Ein "Unbeurteilt" in Leibeserziehung, ein Lehrstück über pädagogisches Können.
Die Akademiestraße: wie vor fünfundzwanzig Jahren grau, öd, staubig, vier Schulen. Ich klettere über den Zaun des Sportplatzes. Früher war das verboten. Früher schritt der alkoholische Schulwart Frankenstein schimpfend ein. Heute stört mich niemand. Der Ort erinnert mich an Schöberl. Ein Turnlehrer im BRG Salzburg, der gerne autoritär gewesen wäre, dem aber in Wahrheit die Knie schlotterten. Wie damals, als Schöberl in der siebten Klasse statt des Kickens „aus disziplinären Gründen“ ein Zirkeltraining anordnete.
Wir, die Schüler, saßen auf einer Turnsaalbank. Schöberl ordnete an, Geräte aufzubauen. Doch niemand erhob sich. Er wiederholte den Befehl. Seine Stimme zitterte. Wieder stand keiner auf (man drückte zwei willfährige Streber mit eisernen Fäusten auf die Bank zurück). Schöberl schickte uns in die Garderobe. Weiteres würden wir vom Direktor erfahren.Doch Schöberl hütete sich, sein Autoritätsversagen an die Autorität weiterzuleiten.
Ab da mieden viele seinen Unterricht. Das wurde am Jahresende vier von uns zum Verhängnis: Wir erhielten die Note „Unbeurteilt“, also eine Nachprüfung im Fach Leibeserziehung. Ich verbrachte den Sommer mit Kugelstoßen, Mittelstreckenlauf, Reckturnen. Ein Spezialist half mir bei der Technik: der Sportlehrer Toni Giger, ein entfernter Verwandter – fünf Jahre älter und für den Nachhilfejob bereits damals denkbar überqualifiziert. Heute erzähle ich das so: Zuerst trainierte er mich Unbeurteilten. Später trainierte er Hermann Maier.
Der erste Nachprüfungsversuch scheiterte an Schöberl: Der Typ war so neurotisch, anders gesagt, er schleppte ein derart aktives Unterbewusstes mit sich herum, dass er mir beim Aufbauen der Turngeräte einen Barren über den Knöchel schob – Zerrung, zwei Wochen Pause. Toni Giger war völlig verblüfft. Wir nutzten die Zeit zur Perfektionierung meiner Kugelstoßtechnik. Zweiter Prüfungsversuch: Ich lege zwei beachtliche Kugelstöße hin, und mit Giger’scher Vorbereitung
gelingt auch das Geräteturnen. Mein großer Augenblick kommt beim 2000-Meter-Lauf. Es ist ein nebliger Herbsttag. Ich kürze die Laufstrecke mehrmals ab, weil Schöberl von seinem Aussichtspunkt unmöglich sehen kann, ob ich vor oder hinter dem Tor vorbeirenne. Da ich statt 2000 höchstens 1600 Meter absolviere, laufe ich zu seiner Verblüffung eine Fabelzeit, so etwas wie österreichischen Jugendrekord, und steige souverän in die achte Klasse auf.
Zwanzig Jahre danach sitze ich in der Wiese meines größten sportlichen Triumphs. Kein Nebel, es ist ein sonniger Tag. Und auch kein Schulwart Frankenstein. Vorne blicke ich zum Festungsberg, auf dem einer meiner Großonkel einst Schmetterlinge gefangen hat – aber darüber erzähle ich Ihnen nächste Woche. Hinter mir das düstere BRG. Ich würde mir wünschen, dass Toni jetzt vorbeikommt. Ich hätte Lust, gemeinsam eine Kugel zu stoßen.
Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele
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