Für die Obdachlosen „vorkosten“

In der Zweiten Gruft holen sich täglich 150 Obdachlose ein Mittagessen. Möglich machen das Essensspenden – auch abgelaufene Lebensmittel werden angenommen, aber gekostet.

Wien. Als Vorspeise Gemüsecremesuppe, danach gebratenes Huhn mit Gemüsereis und als Nachspeise Joghurt: Das steht am Menüplan der Zweiten Gruft. Klingt gewöhnlich. Ist es aber nicht.

Denn gekocht wird hier mit gespendetem Essen. Die Zweite Gruft ist nämlich weder Restaurant noch Gasthaus, sondern die Erweiterung des bekannten Caritas-Obdachlosenzentrums namens „Die Gruft“ unter der Mariahilfer Kirche. Allein in der Zweiten Gruft werden jährlich mehr als 35.000 Essensportionen ausgegeben.

Schon um 8 Uhr in der Früh öffnet die Gruft ihre Pforten. Dann gibt es Brot, Gebäck, Tee, Aufstriche, Butter und Marmeladen. Allein am Morgen kommen 80 bis 90 Personen. Zu Mittag sind es dann sogar zwischen 100 und 150 Obdachlose. Am Abend zählt die Gruft 70 Gäste.

Die Besucher kommen großteils aus Osteuropa, vorwiegend aus Ungarn, der Slowakei, Tschechien, Polen, Bulgarien und Rumänien. Viele von ihnen haben keinen Anspruch auf Sozialleistungen und sind auf Hilfe angewiesen. Die gibt es an 364 Tagen im Jahr. Nur an Silvester ist die Gruft geschlossen.

 

Essen kostet 50 Cent

Was in der Zweiten Gruft zu Mittag am Menüplan steht, das weiß am Abend davor nicht einmal der Koch. Denn gekocht wird, was im Kühlschrank ist. Und dort ist nur das, was hilfsbereite Menschen spenden. „Man muss aus den verschiedensten Sachen einfach etwas zubereiten, das schmeckt“, beschreibt Gruftkoch Frane Pedisic seinen Job.

Die Hauptspender der Zweiten Gruft sind Schulen und die Wiener Tafel. Spenden werden auch von Privaten angenommen. Denn einen Überschuss kann es, wie der Gruftkoch sagt, nie geben („Wir haben ja einen großen Kühlraum“). Zumindest was das Mindesthaltbarkeitsdatum betrifft, wird dabei bewusst ein Auge zugedrückt. „Es handelt sich hier ja nur um ein Mindesthaltbarkeitsdatum. Bis dahin garantiert der Hersteller, dass alles in Ordnung ist. Das heißt noch lange nicht, dass es danach sofort kaputt ist“, erklärt Pedisic. Er selbst kostet die abgelaufenen Lebensmittel vor. Apropos Vorkosten: Generell speisen in der Zweiten Gruft nicht nur die „Klienten“, wie die Obdachlosen genannt werden, auch die Mitarbeiter. Sie essen sogar noch vor den Gästen. „Wir essen das Gekochte nicht nur. Wir sind sogar die Vorkoster“, sagt der Koch.

Gratis ist das Essen in der Zweiten Gruft übrigens nicht, aber günstig. 50 Cent kostet ein Menü – der Nachschlag ist da inbegriffen. Abgewiesen wird hier kaum ein Gast: „Wenn jemand glaubhaft versichern kann, dass er das Geld nicht hat, dann bekommt er natürlich auch etwas zu essen“, sagen die Verantwortlichen.

Nur eine unumstößliche Regel gibt es in der Zweiten Gruft: Alkohol darf nicht konsumiert werden. Wer in der Gruft übernachten will, der muss die Flaschen abgeben. Am nächsten Tag erhält er sie aber wieder.

AUF EINEN BLICK

Die Zweite Gruft wurde im Jahr 2009 gegründet. Sie bietet vor allem obdachlosen Menschen aus den neuen EU-Ländern Zuflucht. Viele davon haben keinen Anspruch auf Sozialleistungen. Hier bekommen die Obdachlosen warmes Essen, einen Schlafplatz, frische Kleidung und die Möglichkeit, sich zu duschen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2015)