Die Ruhe der Sonne: Aktivität auf Minimum

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Unser Stern hat keine Flecken mehr und ist auch sonst sehr untätig. Experten sind ratlos, manche halten das gegenwärtige Sonnenminimum für "verrückt" oder "extrem". Noch wirkt sich das nicht aufs Klima aus.

Mit dem Zyklus der Sonnenflecken ist es derzeit ein wenig wie mit der Börse. Immer wenn man glaubt, es sei ganz unten, geht es doch noch tiefer.“ So launig beschreibt die Nasa einen der überraschendsten Befunde, den ihre und andere Messgeräte seit dem Vorjahr aufzeichnen: Die Sonne war im Jahr 2008 so ruhig wie seit 1913 nicht mehr, sie hatte an 266 der 366 Tage keinerlei Sonnenflecken. Im neuen Jahr ist sie noch ruhiger geworden, bis zum 27. April waren 103 der 117 Tage fleckenlos, und auch der 27. April selbst hatte eine „Sunspot number: 0“, so meldet es spaceweather.com.

„Das ist die ruhigste Sonne, die wir seit fast einem Jahrhundert gesehen haben“, erklärt Nasa-Experte David Hathaway, und sie ist nicht nur an ihrer Oberfläche ruhig, auch der Sonnenwind bläst so schwach wie nie seit Beginn der systematischen Messungen in den 60er-Jahren. Der Sonnenwind – er besteht aus ionisierten Teilchen – bringt, wenn er kräftig weht, viele Polarlichter und schützt Astronauten vor kosmischer Strahlung, er hält sie weg, schirmt die Erde ab.

Schwache Sonne, kühle Erde?

Ist er hingegen so schwach wie jetzt, kommt viel kosmische Strahlung durch. Und die bringt (theoretisch) auch viele Wolken – darauf setzen die, die das Klimageschehen nicht den Aktivitäten der Menschen zurechnen wollen, sondern denen der Sonne. In ihrer gegenwärtigen Ruhe strahlt sie weniger Energie ab – im sichtbaren Bereich ist sie 0,02 Prozent dunkler geworden, im UV sechs Prozent –, aber für direkte Klimaaus wirkungen sind solche Schwankungen zu klein, sie brauchen einen Verstärker. Der könnte im Zusammenspiel von Sonnenwind und kosmischer Strahlung liegen. Weniger Wind, mehr Strahlung, mehr Wolken: Abkühlung. Das passt auch zum großen Beispiel, dem Maunderminimum: Von 1645 bis 1715 kam die Aktivität der Sonnenflecken fast zum Erliegen, zugleich wurde es kalt, die Kleine Eiszeit brach an. Lag das an der Sonne? Es ist nicht klar, viele setzen darauf und hoffen, dass auch die jetzige Sonnenruhe eine Abkühlung bringen wird. „Ich wünschte, dass uns die Sonne zu Hilfe kommen würde“, dämpft Mike Lockwood (Southhampton), „aber die Daten zeigen, dass das nicht der Fall ist. Wenn die schwächere Sonne einen Kühlungseffekt haben sollte, haben wir ihn noch nicht gesehen.“

Wie geht es weiter? Die Experten sind uneins, manche halten das gegenwärtige Sonnenminimum für „verrückt“ oder „extrem“, andere sehen eine „Marktbereinigung“, die letzten 50 Jahre herrschte Sonnenmaximum. Nur die Nasa ist sich sicher und hat eine „Sonnensturmwarnung“ für das Jahr 2012 herausgegeben. Der wäre fällig, wenn man sich auf den üblichen Zyklus der Sonne verlassen könnte, die alle elf Jahre ein Maximum an Aktivität hat und alle anderen elf ein Minimum. Jetzt stünde ein Maximum an (und andere Effekte kämen dazu): Deshalb gäbe es 2012 in Mexiko Polarlichter – wie beim letzten Sonnensturm 1958 –, Satelliten würden abstürzen, der Funkverkehr zusammenbrechen. Die gleiche Prognose gab die Nasa 2006 für 2008. Dann kam die Ruhe (www.nasa.gov).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2009)

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