Räume ohne Dach

Landschaftsarchitektur schafft Räume, die essenzieller Bestandteil unseres Alltags sind und Grundlage unserer Gesellschaft. Das passiert hierzulande schon lange. Aber wer nimmt davon Notiz?

Landschaftsarchitektur arbeitet in und mit Freiräumen. Per definitionem sind das jene urbanen, suburbanen und ruralen Räume, die nicht mit Gebäuden besetzt und nicht überdacht sind – Räume ohne Dach. Diese lapidar formulierte Definition ist zwar unpräzise und hält einer gesamtheitlichen Auffassung von Freiraumplanung nicht stand, doch sie gibt die Breite des Betätigungsfeldes wider, in dem Landschaftsarchitekten agieren, und hat daher an dieser Stelle ihre Berechtigung. Landschaftsarchitektur entsteht in öffentlichen und teilöffentlichen ebenso wie in privaten Bereichen. Sie schafft Parks, Plätze, nutzungserweiterte Straßenräume, Spielplätze, Gärten, Dachterrassen, Freiräume zu Wohnanlagen, zu Firmengebäuden, zu Spitälern, Schulen, Kindergärten und so weiter. Auch großmaßstäbliche Landschaftsinterventionen sind ein Teil des landschaftsarchitektonischen Schaffens, etwa die Aufwertung von Uferzonen, die Gestaltung übergeordneter Grünzüge oder die Konzeption ganzer städtischer Freiraumnetze.

Die Profession ist in starkem Maße von einer Ganzheitlichkeit geprägt, die nicht nur komplexe ökologische, soziale, kulturelle, ästhetische und ökonomische Zusammenhänge herstellen und planerisch umsetzen kann, sondern auch diverse Fachrichtungen versteht und einbezieht. Dieser ganzheitliche Charakter macht die Landschaftsarchitektur mehr und mehr zu einem Zukunftsfaktor für die Städte. Und das durchaus nicht nur wegen der wichtigen ökologischen Funktionen, welche die Freiräume erfüllen. Es ist eine zunehmende Sensibilisierung unserer Gesellschaft für die soziale und kulturelle Bedeutung von Freiräumen in einer lebenswerten Stadt zu verzeichnen. Das hat dazu geführt, dass landschaftsplanende Disziplinen immer häufiger Teil der konzeptionellen Entwicklung von Stadterweiterungsgebieten und zukünftigen Stadtquartieren sind. In einem multidisziplinären Entwicklungsprozess mit vielerlei Begehrlichkeiten an den Raum setzen sich Landschaftsarchitekten dabei für die Schaffung möglichst umfangreicher und hochwertiger Grün- und Freiräume ein.

Landschaftsarchitektur ist der Kontext zwischen Natur und Kultur, das macht sie zum kulturellen Zeugnis einer Epoche. Nichts scheint das derzeit besser zu veranschaulichen als das Phänomen des Urban Gardenings: der, noch vor ein paar Jahrzehnten undenkbar gewesene, produktive Gemeinschaftsgarten mitten in der Stadt als landschaftsarchitektonische Manifestation eines kulturellen Wandels.

Besonders neben moderner Mehrgeschoßarchitektur wirken die gemeinschaftlichen Beete und Anbauflächen beinahe ironisch. Doch hinter den Beeten steht das ernst gemeinte Verlangen einer Gesellschaft nach Gemeinschaftlichkeit, autarken Lebensformen, nach Naturverbundenheit und einem bewussterem Leben in der Stadt. Die kulturelle ebenso wie die ästhetisch-kreative Dimension der Disziplin machen den von Landschaftsarchitekten geschaffenen Freiraum zu einem bedeutenden Teil unserer Baukultur, die uns alle angeht und die wir sonst auch gern diskutieren.

Doch in Sachen Landschaftsarchitektur gibt es im Kulturland Österreich ein kulturelles Defizit. Obwohl aus Österreichs facettenreicher Szene der Landschaftsschaffenden jedes Jahr eine Vielzahl hochwertiger Projekte hervorgeht, ist die öffentliche Wahrnehmbarkeit landschaftsarchitektonischen Schaffens hierzulande vergleichsweise gering.

Diese Unterrepräsentanz in der öffentlichen und fachöffentlichen Wahrnehmung dürfte unterschiedliche Ursachen haben. Das fehlende kulturelle Verständnis für eine relativ junge Disziplin? Die mancherorts eingeschränkten Möglichkeiten für ein landschaftsarchitektonisches Schaffen? Das mangelnde Selbstverständnis der Profession, gepaart mit einer skurrilen Praxis der Medien, bei Besprechungen zu Architektur und Städtebau den hochwertigen Freiraum zu loben, nicht aber die Landschaftsarchitekten als deren Urheber zu nennen? Als wertvoller Anstoß für mehr Außenwirkung ist die unlängst erschienene Publikation „Nextland – Zeitgenössische Landschaftsarchitektur in Österreich“ zu werten. Hervorgegangen ist sie aus der gleichnamigen Online-Sammlung, die von der Österreichischen Gesellschaft für Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung (ÖGLA) und dem Institut für Landschaftsarchitektur an der Universität für Bodenkultur im Rahmen von Jürg Meisters Architektursammlung Nextroom betrieben wird.

Seit 2005 werden dort gelungene österreichische Landschaftsarchitekturprojekte, auch in ihrem städtebaulichen und architektonischen Kontext, kuratiert und dokumentiert. 186 Beiträge der Sammlung aus dem Schaffen von 44 Büros wurden nun in dem für Architekturbelange bekannten Birkhäuser Verlag veröffentlicht. Den Herausgebern Lilli Lička und Karl Grimm ist es gelungen, den dringlichen Anforderungen an das lang erwartete Buch gerecht zu werden. Zum einen ist es trotz des Umfangs ein schön aufbereiteter Bildband, der Appetit auf mehr Landschaftsarchitektur und mehr Bücher über Landschaftsarchitektur macht. Zum anderen stellt die Publikation eine Art Inventarisierung österreichischer Vorzeigeprojekte dar, die übersichtlich und sinnvoll kategorisiert als Nachschlagewerk dienen kann. Ergänzt wird die Projektschau durch Essays, die einen historischen und internationalen Kontext herstellen und den Status der Landschaftsarchitektur in Österreich kommentieren. Texte, die durchaus dazu veranlassen wollen, mehr über die Qualität gebauter österreichischer Freiräume und die Situation, in der sie entstehen, zu diskutieren.

Viele der gezeigten Projekte leisten Überzeugungsarbeit auf hohem Niveau. Doch erst in ihrer gedruckten Gesamtheit werden die unterschiedlichen Auffassungen und Strömungen erkennbar. Leider auch der Anspruch so mancher Auftraggeber: Kostensenkung scheint oftmals die oberste Prämisse zu sein, eine allgegenwärtige Realität der österreichischen Landschaftsarchitektur. Die resultierenden Defizite werden insbesondere im internationalen Vergleich mit höheren Standards und größerer Vielfalt deutlich. Die dennoch oft erstaunlich einfallsreichen Projektlösungen und deren Ausführungen charakterisieren auf anschauliche Weise das Gesamtbild der Schau: Qualität trotz Kostenknappheit.

Eine umfassende Werkschau der österreichischen Landschaftsarchitekturschaffenden war längst überfällig. Jetzt ist sie da, und sie liefert einen selbstbewussten Beweis, dass Landschaftsarchitektur in Österreich stattfindet. So mancher Leser wird beim Durchblättern des „Nextland“-Buches ob der vielen schönen Projekte positiv überrascht sein und vielleicht auch das eine oder andere Aha-Erlebnis haben. Dann nämlich, wenn die gestalteten Freiräume, die im eigenen Umfeld recht unbemerkt angenehmer und selbstverständlicher Bestandteil alltäglicher Abläufe sind, als Produkte der Landschaftsarchitektur identifiziert werden. ■