Schnellauswahl

"Jurassic World": Die Dinosaurier fressen diesmal noch mehr

Wieder ein Ausbruch im Dino-Park. Die Kinder (Ty Simpkins, Nick Robertson) werden in einer motorisierten Glaskugel von den Dinosauriern angegriffen.(c) Universal Pictures
  • Drucken

"Jurassic World" ist zugleich Neustart und Fortsetzung des 23 Jahre alten Originals. Regisseur Colin Trevorrow legt eine Art Super-Cut aus Spielbergs Filmen und Crichtons Romanen vor, der auch als Fan-Fiction durchgeht.

Nur weil man etwas machen kann, heißt das nicht, dass man es auch machen soll. Diese Weisheit lässt sich auf vieles anwenden – Fortsetzungen zu erfolgreichen Filmen etwa –, aber auf dem Götterspielplatz der gentechnischen Labors gewinnt sie besondere Relevanz. Wenn man nach etwa dreißig Filmminuten endlich dem Signatur-Saurier des vierten „Jurassic Park“-Abenteuers – Titel: „Jurassic World“ – in die Augen, oder eher in das weit aufgerissene Maul blickt, dann schaut man eben auch der menschlichen Hybris in all ihrer Hässlichkeit ins Gesicht. Damit ist auch schon gesagt, dass der von Spektakelkino-Frischling Colin Trevorrow kompetent inszenierte Fantasy-Thriller in Essenz dieselbe Kernthematik umkreist wie das kultisch verehrte Original: Das hat 1993 zwar aufgrund des Einsatzes von revolutionären Computereffekten Filmgeschichte geschrieben, funktioniert hat Steven Spielbergs vermutlich gelungenster Film aber vor allem als Warnung vor allzu respektlosem Umgang mit der Natur.

Mehr Elemente aus Crichtons Roman

„Niemand lässt sich mehr von einem Dinosaurier beeindrucken“, erklärt Claire Dearing (Bryce Dallas Howard) gleich zu Beginn, kurz bevor sie den Investoren das jüngste Prunkstück des von ihr geleiteten Dino-Parks „Jurassic World“ präsentiert: der Indominus (aus dem Lateinischen: unbezähmbar) Rex ist das Produkt eines Gencocktails aus verschiedenen Sauriern und soll dem Publikum gehörige Angst einjagen. Finanziert wurde die Anlage vom achtreichsten Mann der Welt, Simon Masrani (Irrfan Khan), dessen Konzern so viele Unternehmen geschluckt hat, dass er eigentlich keine Ahnung mehr hat, was alles in seinem Namen passiert. Vom Indominus Rex zeigt er sich begeistert, ganz im Gegensatz zum saftigen Naturburschen und Ex-Elitesoldaten Owen Grady (Chris Pratt), der vor Ort ist, als das Monstrum aus seinem Gehege ausbricht.

Und dann laufen alle herum und schreien. Gefressen werden sie auch: Die Saurier bekommen in „Jurassic World“ deutlich mehr zwischen die Zähne als in den drei Vorgänger-Filmen – ein Zugeständnis an das (unersättliche?) Publikum. Insgesamt zeigt sich Regisseur Colin Trevorrow sehr ehrerbietig gegenüber Spielbergs Original. „Jurassic World“ ist, jedenfalls dramaturgisch, wenig mehr als eine aufpolierte Neufassung von „Jurassic Park“. Allerdings wurden deutlich mehr Elemente aus Michael Crichtons fantastischer Romanvorlage eingearbeitet: Dr. Henry Wu (als Einziger aus dem ersten Film wieder mit dabei: B.D. Wong) darf sich endlich als moralisch verrohter, käuflicher Wissenschaftler zeigen und die Flugsaurier heben zum Großangriff ab – was zu einer der beeindruckendsten Action-Sequenzen des Jahres führt.

Trevorrow, der auch am Drehbuch beteiligt war, hält sich sonst streng an Spielbergs Vorgaben, wie ein „Jurassic Park“-Film auszusehen, zu funktionieren hat. Die Kinder (Ty Simpkins und Nick Robertson) werden zu Beginn von den Erwachsenen getrennt, beim ersten Angriff sitzen sie in einer motorisierten Glaskugel, genannt Gyrosphäre, die vor den Krallen und Zähnen des Indominus Rex ähnlich viel Schutz bietet wie die Park-Jeeps im Originalfilm: gar keinen. Der Zuschauer lernt, dass nichts Menschengemachtes ein Leiberl haben wird gegen die entfesselte Urgewalt. Die Erwachsenen (Pratt und Howard) tauschen derweil Spitzen aus, können aber nicht verstecken, dass sie sich insgeheim doch sehr lieb haben – genau wie Sam Neill und Laura Dern vor etwas mehr als zwanzig Jahren.

„Jurassic World“ pendelt sich irgendwo zwischen Neustart (Reboot) und Fortsetzung (Sequel) ein: eine Konzession an den Massengeschmack, den sich in Hollywood niemand mehr wirklich einzuschätzen traut. Die jüngeren Semester werden mit atemberaubend animierten Viechern zum Staunen gebracht, den älteren Dino-Fans streut man Rosen.

Abgerichtete Velociraptoren

Man drückt auf die Nostalgie-Knöpfe: Einmal arbeitet Komponist Michael Giacchino die ikonischen Themen aus John Williams' „Jurassic Park“-Score in seine eigene Filmmusik ein. Dann stolpern die Figuren in ein vom Dschungel überwuchertes Gebäude, das sich als das Besucherzentrum aus Film eins entpuppt. Und ein dezent anarchistischer Kontrollraum-Techniker sitzt im „Jurassic Park“-Shirt vor den „Jurassic World“-Monitoren: Er habe „schlechten Geschmack“, wird er von Claire zurechtgewiesen.

All das soll aber nicht heißen, Colin Trevorrow habe keinen guten Film gemacht: „Jurassic World“ schlägt sich sogar weit besser als die beiden anderen Fortsetzungen, baut die Themen aus, spinnt die Motive weiter und macht das über weite Strecken so überzeugend, dass man tatsächlich kein Problem mehr mit der Vorstellung von abgerichteten Velociraptoren hat. Böse formuliert kocht Trevorrow wohl auch mangels eigener Erfahrung – „Jurassic World“ ist erst sein zweiter Film – aus den ikonischen Elementen aus Spielbergs Filmen und Crichtons Romanen eine Art Super-Cut zusammen, der fast schon als Fan-Fiction durchgeht.

Es ist aber eine Sequenz, die ohne Computereffekte auskommt, die einem am längsten in Erinnerung bleibt: Der Indominus Rex frisst auf seinem Weg durch das Grün nicht nur Menschen, er reißt auch andere Saurier und lässt ihre Kadaver in der tropischen Schwüle liegen. Einen davon, einen langhalsigen Diplodocus, entdecken Owen und Claire, als er gerade seine letzten Atemzüge macht. Der Saurier wurde dabei von Hand animiert, Pratt und Howard mussten nicht ins Leere spielen. Der Effekt ist verblüffend bewegend. Dann blickt man mit nassen Augen auf die „Jurassic World“. Und alles ist wieder gut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2015)