Ade Tantchen, innigst Dein Karl

Auch wenn's oft nicht so aussieht: Doch, es gab auch – leider fast vergessene – Menschen bei uns, auf die man stolz sein kann. Heimo Halbrainers ergreifendes Gedenkbuch über die Opfer der NS-Justiz in Graz – und das Davonkommen der Täter.

Steirisch werden, das bedeutete – und bedeutet vielleicht heute noch – in der österreichischen Umgangssprache, dass man sich aus verletztem Ehrgefühl vom Zorn übermannen lässt. Ein paar Watschen, derbe Worte, Widerstand gegen die Obrigkeit. Steirern platzte oder platzt der Kragen offenbar schneller als den Restösterreichern, man darf ihre Taten deshalb nicht mit der üblichen Strenge ahnden. Mit diesem Argument bemühten sich 1942/43, also mitten in den Terrorjahren der Naziherrschaft, einige Grazer Rechtsanwälte um Strafmilderung für ihre Mandanten, die als kommunistische Widerstandskämpfer vor dem Volksgerichtshof standen: Die Steirer seien immer schon Rebellen gewesen und sollten, als „bestes deutsches Arbeiterblut“, nicht zum Tode verurteilt werden.

Diese Verteidigungsstrategie ärgerte den damaligen Gauleiter Sigfried Uiberreither derart, dass er in einem Schreiben an den Leiter des Gauschulungsamtes, Heinrich Hoffer, darauf drängte, „für eine gewisse Ausrichtung der Anwälte zu sorgen, die in diesen Prozessen tätig werden; vor allem scheint mir die Notwendigkeit aus dem Grunde gegeben, weil viele Politische Leiter und auch sonst politisch interessierte Volksgenossen an den Prozessen teilnehmen, die unter Umständen an einer solchen Verteidigungsrede Gefallen finden könnten und zu vollkommen falschen Schlussfolgerungen gelangen“.

Dies und vielerlei mehr erfährt man in dem ergreifenden Gedenkbuch, das Heimo Halbrainer den Opfern der Nazijustiz zugedacht hat. Hier finden sich Angaben über 112 Frauen und Männer, die von NS-Sondergerichten oder vom Volksgerichtshof in Graz zum Tode verurteilt und entweder in Berlin, Wien oder im Keller des Grazer Landesgerichts enthauptet wurden. Es handelt sich bei ihnen nicht nur um steirische, sondern auch um Kärntner und burgenländische Widerstandskämpfer, denen Halbrainer „ein papierenes Denkmal“ errichtet hat.

An einige von ihnen erinnern mancherorts auch Denkmäler aus Stein, Gedenktafeln an Amtsgebäuden und Straßenbezeichnungen. Freilich gibt es von diesen, verglichen mit den Kriegerdenkmälern, die gerade in der Steiermark wie Krebsgeschwüre wucherten, immer noch viel zu wenige; außerdem erfährt man in der Regel nicht mehr, als dass die Toten „für Österreichs Freiheit“ gestorben sind. Wie sie ausgesehen, welche Berufe sie erlernt und ausgeübt, was sie gegen die Naziherrschaft unternommen, mit wem sie sich verbündet, wohin ihre Kontakte gereicht haben, das alles steht in diesem Buch, dessen Titel dem Abschiedsbrief der Grazerin Helene Serfecz an ihr Enkelkind entnommen ist: „Sei nicht böse, dass ich im Kerker sterben muss. Ich habe für die Idee gearbeitet und armen Menschen geholfen. Das kostet mich nun den Kopf, aber mein Geist lebt weiter auf dieser Welt. Sei schön brav und werde wie Deine Omama. Vergiss nicht auf mich.“

Helene Serfecz, geborene Wrießnegger: als uneheliches Kind in Klagenfurt geboren und aufgewachsen, mit 19 Jahren nach Graz geheiratet, Hausfrau, Sozialdemokratin seit 1919, dann aktiv in der Roten Hilfe. 1941 fing sie an, Geldbeträge für die Angehörigen von Verhafteten zu sammeln, gewann dafür auch ihren Sohn, der im Ernährungs- und Wirtschaftsamt der Stadt angestellt war. Zusammen mit ihm wurde sie im August 1942 verhaftet, drei Wochen früher als er wegen des gleichen Delikts, Vorbereitung zum Hochverrat, hingerichtet. Josef Serfecz in Wien, Helene in Graz. Laut Urteilsbegründung stand außer Zweifel, „dass sie als gehässige und verbissene Marxistin in enger Zusammenarbeit mit der Leitung der ,Roten Gewerkschaft‘ vorsätzlich das Ihre dazu beitragen wollte, dass der Nationalsozialismus und seine Regierung gestürzt werde“. Zum Zeitpunkt ihres Todes, am 13. September 1943, war sie 57 Jahre alt.

Der Schauspieler und Regisseur Karl Drews, Jahrgang 1901, war schon ein Jahr früher hingerichtet worden. Anfang der 1930er-Jahre hatte er „Proletkult“, die Agitprop-Truppe der Kommunistischen Partei Graz, geleitet, davor und danach an vielen Bühnen Österreichs, der Tschechoslowakei und Jugoslawiens gearbeitet. In der Saison 1938/39 war er am Grazer Schauspielhaus engagiert, anschließend als Finanzbeamter und Versicherungsvertreter tätig. Im Frühjahr 1939 baute er mit Franz Weiß, Anton Kröpfl und Josef Neuhold die Grazer KPÖ auf, die kurz zuvor von der Gestapo zerschlagen worden war, wurde zwei Jahre später festgenommen und im Juli 1942 zum Tode verurteilt.

Unmittelbar vor seiner Exekution im Oktober dieses Jahres schrieb er zwei Abschiedsbriefe, an seine Mutter und an seine Tante. „Es ist jetzt bereits nach Mittag. In wenigen Stunden, um 6 Uhr 30 erfolgt meine Hinrichtung. Liebe, gute Tante. Ich danke Dir für alles Liebe und Gute, das Du mir erwiesen. Meine letzte Bitte ist: Habe meine Mutter, Deine Schwester, aus ganzem Herzen lieb und hilf ihr, der Viel- und Schwergeprüften, auch über diese letzte Trübsal, die ich ihr bereite, hinweg. Nimm ihr, soweit Du kannst, liebevoll auch materielle Sorgen ab. Ich habe Dich sehr lieb gehabt und für Euch alle gekämpft. Ade Tantchen, innigst Dein Karl.“

Der im Juni 1906 geborene Martin Michelli stammte aus Vordernberg. Er arbeitete als Laufbursche im Bergbau, war dann infolge der Wirtschaftskrise acht Jahre lang arbeitslos. 1937 fand er eine Anstellung als Bergmann am Erzberg, wo er zuletzt als Lokomotivführer tätig war. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion hatte er zusammen mit Arbeitskollegen angefangen, Sprengstoff für geplante Anschläge auf die Reichsbahn zur Seite zu schaffen. Noch bevor die konspirative Gruppe – sie bestand aus 14 Bergarbeitern – ihr Vorhaben in die Tat umsetzen konnte, wurde sie verhaftet, Franz Michelli mit drei weiteren Angeklagten, Johann Pech, Siegfried Pichler und Alexander Soukup, am 10. Mai 1943 vom Volksgerichtshof Graz zum Tode verurteilt. Das Urteil gegen Michelli wurde am 7. September 1943 in Wien vollstreckt. Im Abschiedsbrief an seine Mutter Rosa Kahlig schrieb er, es sei „nicht notwendig, dass ich meine Sache aufteile und Legate da und dorthin aufteile. Denn zum Glück hab ich nichts, auch keine lachenden Erben. Und wenn einer ein so ruhiges Gewissen hat und so richtig weiß, dass sein Leben nicht unnütz war, dann stirbt es sich leicht.“

Wie in der Regel gestorben wurde, das erhellt ein Bericht des früheren Pfarrers von Krieglach, Anton Weber, der von der Gestapo verhaftet, wieder freigelassen und nach Graz versetzt worden war. Dort leistete er als Seelsorger im Landesgericht den Verurteilten geistlichen Beistand. „Die erste Hinrichtung, bei der ich zugegen war, war eine Frau namens Serfecz. Sie war sehr mutig. Sie war wegen kommunistischer Tätigkeit angeklagt und erklärte sich unschuldig. Sie erklärte dort, für ihre Überzeugung in den Tod zu gehen. Sie sang in ihrer Zelle noch Lieder, bis man sie zur Hinrichtung holte. Ein anderer Fall ist mir in Erinnerung. Es ist der Vizebürgermeister aus Judenburg, welcher sich sehr anständig verhielt und den Eindruck eines sehr lieben Menschen machte. Dieser war Sozialdemokrat. Ein anderer Fall ist mir in Erinnerung, wo ein schon weit über 60 Jahre altes Ehepaar aus Marburg zum Tode verurteilt wurde, weil man ihnen vorwarf, Partisanen unterstützt zu haben. Ich kann noch sagen, dass die meisten der zum Tode Verurteilten sehr mutig waren und auf Bestrafung ihrer Mörder große Hoffnung gesetzt haben.“

Dass und warum sich diese Hoffnung nicht erfüllte, erfährt man im Schlusskapitel dieses Buches, in dem Halbrainer sowohl die „Aufarbeitung der Verbrechen der NS-Justiz in der Steiermark“ als auch die dortige Erinnerungspolitik von 1945 bis zur Gegenwart akribisch darstellt. Liest man es, kommen einem doch Zweifel am rebellischen Geist als Kern steirischer Wesensart. Von den für die Todesurteile Verantwortlichen und an den Hinrichtungen Beteiligten ist kaum jemand zur Rechenschaft gezogen worden. Was aber wirklich würgt, ist der Gedanke daran, dass die Abgeurteilten fehlten, als man daranging, eine demokratische Gesellschaft aufzubauen. Es kann ein Irrglaube sein anzunehmen, dass das kollektive Gewissen geringeren Schaden genommen hätte, wenn sie noch gelebt hätten. Aber sie waren nicht nur in politischer, sondern auch in moralischer Hinsicht die Besten ihrer Generation gewesen. Die Lücke, die sie hinterließen, hat sich nie geschlossen. Die meisten von ihnen, Männer wie Frauen, waren Arbeiter – und arm. Ihr ganzer Besitz hätte auf einen Leiterwagen gepasst. Dass sie nichts zu verlieren hatten als ihre Ketten, ist dennoch kein Trost.
In Vordernberg erinnert nichts an Martin Michelli. Karl Drews wird durch den nach ihm benannten Klub im Volkshaus der KPÖ Graz, ebenso durch eine Gedenktafel im Grazer Schauspielhaus gewürdigt. Seit 2011 gibt es im Stadtteil Eggenberg einen Helene-Serfecz-Platz. Sowohl die Gedenktafel für Drews als auch die Namensänderung des früheren Heinrich-Lersch-Platzes – Lersch war ein deutscher Nazidichter – zugunsten des Erinnerns an Helene Serfecz verdankt sich nicht zuletzt dem Bemühen Heimo Halbrainers. Er verhehlt nicht, dass diese Akte späten Erinnerns von den zuständigen politischen Instanzen in den meisten Fällen „wie eine lästige Pflichterfüllung gegenüber den Opferverbänden und anderen Initiatoren“ empfunden werden.

Halbrainer ist eine Ausnahmeerscheinung in der österreichischen Zeitgeschichtsforschung: wegen seiner Fähigkeit, sich trotz des regionalen Interessenschwerpunktes nicht von der Provinz einfangen zu lassen; wegen seiner Randstellung im akademischen Getriebe; wegen der Selbstverständlichkeit, mit der er mittels Stadtführungen, Exkursionen, Ausstellungen sowie Publikationen des von ihm mitbegründeten Vereins Clio Volksbildung betreibt; wegen seiner Hilfsbereitschaft und Beharrlichkeit; wegen seiner Überzeugung von der Gegenwärtigkeit der Geschichte, die sich in seiner Arbeitsweise widerspiegelt. Man könnte ja sagen: Das ist lange vorbei, wir haben andere Sorgen, und die Menschen, über die er schreibt, seien ohnehin längst tot. Warum also noch daran rühren? Was Halbrainer antreibt, verrät das Zitat Primo Levis, das er seinem Buch vorangestellt hat: „Es ist geschehen, und folglich kann es weiterhin geschehen; darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“ ■


Das Buch wird am 24. Juni um 19 Uhr im Schwurgerichtssaal des Landesgerichtes
Klagenfurt vorgestellt.

Heimo Halbrainer

„Sei nicht böse, dass ich im Kerker sterben muss.“

Die Opfer der NS-Justiz in Graz 1938 bis 1945. Ein Gedenkbuch. 384 S., brosch., €25 (Clio Verlag, Graz)