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Turbulenzen in Bayreuth: „Keiner sagt die Wahrheit!“

Conductor Thielemann acknowledges the crowd at the end of a concert for Pope Benedict XVI at the Vatican
Christian Thielemann, der Star-Dirigent, bereits seit fünf Jahren musikalischer Berater, baut seine Position in Bayreuth aus.(c) REUTERS (Tony Gentile / Reuters)
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Christian Thielemann wollte den Taktstock nicht heben. Kirill Petrenko das Handtuch werfen. Eva Wagner-Pasquier soll Hausverbot bekommen. Auf dem „Grünen Hügel“ gibt es Streit.

„Überrascht“ gibt man sich auf dem „Grünen Hügel“ über jüngste Berichte, es gebe Streit um das Vertragsende der zweiten Intendantin Eva Wagner-Pasquier. Kein Geringerer als Star-Dirigent Christian Thielemann, der heuer in Bayreuth „Tristan und Isolde“ dirigiert, habe gedroht, „nicht den Taktstock“ zu heben, wenn Wagner-Pasquier anwesend sei. In der „Süddeutschen Zeitung“ dementiert Thielemann das „Hügel-Verbot“ für Wagner-Pasquier „ausdrücklich. Da ist wirklich nichts dran. Ich habe nie ein Problem mit Eva Wagner-Pasquier gehabt. Um Himmels willen, ich hebe den Taktstock garantiert, wenn sie im Raum ist, denn ich freue mich wahnsinnig darauf, den ,Tristan' zu dirigieren, basta!“ Soweit Thielemann.

Doch auch Kirill Petrenko, sonst kein Freund großer Worte, heuer musikalischer Leiter des „Ring“ in Bayreuth, drohte mit Rückzug: „Nur der Respekt vor meinen Kollegen hält mich davon ab, meine Mitwirkung aufzukündigen“. Angeblich ging es um Umbesetzungen. Wagner-Pasquier ist u. a. für Casting und Sänger zuständig. Von Turbulenzen wisse er nichts, sagt Peter Emmerich, Pressesprecher der Festspiele, er gehe davon aus, dass Wagner-Pasquier, auch heuer auf dem Grünen Hügel sein werde, „außer sie hat Termine“. Mit 31. 8. 2015 endet Wagner-Pasquiers Vertrag, seit 2008 führte sie mit Katharina Wagner die Festspiele, beide Damen sind Töchter des langjährigen Chefs des Festivals, Wolfgang Wagner (1919-2010), Enkel Richard Wagners. Wagner-Pasquier stammt aus Wolfgang Wagners erster, Katharina aus seiner zweiten Ehe.

Thielemanns Position wird gestärkt

Man habe sich entschlossen, wieder zu den üblichen zwei statt bisher drei Geschäftsführern zurückzukehren, erläutert Emmerich. Wagner-Pasquier werde aber für drei Jahre einen Berater-Vertrag erhalten. Die „Süddeutsche“ zitierte indes aus einem Schreiben, das der bayerische CSU-Politiker Georg Freiherr von Waldenfels an den Anwalt von Wagner-Pasquier, Peter Raue sandte: Darin heißt es u. a., dass Wagner-Pasquier zwischen 1. 6. und 20. 7. „auf dem Gelände der Bayreuther Festspiele nicht anwesend sein wird. Alle Beteiligten hätten über diesen Beschluss Stillschweigen zu bewahren.“ Es handelt sich um die heiße Probenzeit, vor dem Beginn des Festivals am 25. 7. Waldenfels ist ein wichtiger Mann, Chef der Gesellschaft der Freunde (und Mäzene) von Bayreuth und Vorsitzender der Gesellschafterversammlung (zwei Stimmen im 24köpfigen Stiftungsrat der Richard-Wagner-Stiftung, Träger des Festivals). „In dieser Causa sagt kaum jemand die Wahrheit“, erklärt Anwalt Raue, Spezialist für komplizierte Kultur-Fälle, am Mittwoch der „Presse“: „Wahr ist, dass der Sprecher der vier Gesellschafter der Bayreuth-GmbH, Freiherr von Waldenfels, mir erklärt hat, unter keinen Umständen dürfe sich Eva Wagner-Pasquier von 1. Juni bis 22. Juli auf dem Hügel blicken lassen, da Herr Thielemann ungeachtet seiner Dementis sonst den ,Tristan', nicht dirigieren könne. Deshalb dürfe Wagner-Pasquier auch nicht zur Generalprobe gehen. Dass das Hügelverbot versucht wurde, weil Thielemann es gefordert hat, hat mir Waldenfels mündlich und schriftlich mitgeteilt. Herr von Waldenfels hat mir darüber hinaus bereits am 15. Jänner 2015 geschrieben, es gebe einen einhelligen Gesellschafterbeschluss, dass Frau Wagner-Pasquier in der genannten Zeit nicht auf dem Hügel erscheinen dürfe. Diesen Gesellschafterbeschluss hat Herr von Waldenfels erfunden, er existiert nicht. Das gibt er heute zu. Was ihn antreibt, so einen Beschluss zu erfinden, ich weiß es nicht“. Wagner-Pasquier, so Raue weiter, „habe auch keinen Berater-Vertrag für die Bayreuther Festspiele, sondern „einen Dreijahres-Vertrag“ , um „Wagner-Verbände“ zu betreuen - ein international tätiger wichtiger Förder-Verein für das Werk des Meisters.

Mehr als nur Theaterdonner: Was dahinter stecken könnte

Krach auf dem Grünen Hügel ist seit jeher eine süffige Sache. Die Kommentatoren überbieten sich in Zitaten aus dem Werk Richard Wagners und in Wortspielen rund um Rheintöchter, Walküren oder Nornen. Faktum ist: In Wagners Werk geht es heftig zu, so heftig wie in den Auseinandersetzungen darum, wie mythisch seine Figuren sind und ob sie vielleicht schon „Avatare“ von Gestalten, Persönlichkeiten aus der realen Welt waren, zu dem Zeitpunkt, als der Komponist und Gesamtkünstler (1813-1883) sie schuf. Betrachtet man den jüngsten „Rauch“, der vom „Grünen Hügel“ aufsteigt, nüchtern, so sieht man gleich klarer: Für Katharina Wagner ist die kommende Neuinszenierung des „Tristan“, einer besonders anspruchsvollen Oper - unter dem vielleicht wichtigsten Dirigenten unserer Tage, nämlich Thielemann - auch eine Feuerprobe, wie kreativ sie als Regisseurin ist. Bisher hat sie zwar auch inszeniert, aber nicht in so bedeutenden Konstellationen, mit diesem musikalischen Leiter, an diesem Platz. Christian Thielemann wiederum ist seit 2010 musikalischer Berater der Bayreuther Festspiele. Erfolg in der Oper wird von vielen Komponenten gespeist, vor allem aber von Besetzungen und die will Thielemann bestimmen (statt Eva Wagner-Pasquier, die gewiss eine Kennerin ist, aber vielleicht mehr auf Optisches achtet als ein Dirigent). So werden also in Bayreuth mit dem Abgang von Wagner-Pasquier durchaus künstlerische Weichen gestellt: Katharina Wagner, Festspiel-Chefin, Regisseurin, Familienmitglied des weit verzweigten und zerstrittenen Wagner-Clans; Thielemann, De-Fakto-Musikchef, Dirigent in im besten Fall idealen Konstellationen; und als erfahrener Manager wird Geschäftsführer Heinz-Dieter Sense dafür sorgen, dass beim auf Jahre hinaus ausgebuchten Wagner-Festspiel kaufmännisch nichts (mehr) aus den Fugen gerät. So scheint zumindest die Zukunftsvision auszusehen.


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("Die Presse", Langfassung, 11.06.2015)