Schnellauswahl

Kugelblitz

Er war emsig auf verschiedenen Gebieten tätig, von der Geldwerttheorie bis zur Moraltheologie: Otto Neurath, Programmautor des Wiener Kreises. Günther Sandners profunde Biografie zeichnet seinen Weg zum Universalintellektuellen und Demokraten nach.

Der junge Otto Neurath trat als Rübezahl auf, ein massiger Hüne mit rotem Bart und dröhnender Stimme, der als omnikompetenter Wildfang Furore machte. Günther Sandners profunde Biografie zeigt jetzt, wie sich der 1882 in eine getaufte jüdische Familie geborene Neurath zum Universalintellektuellen entwickelt, wie er zum Programmautor des Wiener Kreises um Rudolf Carnap und Moritz Schlick aufsteigt und sich schließlich als Pionier der internationalen Bildstatistik, visuellen Pädagogik und Isotypensymbolgrafik etabliert.

Neurath studierte Nationalökonomie, Soziologie und Philosophie, wirkte dann als Kriegswirtschaftsexperte bei der k.u.k. Heeresleitung in Wien. 1918 ging er nach München und bereitete für die kurzlebige Räterepublik die Vollsozialisierung Bayerns vor; bald darauf war er wieder in Wien, wie immer emsig auf verschiedenen Gebieten von der Geldwerttheorie bis zur Moraltheologie tätig. Im Roten Wien war Neurath in seinem Element, er beteiligte sich aktiv an der Arbeitererziehung und am sozialen Wohnbau, begründete das Gewerbemuseum. Nach der Machtergreifung der Austrofaschisten ging er nach Den Haag, schließlich nach England, wo er 1945 in Oxford starb.

Neuraths quecksilbriger Geist brachte ihm bei manchen Zeitgenossen die Reputation eines Scharlatans ein. Er war aber, das demonstriert die vorliegende Biografie eindringlich, Enzyklopädist und Polymath, nicht Hansdampf in allen Gassen. Seit den 1920erJahren konzipierte Neurath eine Natur- und Sozialforschung überwölbende Einheitswissenschaft. Sie sollte die Metaphysik ebenso hinfällig machen wie die nationalen Philosophietraditionen. Um die Bedeutung von Neuraths universalem Programm zu begreifen, muss man sich die geistige Situation im Wien der Zwischenkriegszeit vor Augen halten. Sandner schildert, wie wissenschaftliche Innovation und die Parteinahme für die Demokratie damals von außeruniversitären Einrichtungen wie dem Wiener Kreis ausgegangen sind. An der Universität hat sich ein Zitierkartell christlich-konservativer und völkischer Anhänger des Austrofaschismus und Deutschnationalismus festgesetzt, hier ist eine anpassungsfähige Elite entstanden, die bis in die 1960er das österreichische Geistesleben mit ihrem Mehltau überzogen hat.

Es gehört zu Sandners großen Verdiensten, Neuraths Wirken quellennah und prägnant darzustellen, ohne dabei je zu beschönigen. Sandner weist auf die Sympathien des jungen Neurath für die Eugenik hin und legt nüchtern dar, weshalb der Ökonom Neurath den Weltkrieg als Chance für mehr Verteilungsgerechtigkeit und für die Straffung der Fertigungsabläufe gesehen hat: Er hat die von seinem Vater entwickelte Überproduktivitätstheorie aufgegriffen und wollte die kapitalistische Geldbilanz durch eine ganzheitliche Naturalrechnung ersetzen.

Feinsinnig rekonstruiert Sandner auch Neuraths Beschäftigung mit dem Marxismus. Der Ökonom empfing wertvolle Anregungen von der marxistischen Gesellschaftsanalyse, warnte aber davor, historische Gesetze klassenspezifischen Verhaltens aufzustellen – diese Pseudogesetze verschleierten die häufig oberflächliche Analyse der Bedingungskomplexe sozialen Handelns. Sandner weist nach, wie Neuraths künstlerische Begabung sein wissenschaftliches Arbeiten geprägt hat, wie sie ihn zur Sprachgrenzen überwindenden Bildpädagogik und Symbolgrafik geführt hat. Das Buch zeigt ihn als schalkhaftes Multitalent, seine Briefe hat er gern mit einem Piktogramm, einem gezeichneten Elefanten, unterschrieben; Sandner druckt Neuraths Billets für Margarete Schütte-Lihotzky mit großartigen Walrossen und zitterköpfigen Schwänen.


Für eine Einheitswissenschaft

Neuraths Herz schlug für die antimetaphysische und weltanschauungsfreie Einheitswissenschaft; sie sollte Gesetzmäßigkeiten verknüpfen und es erlauben, bereichsübergreifend erfolgreiche Voraussagen zu treffen: „Man kann zwar verschiedene Arten von Gesetzen gegeneinander abgrenzen, zum Beispiel chemische, biologische, soziologische, man kann aber nicht von der Voraussage eines konkreten Einzelvorgangs sagen, dass sie nur von einer bestimmten Art von Gesetzen abhänge.“ Neurath ging über die logische Sprachanalyse hinaus, die den Wiener Kreis anfangs bestimmt hatte. Für ihn waren eben nicht nur aus den Naturwissenschaften entnommene Sätze empiriegesättigt formulierbar, sondern auch Gesetzmäßigkeiten der sozialen Welt.

Auch bei Neurath bildeten naturwissenschaftliche Erkenntnisformen das Vorbild für den logischen Empirismus. Er weigerte sich aber, die Beschäftigung mit emotionalen und intentionalen Sachverhalten als unwissenschaftliche Spekulation, als „Psychologismus“, abzutun. Die menschliche Weltwahrnehmung und -aneignung unterlag für ihn Verhaltensgesetzen, die Ballung von Persönlichkeitskoeffizienten, die das Individuum ausmachen, sei physikalistischer Art. Um die Gesetze der Einzelwissenschaften, seien sie chemisch, klimatologisch, seien sie soziologisch, als Teile eines Systems betrachten und in funktionale Zusammenhänge einfügen zu können, bedurfte es einer Einheitssprache. Diese sollte aber keine Sammlung mathematischer Formeln sein, sondern Aussagen in einer sauberen und schlichten Alltagssprache formulierbar machen.

Neuraths Programm zielte auf die Erziehung mündiger sozialer Akteure ab. Dieses Problem bestimmte auch die Auseinandersetzung zwischen dem Wiener Kreis und der Frankfurter Schule um Max Horkheimer. Neurath bot an, Horkheimers dialektische Terminologie in die Sprache der Einheitswissenschaft zu übersetzen, was man in Frankfurt brüsk ablehnte. Horkheimer hielt den Wiener logischen Empirismus für „ein elendes Rückzugsgefecht der formalistischen Erkenntnistheorie des Liberalismus“, obendrein sei er der „Liebedienerei gegen den Faschismus“ schuldig. Neuraths planungseuphorische Praxis lief dem Frankfurter Programm der autoerotisch anmutenden Selbstregulation sozialer Gebilde zuwider; die Frankfurter lehnten jede Sozialtechnologie als repressive Zurichtung und Steuerung des Individuums ab. Hier standen sich alternative Modelle linker Theorie gegenüber: die dialektische Kulturanalyse der Bewusstseinsindustrie auf der einen, die Optimierung der Lebensumstände und bürgerlichen Realverfassung durch Einheitswissenschaft, Gesellschaftsplanung und Erziehung zur Demokratie auf der anderen Seite.

Sandners Ausführungen stimmen melancholisch, führen sie doch in die tiefe Vergangenheit linker Sozialtheorie und -praxis. Den Leser beschleicht der Eindruck des Musealen, weil das Buch die ideologische Blässe der jüngeren Sozialdemokratie drastisch hervortreten lässt. Statt sich an das Meinungsfrikassee von Massenblättern zu halten und denZerfall des Wohlfahrtsstaats zu administrieren, wären die Sozialdemokraten gut beraten, Neuraths Vorschläge für die Demokratisierung der Gesellschaft zu beherzigen. ■

Günther Sandner

Otto Neurath

Eine politische Biografie. 352S., geb., €25,60 (Zsolnay Wien, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2015)