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„In der Oper ist es schwer, sich zu irren“

INTERVIEW MIT REGISSEUR ROBERT LEPAGE
(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Der große kanadische Theaterkünstler Robert Lepage inszeniert in Wien die neue Oper „The Tempest“ nach Shakespeare: Warum er die Scala in die Staatsoper stellt, über Letztere staunt und sich von Mozart oder Schiller fernhält.

Was lieben Sie an Shakespeares Stück „Der Sturm“, das der Oper von Thomas Adès zugrunde liegt?

Es ist sehr offen, vieldeutig, und es ist sein letztes Stück, eine Art Testament. Es ist ein Stück über die neue Welt – „how beauteous mankind is! O brave new world ...“, sagt Miranda am Ende. Es geht um das, was man will, das, was man sich vorstellen kann, um die Zukunft. Ich kenne und liebe das Shakespeare-Stück sehr, habe es auch schon fünf Mal inszeniert.

Das ist untypisch für Sie. Opern scheinen Sie mittlerweile gern zu inszenieren, kaum alte Dramen. Warum?

Für mich ist Oper das große Gesamtkunstwerk, die Begegnung aller Disziplinen. Außerdem leitet einen in der Oper die Musik. In der Oper ist es schwierig, sich zu irren. Ja, der ganze Subtext ist darin. Wenn man Schiller oder Shakespeare inszeniert, muss man sich lang hinsetzen und versuchen zu verstehen. Wenn ich eine Oper inszeniere, verbringe ich keine Zeit am Schreibtisch, es ist von Anfang an Action. Das mag ich sehr.

„The Tempest“ von Thomas Adès wurde 2004 unter Ihrer Regie an der Royal Opera in London uraufgeführt und seitdem unter anderem an der New Yorker Met gespielt. Sie sind ja bekannt dafür, dass Sie ständig Dinge verändern, Neues hineinbringen – machen Sie das auch in Wien?

Es gibt natürlich das Grundkonzept der Inszenierung, aber das Zusammenspiel, die Dynamik zwischen den Personen ist immer wieder neu. Die Persönlichkeiten der Sänger spielen eine große Rolle, ich gehe von der Eigenart des Einzelnen aus, ich will nicht eine Miranda dasselbe machen lassen wie eine andere. Manche Schauspieler sind auch mutiger, denen muss man oft folgen. Als Opernregisseur hat man aber eine ganz eigentümliche Rolle, man teilt sich die Autorität zu 50Prozent mit dem Dirigenten ...

... der in dem Fall noch mehr Autorität ist, weil zugleich Komponist.

Ja, aber das ist oft besser! Viele Dirigenten glauben, das Werk eines Komponisten zu kennen und es schützen zu müssen. Bei Thomas Adès fallen beide zusammen, gerade deswegen ist er viel flexibler. Und dann ist Adès auch noch sehr jung. Es ist gut, mit einem so bewegungsfreudigen Komponisten wie ihm zu arbeiten.

Prosperos Insel schaut bei Ihnen aus wie die Mailänder Scala, eine Scala in der Staatsoper. Hat Prosperos Magie für Sie etwas mit Oper zu tun?

Ja, „Der Sturm“ ist ein Stück über die Luft und den Klang, die ganze Magie von Prospero ist eine musikalische. „The isle is full of noises, sounds, and sweet airs.“ Deswegen ist dieses Stück zur Vertonung wie geschaffen. In der Zeit, in der Shakespeare sein Stück schrieb, wurde auch die Oper mit Monteverdis „L'Orfeo“ geboren. Als hätte Prospero eine opernhafte Welt erschaffen, seine Insel in eine Art Mailänder Scala verwandelt, in der er alle Tricks der Oper einsetzt.

Sie haben immer wieder gesagt, die großen Theater sind Ihnen zu starr. Die Staatsoper ist sehr groß.

Und ich habe mich auch auf ein sehr strenges, konservatives Opernhaus eingestellt. Jetzt bin ich sehr erstaunt! Normalerweise ist es in großen Häusern schwierig, vor allem wenn sie viele Repertoire-Stücke spielen. Aber hier sind die Leute sehr frisch, sehr jung innerlich. Es brüllt auch niemand herum. Mit allen kann man leicht arbeiten. Und selbst, wenn es auch Konservativere gibt, spürt man, dass alle sehr aufgeregt sind und froh, ein Werk des 21. Jahrhunderts aufzuführen.

Über Mozart trauen Sie sich nicht drüber?

Es ist nicht Angst, nur mache ich gern Dinge, für die man noch keine Lösung hat. Bei Mozart oder „Madame Butterfly“ habe ich nicht den Eindruck, dass ich etwas Substanziell neu beleuchten kann. Vielleicht eines Tages ...

Aber Wagners „Ring“ haben Sie an der New Yorker Met inszeniert.

Wagner ist etwas anderes! Beim „Ring“ war ich nie befriedigt von den Produktionen, die ich gesehen habe. Er ist so monumental, da ist immer noch Platz für Neues.

Heute wirkt die Gattung Theater für viele veraltet im Vergleich zum Film. Sie haben auch Filme gedreht. Könnten Sie sich vorstellen, sich darauf zu konzentrieren?

Nein, Film ist gut, aber mir fehlt das Sportliche. Theater, Oper, Tanz, Zirkus, das ist sehr sportlich, man riskiert was dabei. Die Leute mögen Filme ja auch deswegen so gern, weil darin alles schön festgelegt ist. Nichts kann sich mehr bewegen. Man entscheidet, und dann ist es fix. Das Publikum setzt sich vor Schatten hin, nicht vor lebende Menschen, die etwas wagen! Außerdem spiegelt der Film Realität vor, im Theater zeigt man offen seine Tricks. Das ist so, als würde ich zu Ihnen sagen: Dieser Laptop ist jetzt ein Teller.

Sie haben immer von einem eigenen großen Theater geträumt, wann ist es so weit?

In zwei, zweieinhalb Jahren, hoffe ich. Die Stadt Québec hat uns Subventionen für ein großes Theater gegeben. Es wird Le Diamant, der Diamant, heißen, unter anderem, weil ein Diamant viele Facetten hat, und in dem Theater werden verschiedenste Disziplinen beheimatet sein.

Sie sind erklärter Buddhist, wirken aber gar nicht so – na ja, so ruhig ....

Leute mit buddhistischem Naturell brauchen keine Buddhisten zu sein. Oft wird man es, weil man Friede und Stabilität sucht. Wie ich.

PERSON UND PREMIERE

Robert Lepage wurde in der Stadt Québec, Kanada, geboren. Er hat seit Langem eine Theaterkompanie, Ex Machina, und gehört zu den kreativsten Theaterkünstlern der Gegenwart. In Europa wurde er etwa für sein internationales Theaterprojekt „Lipsynch“ gefeiert. Der 57-Jährige arbeitet vor allem als Regisseur, schrieb aber auch Stücke wie „Die andere Seite des Mondes“ („The Far Side of The Moon“), das auch bei den Wiener Festwochen gespielt wurde. Dort war Lepage mehrmals zu Gast.

Am 14. Juni hat die seit ihrer Uraufführung 2004 immer wieder umjubelte Oper „The Tempest“ an der Staatsoper Premiere. Komponiert hat sie der 44-jährige Brite Thomas Adès. 7. Juni: Matinee zu „The Tempest“, u.a. mit Adès und Lepage.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2015)