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„Havarie“: Im Burggraben der Festung Europa

(C) Argument Hamburg Verlag
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Merle Krögers Mittelmeerdrama »Havarie« ist kein klassischer Kriminalroman, sondern vor allem eine präzise Bestandsaufnahme der aktuellen Situation vor den Küsten Europas.

Drei starten, eins kommt durch. Die Pech haben, ersaufen vor den Augen der Küstenwache. Algerisches Roulette.“ Bereits zum sechsten Mal macht der Algerier Karim Yacine mit seinem Schlauchboot die Überfahrt aus seinem Heimatland in Richtung Europa. Mit an Bord hat er elf weitere junge Männer, „die ihr Leben vergeuden, weil sie keine Zukunft haben“.

Yacine würde man hierzulande reflexartig einfach als skrupellosen Schlepper verdammen. Dass die Wahrheit nicht so einfach ist, beweist die deutsche Autorin Merle Kröger in ihrem vielschichtigen politischen Kriminalroman „Havarie“ eindrucksvoll. Sie porträtiert das Mittelmeer dabei nicht als traumhaftes Ferienparadies, sondern als Burggraben der Festung Europas, in dem täglich Menschen sterben.

Kröger erzählt schonungslos, aber niemals anklagend über die tagtäglichen Dramen vor Europas Küsten. Sie gibt den Menschen auf den dünnen Schlauchbooten Namen sowie Vergangenheit und macht damit ihre Geschichten begreifbar. Kröger beschränkt sich aber nicht auf die Menschen im Schlauchboot, sondern erzählt auch von Menschen auf einem Frachter, einem Rettungsschiff sowie einem Kreuzfahrtschiff – aus insgesamt elf Perspektiven. Es ist ein mosaikhafter und fesselnder Roman, der nicht kaltlässt. Zudem ist er gut recherchiert, wie schon Krögers Vorgängerroman, „Grenzfall“, der einen wahren Mordfall an Angehörigen der Roma-Minderheit erzählt. Dafür wurde die Autorin im Jahr 2013 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet.


Willkommen auf dem Broadway. Die Autorin zwingt den Leser hinzusehen. Sie kratzt nicht an der Oberfläche – im Gegenteil, sie führt den Leser ganz tief hinein bzw. wie bei den Szenen auf dem monströsen Kreuzfahrtschiff Spirit of Europe ganz tief hinunter. Während auf den diversen Decks mehr als 3000 Passagiere ihre Tage im Luxus verbringen, geht es im Schiff selbst ganz anders zu: „Nichts vom Glanz und Gloria des oberen Decks. Hier wird geschuftet und geschwitzt, Nachschub gewuchtet, Müll verschoben, Wäsche in Säcken hinter sich her gezerrt.“

Zynisch wird diese Nervenbahn des Schiffs Broadway genannt. Für den normalen Reisenden bleibt dieser Teil des Schiffs, auf dem mehr als 1000 Menschen ihre Arbeit verrichten, unsichtbar. „Die globale Arbeiterklasse rennt wie gejagt auf den letzten Drücker zum Einsatz. Keiner, nicht mal dein bester Freund, lächelt dir zu. Die Gesichtsmuskulatur hat frei. Dieses ganze verlogene Display von Freundlichkeit, die Angst vor den Kameras im Nacken, ist hier nicht drin. Hier sieht man Stress, Anspannung, Ringe unter den Augen.“

Als das von Karim gesteuerte Boot in Seenot gerät, muss die gerade vorbeikreuzende Spirit of Europe warten, bis die Seenotretter kommen. Das verlangt das Seerecht. Für die Touristen ist das eine willkommene Abwechslung. Sie drängen sich an der Reling, um mit dem Handy Fotos machen zu können. Andere fürchten, dass die armseligen Gestalten an Bord kommen könnten. „Wissen Sie, Officer, die könnten ja bewaffnet sein. Stellen Sie sich vor, wenn die Schwerter dabeihätten...“, zeigt sich eine Passagierin dem Sicherheitschef gegenüber besorgt. Dieser fürchtet aber weniger „ein paar rostige Schwerter“, sondern vielmehr eine Panik aufgrund beunruhigter Passagiere. Außerdem überlegt er, wie er die Situation nutzen kann, um einen illegal auf dem Luxusschiff befindlichen Verletzten von Bord zu bekommen.

Das ist es auch, was das Buch außergewöhnlich macht: Kröger erzählt gekonnt von den vielen subjektiven Wahrheiten der Menschen – das macht ihr Buch wahrhaftig.


Der Urlaub geht vor. Was mit den Menschen im Schlauchboot passiert? Nach den gemachten Handyfotos interessiert ihr Schicksal an Bord der Spirit of Europe kaum jemanden. Im Gegenteil: Die Zeitverzögerung auf hoher See nervt, der nächste Hafen wartet. Der Kapitän macht eine Durchsage und kündigt die Bingo-Endrunde an. „Das bringt die Leute weg von der Reling. Gier siegt über Neugier.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2015)