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Irak: „Jesiden haben kein Vertrauen mehr“

Vian Dakhil
Vian Dakhil(c) Stanislav Jenis
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Vian Dakhil, jesidische Abgeordnete in Iraks Parlament, fordert die internationale Gemeinschaft auf, den IS zu vertreiben. Die Jesidengebiete will sie der Kurdenregion anschließen.

Die Presse: Vor einem Jahr hat der sogenannte Islamische Staat (IS) die nordirakische Stadt Mossul eingenommen. Und zwei Monate später startete er seinen Großangriff auf die Jesiden im Sinjar-Gebiet. Wie sieht die Lage der Jesiden heute aus?

Vian Dakhil: Die Lage ist verheerend. Die Menschen in den Flüchtlingslagern leiden unter der Hitze. Es hat dort circa 45 Grad, und in den Zelten gibt es keine Ventilatoren. Es fehlen Dinge des täglichen Lebens. Wasser ist Mangelware. Das verschlimmert die hygienischen Zustände. Krankheiten grassieren, zugleich gibt es vor allem für Kinder zu wenige Medikamente.

Wie kann diesen Menschen geholfen werden?

Alle Staaten müssen zusammenarbeiten, um das Problem IS zu lösen. Der IS muss vertrieben werden, damit die Flüchtlinge in ihre Häuser zurückkehren können. Zugleich brauchen die Menschen in den Camps jetzt Hilfe. Zwei Millionen Flüchtlinge leben schon in Iraks Kurdenregion. Zugleich hat die Regierung in Bagdad die finanzielle Unterstützung gestoppt. Und nicht nur Kurden, sondern auch Araber aus Mossul, Falluja und Ramadi fliehen nach Kurdistan.

Der IS hat zahlreiche jesidische Frauen verschleppt. Was wissen Sie über deren Schicksal?

Wir können noch immer nicht genau sagen, wie viele Frauen gekidnappt worden sind. Es werden noch etwa 2000 bis 2500 Jesidinnen vermisst. Manche davon könnten aber schon tot sein. Einige haben sich in der Gefangenschaft umgebracht. Bisher sind 1786 Personen freigekommen. Wir kauften sie frei, oder sie konnten fliehen. 490 dieser Personen sind Frauen, 956 Kinder, der Rest sind Männer.

Als ich im Februar Sinjar besuchte, zeigten mir jesidische Kämpfer zwei Massengräber, die nach dem Abzug des IS entdeckt worden waren. Wie viele Opfer konnten bereits identifiziert werden?

Insgesamt hat die kurdische Regierung zwölf Massengräber entdeckt, zuletzt nahe der Stadt Zumar. Die Opfer in diesen Gräbern sind durch Kopfschüsse getötet worden. Einige der umgebrachten Jesiden hatten Personalausweise bei sich. Deshalb wissen wir, wer sie waren. Es ist für uns aber technisch schwierig, Identifizierungen durch DNA-Tests durchzuführen.

Jesidische Aktivisten wollen, dass die Verbrechen an den Jesiden international als Völkermord anerkannt und strafrechtlich verfolgt werden. Warum ist das bisher nicht geschehen?

Wir versuchen das über den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu erreichen. Aber der Irak erkennt die Jurisdiktion des Strafgerichtshofs nicht an. Deshalb kann Den Haag nicht tätig werden. Wir versuchen es auch über den UN-Sicherheitsrat: Dabei scheint mir ein Problem zu sein, dass der IS kein international anerkannter Staat ist, sondern als Terrorgruppe gilt.

Wie soll es in Sinjar politisch weitergehen?

Nach dieser Katastrophe wollen wir ein Teil der Kurdenregion werden. Unsere arabischen Nachbarn haben uns verraten, als uns der IS angegriffen hat. Wir teilen mit den Arabern weder die Religion noch die ethnische Herkunft. Zwar sind auch die meisten anderen Kurden Muslime, aber wir haben dieselbe kurdische Herkunft.

Aber nicht alle Jesiden wollen zur Kurdenregion: Gruppen, die der Kurdischen Arbeiterpartei PKK und den mit ihr verbündeten YPG-„Volksverteidigungseinheiten“ aus Syrien nahestehen, wollen nach Vorbild der Kantone in Syrisch-Kurdistan auch in Sinjar einen Kanton errichten.

Die YPG haben den Jesiden sehr viel geholfen. Wir zollen ihnen dafür große Anerkennung. Aber die Ideologie der YPG passt nicht zur Denkweise von Iraks Jesiden. Einige Jesiden haben sich von den YPG-Ideen leiten lassen. Aber wir müssen mit dem Kopf entscheiden, was das Beste für unser Volk ist.

Fürchten Sie, dass diese Frage zu einem bewaffneten Konflikt in Sinjar führen könnte?

Nach dem Sieg über den IS müssen die irakische und die kurdische Regierung den YPG sagen, dass diese nach Syrien zurückkehren. Personen, die weiter mit den YPG zusammenarbeiten wollen, sollen das in deren Camps in Syrien tun.

Welche Zukunft sehen Sie für die Jesiden?

Bei den Jesiden wurde etwas zerbrochen. Die Kraft, zurück nach Shingal (Sinjar) zu gehen, beginnt zu schwinden. Sie haben kein Vertrauen mehr. Es gibt keine einzige Familie, die nicht mindestens ein Mitglied verloren hat. Wie können wir das alles vergessen?

ZUR PERSON

Vian Dakhil ist die einzige Abgeordnete in Iraks Parlament, die der religiösen Minderheit der Jesiden angehört. Politisch steht sie der Partei Masud Barzanis, des Präsidenten der Kurdenregion, nahe. Während des IS-Angriffs auf die Jesiden im vergangenen August bewegte Dakhil die Welt mit einer erschütternden Rede in Iraks Parlament, in der sie vor einem Genozid warnte. Heute, Dienstag, erhält sie um 19.30 Uhr im Bruno-Kreisky-Forum in Wien den Bruno-Kreisky-Menschenrechtspreis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2015)