Beispiel sechs Millionen Iraker im Exil. Warum wohl? Sie haben keine andere Chance! Ich kann nicht verstehen, dass man diesen Menschen absprechen will, ein normales Leben zu führen.

Wie haben Sie aus dieser Sicht die Pegida-Bewegung erlebt?

Ich habe mir die Parolen angeschaut. Es gibt keine große Idee dahinter, es gibt nur unbestimmte Ängste. Daran sind die Politiker selbst schuld. Sie haben lange eine falsche Integrationsdebatte geführt. Sie haben es nie geschafft, den Menschen zu erklären, wer da kommt: Sind das Zahlen, sind das Menschen, sind das Tiere? Es wurde nie definiert, wer und was Flüchtlinge sind.

Und diese werden jetzt zu Feindbildern?

Ja, auch die Medien arbeiten mit Feindbildern. Früher die Russen, dann die al-Qaida, und jetzt haben wir etwas ganz Neues, und das ist absurd: Die Amerikaner und andere westliche Staaten kämpfen gegen eine schiitische Gruppe im Jemen, und ihre großen Unterstützer im Jemen sind al-Qaida-Mitglieder. Da frage ich mich: Wie lange wollen wir so weitermachen?

Wie erleben Sie als Muslim diesen Krieg der Muslime gegeneinander?

Ich komme aus einer islamischen Familie. Ich habe mit Religion aber nicht viel zu tun, ich bin fast Atheist. Bin ich da verantwortlich für alles, was Muslime machen? Die Mitglieder von al-Qaida oder dem IS sind laut. Wenn Sie hier auf dem Max-Reinhardt-Platz zehn leisen, höflichen Menschen begegnen und zweien, die betrunken und laut sind: Welche finden Ihre Beachtung?

Natürlich die störenden Betrunkenen.

Und so ist es mit IS und al-Qaida. In Deutschland gab es zum Beispiel die RAF. Waren die Deutschland oder ein winziger Teil von Deutschland? Sind also alle Deutschen Mörder wie die RAF-Terroristen? Wie redet man mit den Muslimen und über die Muslime? Das ist eine wichtige Frage.

Und wie ist der IS entstanden?

Der IS ist eine neue Struktur von al-Qaida. Viele, sogar al-Baghdadi (Anführer der IS, Anm.), saßen bei den Amerikanern im Gefängnis. Viele waren auch schon bei den arabischen Diktatoren im Knast. Die wurden also in arabischen und amerikanischen Gefängnissen zu Terroristen ausgebildet. Und jetzt wundert man sich.

Aber eine Bewegung wie der IS kann doch nicht ohne Unterstützung der Bevölkerung existieren.

Viele haben Unterstützung bei den Sunniten im Irak gefunden, auch bei alten Anhängern von Saddam Hussein. Und sie haben eine neue Sprache, die es bei anderen islamischen Gruppen nicht gibt: Sie versuchen alles, was sie machen, mit Worten des Propheten zu begründen. Sie schämen sich nicht, wenn sie jemanden ermorden. Zweitens: Seit dem Kalten Krieg werden die Araber von Diktatoren unterdrückt. Alle islamischen Gelehrten hockten in den Gefängnissen. Da hat sich ein Teil des sunnitischen Denkens problematisch entwickelt, auch unter dem Einfluss des saudiarabischen Wahhabismus. Al-Qaida ist geprägt vom Wahhabismus, der IS ist geprägt vom Wahhabismus.

Ist der Arabische Frühling also gescheitert?

Ich glaube nicht. Es gab eine Bewegung in der arabischen Welt – und diese war wichtig, weil viele sahen: Wir können etwas ändern. Es sind neue Kräfte entstanden. Das größte Problem der Araber ist nicht, dass sie unfähig sind, demokratisch zu denken, sondern dass sie immer noch das Gefühl haben, ihre Länder gehören ihnen nicht.

Haben Sie über Ihre Flucht geschrieben, um Ihre Erlebnisse zu verkraften?

Niemals. Ich habe schon Literatur gemacht, bevor ich das alles erlebt habe. Bei jedem Schreiben gibt es Therapieeffekte: Man befreit sich von vielen Dämonen. Doch im Übrigen ist das Schreiben für mich eine Möglichkeit, den Kontext der Geschichte sprachlich, poetisch zu verändern, eine neue Wahrheit zu finden.

Sehen Sie sich als politischen Autor?

Ein junger Mann sieht ein paar Dinge, die falsch sind. Und er sagt: Das ist falsch. Das ist doch normal, menschlich. Ich hatte nie vor, mich mit Politik zu beschäftigen. Ich bin einfach Beobachter. Es ist offenbar so, dass ich gerade deshalb, weil ich nichts damit zu tun haben wollte, immer mittendrin war.

ZUR PERSON

Abbas Khider. 1973 in Bagdad geboren. Verhaftung 1993 wegen politischer Aktivitäten gegen Saddam Hussein. 1996 Flucht aus dem Irak, vier Jahre als Illegaler in arabischen und afrikanischen Staaten. 1999 Aufbruch nach Europa, Verhaftung in Deutschland, später als Asylant anerkannt. Studiert Literaturwissenschaft. 2008 erster Roman auf Deutsch, „Der falsche Inder“, zuletzt „Brief in die Auberginenrepublik“ (beide Edition Nautilus). Lebt zurzeit mit Frau und Sohn in Berlin. [ Jacob Steden ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2015)


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