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"Sense8": Acht Menschen, ein Sinn

Sense8
Sense8Netflix/Murray Close
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In „Sense8“ sind acht Figuren plötzlich gedanklich miteinander verbunden. Die zwölfteilige Serie stammt von den „Matrix“-Regisseuren.

Wie fühlt es sich an, eine telepathische Verbindung zu erzeugen? In der Fernsehserie „Sense8“ ist es wie eine Geburt. Schmerzhaft. Eine blonde, abgelebte Frau (Daryl Hannah) liegt in einer verlassenen Kirche auf einer Matratze. Sie windet sich, stöhnt und schreit, flankiert von zwei Männern: einem indisch aussehenden Mann namens John, der ihr sanft zuspricht, und einem weißhaarigen Mann mit Brillen, der sie bedroht. Bevor dieser seine Drohungen wahr machen kann, steckt sie sich den Lauf einer Pistole in den Mund und drückt ab. Ihre Niederkunft ist da schon vollbracht: Sie hat acht Menschen quer über die Welt gedanklich miteinander verknüpft. Sie teilen fortan Fantasien und Gefühle. Die junge Inderin hört den Regen, der bei einem Begräbnis in Berlin fällt. Der Schauspieler in Mexiko hat eine Erektion, weil eine Frau in San Francisco mit ihrer Freundin schläft.

Der Zwölfteiler „Sense8“ ist die erste Fernsehserie der Filmregisseure Andy und Lana Wachowski. Die Regisseure und Autoren der wegweisenden Science-Fiction-Trilogie „Matrix“ haben den Stoff gemeinsam mit „Babylon 5“-Autor J.Michael Straczynski entwickelt. Das Konzept erinnert ein wenig an die Serie „Heroes“, die von 2006 bis 2010 lief: Darin verfügten die zahlreichen handelnden Figuren, ebenfalls über die ganze Welt verteilt, über Superkräfte. Erst ein diebischer Feind einte die an Charakteren und Motivationen doch recht unterschiedlichen Protagonisten. In „Sense8“, das ab heute komplett auf Netflix abrufbar ist, besteht hingegen tatsächlich eine geistige Verbindung, nicht nur durch äußere Bedrohung. Anfangs erscheinen die Figuren nur als Visionen im Leben der jeweils anderen. Und stören eher, einen Nutzen sehen sie noch nicht. In welche Richtung sie sich entwickeln müssen, zeigt aber schon eine Episode aus der Pilotfolge: Der Einbrecher Wolfgang (Max Riemelt) versucht die richtige Kombination zum Öffnen eines Safes zu erlauschen. Dabei koppelt sich sein Hirn, ohne es zu wollen, an das der Londoner DJane Riley (Tuppence Middleton) an. Diese dürfte über das beste Gehör des Oktetts verfügen und wäre somit hoch qualifiziert für den Abhörjob.

 

Vernetzung als Leitmotiv

Es geht also um den Austausch von Fähigkeiten. Im Laufe der Serie dürften die Figuren auf die Talente der anderen zugreifen, wie bei Computern, wo man an die Aufgaben angepasste Programme nutzt. So bilden diese Hirne eine Art in sich abgeschlossenes Internet zum Downloaden von Begabungen.

Vernetzung ist ein Leitmotiv im Werk der Wachowski-Geschwister. Im von postmoderner Philosophie, namentlich Baudrillards Thesen zu Simulation und Simulakren, beeinflussten „Matrix“ verband Hauptfigur Neo noch ein reales Kabel im Nacken mit der virtuellen Welt. „Sense8“ verwendet hingegen Mystery-Elemente, weniger technische Fantasien. Wie die Verbindung zustande kam, wie sie möglich wurde und warum gerade diese Menschen ausgesucht wurden, das soll die erste Staffel klären. Sie sei in sich abgeschlossen, verriet der Produzent. Eine Fortsetzung hängt vom Erfolg der Serie ab – und die Wachowskis haben sich schwergetan, an frühere Erfolge anzuschließen. Nach dem inhaltsschwachen zweiten und dritten „Matrix“-Film waren ihre letzten Werke überfrachtet, wie der an Lächerlichkeit grenzende Weltraumfilm „Jupiter Ascending“. Das Format Serie („Sense8“ hat fast zwölf Stunden Laufzeit) kommt ihnen entgegen, sie können sich Zeit nehmen für komische Momente, in die Lebenswelten ihrer Figuren eintauchen. Die Protagonisten sind interessant genug (Einbrecher! Polizist!), um noch vor dem Auftreten eines gemeinsamen Gegners zu fesseln.

In einer Hinsicht zeigen die Serienmacher wenig Mut: Alle Figuren sprechen im Original Englisch, auch in den Szenen in Berlin. Sprachlich multikultureller war die transeuropäische Serie „The Team“, in der Ermittler aus Deutschland, Belgien und Dänemark sich teils in Landessprache unterhielten. Vielfältiger die Figurenwahl: Eine zentrale Figur ist transsexuell (wie Regisseurin Lana Wachowski), eine homosexuell. Wie gut die Charaktere auch ohne Mystery funktionieren, zeigt die berührendste Geschichte der Pilotfolge: Die Inderin Kala bittet die Götter, sie möge sich in ihren Bräutigam verlieben. Das ist nicht übernatürlich, sondern menschlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2015)