Das Genom des Erregers ist entschlüsselt, es ist eine Mischung aus Viren von Geflügel, Schwein und Mensch. Ansonsten gibt es über die Krankheit viel Unklarheit.
„Die WHO hat mit ihrer Erhöhung der Warnstufe völlig recht“, erklärt Mikrobiologe Hermann Katinger (Boku, Wien) der „Presse“: „Wenn es wirklich junge gesunde Menschen sind, die daran sterben, dann ist das schon sehr bedenklich.“ „Die schweren Verläufe, die aus Mexiko gemeldet werden, betreffen vor allem Männer von 20 bis 40“, ergänzt Franz Heinz (Virologie, AKH), „das sind jene, die auch von der Spanischen Grippe 1918/19 betroffen waren. Aber das heißt nicht, dass wir jetzt die Spanische Grippe haben.“
Was haben wir dann? Eine Influenza, von der man die ungefähre Entstehung und das exakte Genom kennt: „Die Gene sind vollständig sequenziert, man kann sie mit denen bekannter Viren von Geflügel, Schweinen und Menschen vergleichen“, berichtet Heinz. Demnach stammen die meisten Gene von Schweine-Influenza, manche von Geflügel- und Menschen-Influenza. Das ist der übliche Weg der Entstehung von neuen Influenzavarianten: Sie bilden sich dort, wo Geflügel, Schweine und Menschen auf engem Raum zusammenleben und sich gegenseitig mit Viren versorgen. Die zentrale Rolle dabei – die des „Mischkessels“ – spielt das Schwein, es nimmt Viren von Vögeln und von Menschen auf und gibt sie (verändert) weiter.
Direkt von Vögeln auf Menschen geht das nicht so leicht, das ist der (bisher beruhigende) Unterschied zum Vogelgrippe-Virus H5N1, das 2003 Pandemiesorgen bereitete und sie Experten heute noch bereitet: H5N1 ist nur aus den Schlagzeilen verschwunden, nicht aus der Welt, gerade sind in Ägypten zwei Menschen (vermutlich) daran gestorben.
Aber H5N1 kommt nur von Vögeln auf Menschen, H1N1 hingegen kommt auch von Menschen auf Menschen: „Es ist jetzt keine Schweine-Influenza mehr, es ist eine Menschen-Influenza“, erklärt Heinz. Das Virus kam ursprünglich vom Schwein, jetzt zirkuliert es unter Menschen, und zwar sehr rasch, das ist das eine Rätsel.
Das zweite liegt in seiner höchst unterschiedlichen Aggressivität: In Mexiko sind Menschen gestorben, in der restlichen Welt verläuft die Krankheit (bisher) mild. Das kann daran liegen, dass das Virus nach seinem ersten Auftreten in Mexiko mutiert und harmloser geworden ist. Es kann aber auch daran liegen, dass die Krankheit in Mexiko viel weiter verbreitet ist als bisher vermutet wurde – und dass die milden Fälle gar nicht auffielen: Ein zentrales Problem der gegenwärtigen Situation ist das Fehlen vieler Daten, auch Heinz beklagt es. Es ist eine Zeit der Vermutungen und Gerüchte, man weiß etwa noch nicht, wo das Virus entstanden ist, man weiß wenig über den Krankheitsverlauf.
Übereilte Impfungen
Und man weiß nicht, ob die ganz „gewöhnliche“ Grippeimpfung der letzten Saison auch gegen H1N1 hilft (sie schützt vor einem ähnlichen Erreger). Soll man also raschest einen neuen Impfstoff produzieren? Panik kann schaden: 1976 brach die Schweine-Influenza in Fort Dix aus, einer Militärbasis in New Jersey. 500 GIs wurden infiziert, einer starb, in aller Eile wurden 40 Millionen Menschen geimpft. Aber es kam keine Epidemie. Stattdessen brachte die Impfung Hunderten eine Nervenkrankheit mit partieller Paralyse.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2009)