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Wiener Festwochen: Shakespeares Könige im Exzess

Jan Versweyveld/ Festwochen
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Ivo van Hove widmet sich den History Plays: »Kings of War« verarbeitet fünf Dramen in fünf Stunden. Die Überforderung fasziniert, ermüdet aber letztendlich.

Irgendwann gegen Mitternacht in der Halle E im Museumsquartier glaubt man, in „Grey's Anatomy“ gelandet zu sein. Wieder einmal steht verborgen im Hintergrund ein mobiles Krankenbett verloren in einem hellen Gang. Vorne intrigieren die Primarii des Landes und ihre Teams im Salon, da hört man hinten Unruhe, Schreie. Es geht ans Sterben. Der Unterschied zur TV-Serie besteht darin, dass Patienten hier nicht beim Überleben geholfen wird, sondern beim Sterben. Würgend oder per Giftspritze entledigt sich Englands hochadelige Blüte in „Kings of War“ störender Triebe. Man sieht die bösen Taten live übertragen auf einer mächtigen Videowand. Wie ein Chronist huscht stets ein Kameramann über die Bühne und hinter sie, zu sonst verborgenem Geschehen.

Es werden Prinzen und ihre Mütter gemordet, treue wie intrigante Höflinge, schwache Könige und gealterte Helden. Das muss so sein, denn wir befinden uns mitten in den Rosenkriegen des 15. Jahrhunderts. William Shakespeare hat in den drei Teilen von „Henry VI.“ und in „Richard III.“ diesen unruhigen Herbst des Mittelalters aus der Perspektive der Renaissance und im Zerrspiegel des Tudor-Mythos gezeigt. Der belgische Regisseur Ivo van Hove hat nicht nur diese ausgewachsene Tetralogie, sondern zudem Englands heroisches Drama „Henry V.“ verwendet, um mittels gewaltiger Textmassen die Mechanismen der Macht aufzuzeigen. Sein Shakespeare-Personal reflektiert diese alten Geschichten in unserer Gegenwart. Die Schauspieler der Toneelgroep Amsterdam treten in der Koproduktion mit den Wiener Festwochen und diversen europäischen Theatern und Festivals im modernen Business-Look auf. Sie sprechen gewöhnungsbedürftiges Niederländisch statt des herrlichen Englisch der Shakespeare-Ära. Wenn sie laut werden, vermutet man eine Laryngitis. Und die Übertitel auf Deutsch sind nur karge, unbeholfene Fragmente. Ein Genie, wer all diese Zeichen erfasst.

Gut fünf Stunden dauerte die Uraufführung am Freitag in Wien inklusive einer Pause (diesen Sonntag gibt es um 19.30 Uhr den letzten Termin bei den Festwochen). Dieses so vielfältig gebrochene Experiment ist faszinierend in seiner Kühnheit, zugleich aber eine Zumutung und eine Überforderung, die schließlich bei allem Ideenreichtum der Regie und den Stärken der mehr als ein Dutzend Darsteller ermüdet. Sein größtes Manko ist das Serielle der Handlung. Statt eines großen Spannungsbogens gibt es ein ständiges Auf und Ab, das weder Anfang noch Ende kennt. So sind sie, die Herrscher – ans Rad des Schicksals geknüpft, mehr von dessen Willkür getrieben denn von der eigenen Hybris sowie anderen Lastern und Schwächen, die Mächtige plagen und all jene, die es werden wollen.

Kommt einer tatsächlich ganz nach oben, dann wird ihm bei van Hove der rote Teppich ausgerollt. Die Geschichte beginnt bei ihm so: Auf dem großen Screen erscheint ein Porträt der amtierenden britischen Königin Elizabeth II., in rascher Folge werden die Dynastien mit Porträts zurückverfolgt, bis hin zu Henry V., der 1413 gekrönt wurde. Hinten ist im Bett sein Vater Henry IV. verschieden, schon steht der Thronfolger auf dem Teppich, gefolgt von einer Reihe der Großen des Reiches. Er lässt sich den Hermelin umhängen und die Krone aufsetzen. Hinten oben auf einer Art Balkon spielt ein Posaunen-Quartett, dort mischt auch ein Discjockey die meist elektronische Musik, und ein Countertenor singt, immer wenn es feierlich wird. Doch rasch entledigt sich Heinrich V. nach seiner Zeremonie der alten Accessoires und beginnt wie ein Manager mit seiner Machtpolitik.

Ramsey Nasr spielt diesen Eroberer dynamisch und souverän. Die verlorenen Gebiete in Frankreich will er zurück. Die von Jan Versweyveld gestaltete Bühne ist eine Mischung aus Büro, Schlafzimmer, Küche, Konferenzraum und War Room. Schon schaltet London per Bildtelefon nach Paris, Diplomaten erhalten Ultimaten. Frankreich lenkt nicht ein, der Dauphin provoziert, es kommt zum Krieg. Auf Landkarten sieht man das strategische Vordringen der Engländer, von Harfleur bis zum Sieg in Agincourt 1415, die Handlung wird durch Radarschirme und Videos von Aufklärungsflügen verdeutlicht. Anachronistisch laufen auf einem kleinen Fernseher in Schwarz-Weiß alte Shakespeare-Verfilmungen. Auf dem großen Schirm aber verfolgt man aktuell den patriotischen Reden des Königs. Sankt Crispin wird beschworen! Dann diktiert Henry den Frieden, nimmt sich eine französische Königstochter zur Frau. Der Krieger wirkt seltsam beim ersten Date mit der zarten Dame, die ihn nicht versteht – entzückend! Und schon ist sie Witwe, das Spiel beginnt erneut, mit ihrem Baby als Nachfolger auf dem Thron. Ein Onkel regiert für ihn. Bald schlägt die Stunde der Intriganten, spätestens, als Henry VI. sich in den Kopf setzt, eine Anjou zu heiraten. Der Abstieg des schwachen, heulenden Herrschers beginnt. Er wird entmachtet, im Tower ermordet.

Inzwischen ist bereits der spätere König Richard III. im Aufstieg begriffen. Sprunghaft wechselt die Aufführung nach der Pause in dieses fantastische Drama. Hans Kesting spielt mit Witz ein großartiges Monster, das oft das eigene, von einem Feuermal gezeichnete Spiegelbild betrachtet. Doch nun rächt sich, dass diese Inszenierung so viel will. Zu viel. Die Untaten des Hauses York sind zwar reduziert (auf mehr als zwei Stunden), dennoch fehlt jetzt Spannung. Die Schlacht bleibt abstrakt, die Monologe wirken endlos. Sie sind zwar ganz anders als der Lauf der Zeit in den Stunden davor. Doch ein Held ist, wer jetzt nicht müde wird. „Ein Taxi, ein Königreich für ein Taxi!“, möchte man ermattet rufen, lange bevor der Tudor-König Heinrich VII. Gott lobend auf dem Teppich steht.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2015)