Die Eishockey-WM, ein Missverständnis

(c) GEPA (Wolfgang Jannach)
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Thomas Vanek allein kann es nicht richten, also muss Österreich wieder um den Klassenerhalt zittern. Österreichs Torhütern fehlt die Spielpraxis, sowohl Penker als auch Brückler saßen bei ihren Klubs im Saisonfinale nur auf der Bank.

BERN/WIEN. Steht ein Eishockey-Großereignis auf dem Programm, bei dem Österreich mitspielen darf, herrscht im Vorfeld kollektiver Optimismus. Spieler und Verband überstürzen sich in Lobeshymnen. Man habe sich weiterentwickelt, sowohl im taktischen als auch im technischen Bereich Fortschritte gemacht und die Liga befinde sich auf einem guten Weg. Und sollte es in einer Partie – wider Erwarten – eng werden, ruhen ohnehin alle Hoffnungen auf NHL-Star Thomas Vanek.

Geflügelte Worte, die Eishockey-Fans in Österreich seit vielen Jahren froher Hoffnung vernehmen. Beginnt jedoch ein Turnier – ob Olympiaqualifikation oder Eishockey-WM – folgt das böse Erwachen. Das wird beim laufenden WM-Turnier in Bern deutlich. Nach Niederlagen gegen Schweden (1:7) und USA (1:6) weist Österreich das schlechteste Torverhältnis aller 16 WM-Teams auf.

Dass Siege gegen Eishockey-Großmächte nicht zu fordern sind, steht außer Frage. Dass sie aber möglich sind, bewies Lettland mit dem 3:2 gegen Schweden. Weil das A-Team seit der WM in Prag 2004 (2:2 gegen Kanada) einer solchen Überraschung vergebens hinterherläuft, bleibt nur die Hoffnung auf den Klassenerhalt. Ob dieser heute mit einem Sieg gegen Lettland (zuletzt 1999; 5:2 in Oslo) oder erst in der Relegation gelingt, ist abzuwarten.

Kein Witz, keine Disziplin!

Die Unterschiede zwischen dem A-Team und dem Rest der Welt werden auf dem Eis schnell sichtbar. Österreichs Torhütern fehlt die Spielpraxis, sowohl Penker als auch Brückler saßen bei ihren Klubs im Saisonfinale nur auf der Bank. Die Abwehr ist zu langsam und in der Offensive fehlen der geordnete Spielaufbau im gegnerischen Drittel sowie ein gewisser Spielwitz. Wer nur die Scheibe ins Angriffsdrittel schießt, dann aber nicht unter Kontrolle bringt, bekommt Probleme. Strafverschärfend fällt hier die bei einigen Spielern durchaus schwache Stocktechnik ins Gewicht.

So beherzt und engagiert das Auftreten (20 Minuten gegen Schweden, 40 gegen USA) auch gewesen sein mag, zu viele und unnötige Fouls erstickten jeden Hoffnungsschimmer. In der Liga werden Checks von hinten, Stockeinsätze oder Behinderungen trotz vehementer Proteste aller Beteiligten zwar schon härter geahndet, die wahre Strafe erfolgt aber erst auf Teamebene: Im Unterzahlspiel potenzieren sich alle Mankos.

Eishockey, so paradox es klingen mag, verlangt nicht vorwiegend nur nach körperlichem Einsatz, sondern nach Disziplin. Diese hat Österreich im Schlussdrittel gegen USA vollkommen vermissen lassen. Darüber war Thomas Vanek auch zu Recht enttäuscht.

Besonders beliebt bei der Ursachenforschung sind zumeist Absagen (Lars Bergström muss auf neun Spieler verzichten), die zu lange Saison oder die in Österreich kultivierte Legionärsproblematik. Zu viele Transferkartenspieler würden in der Liga arbeiten, von denen das Gros aber nicht die ausreichende Qualität besitze – obgleich sie zumeist wichtige Positionen einnehmen.

Wenn ein Österreicher einen „schlechten Legionär“ schon beim Klub nicht ausspielen kann, braucht er sich bei der A-WM nicht zu wundern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2009)

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