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Wiener Festwochen: Der „Schwejk“ als fades Gulasch

„Der Fall Švejk“: Aus Jaroslav Hašeks antimilitaristischem Schelmenroman macht Dušan David Pařízek einen sinnlos chaotischen Theaterabend.

Das in der Pause auf der Bühne gereichte Pilsner war, wie Bierkenner versichern, sehr gut. Das Gulasch war auch nicht schlecht. Der Rest des Abends fiel dagegen deutlich ab.

Wiewohl das Stück „Der Fall Švejk“ etwas durchaus Gulaschartiges an sich hat: Regisseur Dušan David Pařízek hat Jaroslav Hašeks Roman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ zerschnitten, vermischt und aufgekocht – zu einer Art Gerichtsdrama ohne Angeklagten, basierend auf einer Geschichte aus dem vierten Teil des Romans („Fortsetzung des glorreichen Debakels“). Schwejk, in einer russischen Uniform aufgegriffen, kommt wegen Hochverrats und Verbrüderung mit dem Feind vor das Standgericht, das ein General Fink von Finkenstein leitet, der ein Faible dafür hat, Menschen aufhängen zu lassen.

Diesen General Fink legt Pařízek mit anderen Figuren des Romans zusammen, u.a. mit dem rührseligen und versoffenen Feldkuraten Otto Katz, was überhaupt nicht zusammengeht. Martin Baum, dem man diese konstruierte Rolle anvertraut hat, bemüht sich unter Aufbietung aller näselnden und nicht näselnden Sprachnuancen, die ihm zur Verfügung stehen (und das sind nicht wenige), aber es nützt nichts. Dazwischen singt er mit Kopfstimme „Gott erhalte“ und macht den Oberkörper frei, meistens aber schreit er herum, als ärgere er sich über die dramaturgische Zumutung. Überhaupt wird sehr viel geschrien in dieser Inszenierung, ob es passt oder nicht. Zum Beispiel mit dem Kadetten Biegler, den Pařízek deutlich streberhafter und affirmativer erscheinen lässt als Hašek (bei dem er in all seiner Erbärmlichkeit etwas Anarchisches hat). Was wiederum daran liegt, dass er z.B. Worte sprechen muss, die im Roman dem dummen Leutnant Dub zugedacht sind: „Sie kennen mich noch nicht, aber bis dass Sie mich kennen lernen...“ (Bei Pařízek heißt es übrigens „sobald“ statt „bis dass“, er hat sich gegen Grete Rainers kongeniale Übersetzung entschieden, darüber kann man streiten.)

 

Oberleutnant Lukasch wird zur Frau

Unbestreitbar widersinnig ist die Idee, aus dem Frauenhelden Oberleutnant Lukasch eine von Ivana Uhlířová als herzige Beherzte mit tschechischem Akzent dargestellte Frau Oberleutnant Lukášová zu machen. Mit dieser Geschlechtsumwandlung funktioniert etwa die Geschichte vom brieflichen Flirt mit der Ungarin bestenfalls als Klamauk. Und in diese Kategorie fallen viele, zu viele Szenen des Abends. Auch dadurch geht der Zorn auf das menschenverachtende Militär (nicht nur, aber insbesondere der Habsburgermonarchie) und den unmenschlichen Krieg verloren, der Hašeks Roman durchzieht – und ihn stellenweise mit den „Letzten Tagen der Menschheit“ von Karl Kraus vergleichbar macht. Diesen antimilitaristischen Furor ersetzt Pařízek durch vielsprachiges Geblödel über Ressentiments der Nationen gegeneinander, die bei Hašek nur eine Nebenfront ausmachen. Schlimmer noch: Er verblödelt auch die Kritik am Militär, etwa in einer Slapstick-Szene, in der der Herr General die Frau Oberleutnant Liegestütze machen lässt.

Dann brüllt er wieder. Dann brüllt der Ungar. Dann brüllt Biegler. Dann gibt es, wie gesagt, Gulasch, leider ohne Löffel.

Obwohl nur mehr eine knappe Viertelstunde nach der Pause anberaumt war, verzichteten etliche Premierenbesucher darauf. Sie haben u.a. versäumt, dass Biegler seinen Choleratraum vom Himmel zur Gitarre vorträgt und dass der General vor lauter Reue darüber, dass er den Schwejk beim Kartenspielen verloren hat, eine Zeile von Wolfgang Ambros zitiert („Kunnten S' mir vielleicht ane picken?“) und schließlich das geduldige Publikum verabschiedet: „Rührt euch!“

Melde gehorsamst, es waren ziemlich lange 140 Minuten. Wir empfehlen als Alternative – wenn's denn sein soll, zu Svíčková und Bier – die Lektüre des Romans.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2015)