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„Essen streng verboten“: Auf Besuch im Milch-Labor

Wie Schüler Vollmilch in laktosefreie Milch verwandelten.

Wien. Der Auftrag war klar: Aus Vollmilch soll laktosefreie Milch werden. Denn zwischen 20 und 25 Prozent der Österreicher vertragen keine Milch – die Laktose bereitet ihnen Bauchschmerzen.

19 Teilnehmer des EDUARD-Camps fuhren deshalb ins Wiener Biocenter, um das Experiment zu versuchen. Der Eingangsbereich wirkte leer und düster, Menschen waren nicht zu sehen. Nur durch eine Glaswand war das Labor zu sehen, in dem die Schüler später laktosefreie Milch herstellen sollten.

 

„Ihr dürft nicht hinein!“

Endlich öffnete sich die Glastür. „Ihr dürft nicht ins Labor hinein“, sagten die beiden Wissenschaftlerinnen Isabella Kiss und Natascha Rziha vom Open Lab zu zwei Mädchen aus der Gruppe, die gerade in einen Apfel gebissen hatten. „Im Labor darf nicht gegessen werden.“ Zu gefährlich sei es, sich selbst zu vergiften oder Experimente zu zerstören, sagten die Wissenschaftlerinnen. Überhaupt gelten im Labor hohe Sicherheitsvorschriften: Um die Menschen zu schützen, die dort arbeiten. Also mussten alle Schüler weiße Kittel anziehen. Schutzbrillen aber brauchten sie nicht.

 

Ein Enzym mit Zauberkraft

„Woraus besteht Milch?“, fragten Kiss und Rziha – und die Schüler wussten die Antwort: Wasser, Eiweiß (Proteine), Kalzium, Fett, Vitamine und natürlich Laktose. Laktose, auch das wussten die Schüler, ist ein Zweifachzucker, der aus Glukose und Galaktose besteht. Mit dem Enzym Laktase lässt sich der Zweifachzucker in seine Bestandteile zerlegen – laktosefreie Milch entsteht. Normalerweise passiert das im Dünndarm. Oder im Labor.

In vier Gruppen werkten die Schüler mit Pipetten (die kosten übrigens zwischen 200 und 300 Euro), Reagenzgläsern, Messbechern, Spritzen und einer Waage. Und mit einem ganz speziellen Instrument: dem Vortexmischer. Das ist ein kleines Schüttelgerät, mit dem Substanzen perfekt vermischt werden können. Das Besondere daran: Steckt man einen Finger in die Öffnung für das Reagenzglas, wirkt das wie eine Fingermassage – erzählten die beiden Wissenschaftlerinnen. Ausprobieren durften es die Schüler aber nicht. Calciumchlorid, destilliertes Wasser, Laktase und Enzym-Alginat-Kugeln kamen ins Spiel. Es wurde gewogen und gemessen, gerührt, übergossen und abgeseiht.

 

Viel süßer als Vollmilch

Und dann kam nach mehr als einer Stunde Arbeit der große Moment: Mit einem Teststreifen überprüften die Schüler die weiße Substanz: geschafft, der Färbetest zeigte es!

Zum Schluss wurde noch einmal verkostet – außerhalb des Labors natürlich. Ganz klar: die laktosefreie Milch schmeckte viel süßer als die Vollmilch. Und sie lässt sich selber herstellen. Einfacher aber ist es, sie fixfertig zu kaufen.

AUF EINEN BLICK

Teilnehmer des EDUARD-Campsmachten bei einem Experiment im Vienna Open Lab aus Vollmilch laktosefreie Milch. Diese wird auch in Österreich immer stärker nachgefragt, weil 20 bis 25 Prozent der Österreicher mit Laktoseunverträglichkeit kämpfen – weltweit sind es sogar rund 80 Prozent. Diesen Menschen fehlt das Enzym Laktase, das im Dünndarm den Zweifachzucker Laktose in Glukose und Galaktose zerlegt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2015)