Sängerin Balbina erobert gerade Deutschland – und tritt im Vorprogramm von Grönemeyer in Österreich auf.
Sie hat Mitleid mit der Zeit, als würde es sich dabei um eine alte, einsame Frau handeln, die kaum einer leiden kann, weil sie die Menschen ständig vor sich hertreibt. „Das ist, die Zeit ist ein Egoist“ heißt eines der eindringlichsten Lieder der deutschen Sängerin Balbina. Doch wie bei vielen ihrer Songs führt der Titel zunächst in die Irre. Denn sie nennt die Zeit zwar einen Egoisten, nimmt sich der physikalischen Größe dann aber richtig liebevoll an: „Zeit, du tust mir leid, bist die Einzige, die nie frei hat. Ist man da nicht einsam?“
Es sind kunstvolle, gesungene, manchmal sehr verspielte Gedichte, die Balbina in ihrem kürzlich erschienenen zweiten Album, „Über das Grübeln“, zusammengetragen hat. Es geht darin um Alltagsbeobachtungen, Gefühlsbeschreibungen oder Gegenstände, wie den „Wecker“, der zu leise klingelt, oder die kleinen gelben Hörschutzhilfen in „Ohropax“, in dem sie singt: „Ich muss aufhören, auf alles zu hören, sonst werd ich taub und bin nicht mehr zu gebrauchen.“ Das Lied brachte ihr prompt die freundliche Vereinnahmung einer bekannten Ohropax-Marke ein. In „Seife“ besingt sie Fehler und Missgeschicke, die Beziehungen und Dinge zerstören, so wie Joseph Beuys Kunstwerk „Fettecke“, die der Hausmeister der Düsseldorfer Kunstakademie 1986 aus Versehen entfernt hat. Das Kunstwerk war für immer zerstört.
Technoschreisongs im Vorprogramm
Balbina heißt mit vollem Namen Monika Jagielska. Sie wurde 1983 im polnischen Warschau geboren und kam drei Jahre später mit den Eltern nach Berlin-Moabit. Rasch fand sie einen Zugang zur deutschen Sprache und beschäftigte sich schon während der Pubertät mit deutscher Rapmusik. Es sei „die Art, sehr lange Texte in sehr kurzen Musikstücken unterzubringen“, die sie beeindruckt habe, wie sie in Interviews erzählt. Lange Zeit tummelte sie sich in der Berliner Hip-Hop-Szene, tourte etwa mit den schrägen Atzen und sang während deren Vorprogramm absurde Technoschreisongs, ehe sie 2011 ihr Debütalbum, „Bina“, veröffentlichte.
Mit dem zweiten Album kam schlagartig die große Aufmerksamkeit. Das deutschsprachige Feuilleton lobte sie hymnisch, „Vice“ und „Vogue“ rissen sich um sie. Balbina wirkt bei all diesen Interviews sympathisch und reflektiert, sie erzählt gern von ihrer Kindheit in Polen, den ersten Jahren im Berliner Westen und von ihren ganz speziellen geometrisch geschnittenen, zuckerlartigen Kleidern in Weiß, Schwarz oder Rot, die sie so wie den strengen Dutt bei Auftritten trägt und die eine befreundete Designerin für sie macht. Dazu trägt sie übrigens immer weiße Stoffturnschuhe, die sie angeblich schon getragen bevor das so modern war wie gerade.
Auch wenn die Medien sie nun feiern, wird Balbina vermutlich nie den Massengeschmack treffen. Schuld daran ist auch ihre Stimme, die manchmal sanft, aber viel öfter sehr hoch, fast jammernd klingt. Diese Stimme erlaubt keine Zwischentöne, man kann sie nur lieben oder hassen.
Um die Zeit und den Zeitvertreib geht es besonders oft in ihren Texten, wie etwa auch in der Antizeitgeisthymne „Nichtstun“. Während viele davon reden, wie man mit Yoga oder Mediation zu innerer Ruhe kommt, singt sie: „Ich muss was gegen das Nichtstun tun.“ Im echten Leben kommt sie kaum zum Nichtstun. Seit Anfang Mai tourt sie durch Deutschland, zwischendurch tritt sie im Vorprogramm von Herbert Grönemeyer auf und kommt so auch zweimal nach Österreich (15.6., Burg Clam, 16.6., Wiener Stadthalle).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2015)