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„Man muss mehr ausprobieren“

Designforscher Harald Gruendl und MAK-Kustos Thomas Geisler
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Designforscher Harald Gruendl und MAK-Kustos Thomas Geisler befassen sich in der ersten Wiener Biennale mit der Zukunft Wiens.

Die Presse: Ein Wohnhaus, das die Funktion eines Wohnzimmers hat, eine Bank, die nur Kredit an gemeinnützige Projekte gibt, eine Schule, die keine Klassen und Klassenzimmer hat – in zehn Projekten zeigen Sie Visionen einer zukünftigen Stadt. Wie wird Wien 2051 aussehen?

Harald Gruendl: Wir können nicht in die Glaskugel schauen. Was wir mit der Ausstellung zeigen wollen, ist ein Wandel, der in der Stadt schon stattfindet. Wir zeigen Beispiele, wie ein neuer Lebensstil aussehen könnte. Dabei haben wir bewusst nicht nach Best-Practice-Beispielen gesucht, sondern sind nach Institutionen vorgegangen, die eine Stadt braucht, wie eine Bank oder eine Schule.

Thomas Geisler: Die Projekte sind großteils kollaborativ und partizipativ angelegt. Wir denken schon, dass das eine wesentliche Entwicklung sein wird. Ob das jetzt im Wohnbau oder in der Bildung ist – das Hinterfragen hierarchischer Entscheidungsprozesse wird Teil der Zukunft sein.

 

Jeder wird bei allem also ein bisschen mitreden?

Geisler: Es könnte in die Richtung gehen, die Gesellschaft zu ermächtigen, dass komplexere Aufgaben nicht mehr nur von wenigen gelöst werden. Es gibt schon jetzt Ansätze, wie kollektive Kreativität für Innovation genutzt werden kann.

Gruendl: Wir haben einige Projekte, zum Beispiel Magdas Hotel der Caritas Wien, bei dem man ganz gut sieht, wie solche Gestaltungsprozesse in Zukunft ablaufen können. Ein Architekturstudio soll aus einem ehemaligen Seniorenheim ein neues Hotel machen. Das Baubudget ist gering, weswegen man sich entscheidet, alte Dinge wiederzuverwerten. Ein Sofa aus einem Designkatalog auszusuchen ist eine Sache, die Bevölkerung aufzurufen, Sachen vorbeizubringen und selbst Hand anzulegen, eine andere.

Oft scheitern neue Ideen daran, dass zu wenige Leute mitmachen.

Gruendl: Wir haben bewusst das Format der Demonstratoren gewählt, damit Menschen die Projekte in ihrer Umgebung und im Alltag miterleben können. Für die mobile Marktküche laden wir ein, zu verschiedenen Märkten zu kommen. Nur dort kann man das Gefühl entwickeln, ob die Idee funktioniert.

Geisler: Wenn jemand seinen Traum von einem Sportwagen aufgeben muss, wird es schwierig. Die Aufgabe von Design in Zukunft wird es aber sein, ein positives Feedback auf verändertes Handeln zu geben. Bei der Wohnhausanlage im Sonnwendviertel (eines der Projekte, Anm.) müssen alle auf ein gewisses Maß an privatem Raum verzichten, aber dafür ist dann die gesamte Anlage eine Art Wohnzimmer für alle, wo es ein gewisses Angebot wie Kino, Schwimmbad, etc. gibt.

 

Gerade vor aktuellen politischen Debatten geht doch die Tendenz eher in Richtung Grenzen setzen.

Gruendl: Vieles passiert gleichzeitig. Man wird sehen, was am Ende am erfolgreichsten ist.

Geisler: Etwas auszuprobieren beinhaltet auch die Option, dass etwas nicht gelingt. Die Akzeptanz des Scheiterns muss noch einen andere gesellschaftlichen Stellenwert bekommen. Wenn wir uns nicht trauen, radikal Veränderungen vorzunehmen, dann werden wir nicht die Schritte setzen können, die notwendig sind.

 

In „Die Fabrik“ wird überlegt, wie man Schuhe in der Stadt produzieren kann.

Gruendl: Ja. Heini Staudinger von Gea ist dabei, aber auch Schuhmacherin Stefanie Kerschbaumer. Es geht da auch um die Idee von der neuen Arbeit, einer neuen Kultur. Derzeit kurbeln wir alte Beschäftigungsfelder an, damit sich die Vollbeschäftigung noch irgendwie ausgeht. Aber man könnte sich auch eine andere Art von Lebensstil vorstellen, bei dem wir nicht 40 Stunden arbeiten, sondern die Hälfte oder ein Drittel der Zeit Dinge selbst produzieren. Das heißt jetzt nicht, dass wir alle mit der Gießkanne dastehen. Es wird ein wichtiger Teil der Gesellschaft sein, dass jemand das, was er macht, gern für andere tut. Das klingt vielleicht utopisch. Aber 2051 ist ziemlich nah und wir handeln nicht.

 

Warum handeln wir nicht?

Gruendl: Aus Mangel an Alternativen. Wir warten, im übertragenen Sinn, dass im Supermarkt die Sachen stehen, die weltverträglich sind. Das wird nur nicht passieren.

 

Sind wir zu bequem?

Gruendl: Wenn wir 40 Stunden arbeiten und dann noch ein ökologisches Leben führen sollen, ist das eine Überforderung. Nur wenn der ökologische Stil Teil unseres Lebens, unserer Arbeit ist, gibt es auch ein Selbstverständnis dafür.

Geisler: Im Zuge der Ausstellung haben wir auch nachgedacht, wie Menschen ihr Verhalten ändern. Vielleicht brauchen wir für den Wandel eigene Übergangsszenarien.

Gruendl: Wenn es in Aspern eine Sammelgarage gibt, die gleich weit entfernt ist wie die U-Bahn oder noch weiter, dann ist das so ein Transformationsdesign. Das ist noch keine Alternative zum Auto, aber eine Anregung für einen anderen Mobilitätsmix.

 

Werden Designer in Zukunft die Probleme der Menschheit lösen?

Gruendl: Sie werden eine Rolle in einem Team spielen. Was die Stadt betrifft, wird noch immer zu wenig auf das Know-how von Designern zurückgegriffen.

Geisler: Designer werden zum Beispiel nicht das Bildungssystem reformieren, aber sie können wertvolle Inputs liefern, in welchen anderen Strukturen oder Settings man Wissen vermitteln kann.

 

Aspern wird gern als Wiener Zukunftsort beworben.

Gruendl: Wir haben bei unseren Projekten bewusst Top-down- und Bottom-up-Projekte genommen. Aspern ist meiner Meinung nach ein Muster für Top-down. In der Technologieforschung sind ja einige internationale Konzerne vor Ort. Die machen ihr Ding, weil sie glauben zu wissen, was eine Stadt braucht. Man muss aber einfach viel mehr ausprobieren. In Aspern gibt es ganz normale Straßen mit Ampeln. Da ist nicht mit neuer Mobilität experimentiert worden. Man hätte Dinge auch einfach einmal hinstellen können. Selbstfahrende Autos etwa. Dann könnten die Leute sagen: Tut das weg oder das interessiert mich.

AUF EINEN BLICK

Erstmals findet in Wien die Vienna Biennale in Kooperation mit u.a. MAK, Kunsthalle Wien und Architekturzentrum statt. Sie wird am 11. Juni eröffnet und setzt sich disziplinübergreifend mit der Entwicklung von Städten auseinander. „2051: Smart Life in the City“ läuft in Teilprojekten bis 4. Oktober unter anderem an Orten wie dem Schwendermarkt.

Web:www.viennabiennale.org

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2015)