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Muskeltraining für das Gehirn

Wassergymnastik fuer Senioren
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Ob Schokolade, Gewürze oder die sogenannte Mittelmeerkost: Es gibt viele Wege, die Gehirnaktivität zu verbessern oder Demenz vorzubeugen. Besonders hilfreich sind aber sozialer Austausch und viel Bewegung.

Ein bisschen paradox ist das schon: Einerseits heißt es, eine halbe Tafel Schokolade täglich könne den geistigen Abbau verzögern. Andererseits macht Schokolade dick, und Übergewicht kann wiederum auch der geistigen Fitness schaden.

Nur 37 Probanden zwischen 50 und 67 Jahren nahmen an der „Schoko-Studie“ der Columbia Universität New York teil. Täglich erhielten sie eine hohe Dosis von Kakaoinhaltsstoffen (900 Milligramm Flavonole, was eben einer halben Tafel dunkler Schokolade entspricht). Nach drei Monaten schnitten sie bei Gedächtnistests deutlich besser ab, Hirnscans zeigten eine signifikante Verbesserung der Durchblutung in jenem Bereich des Hippocampus, der neue Erinnerungen bildet.

Aber nicht nur Schokolade verbessert die Gehirnaktivität. Eine italienische Übersichtsstudie (zwölf Studien mit mehr als 1,5 Millionen Teilnehmern) kam zu dem Schluss: Wer regelmäßig Mittelmeerkost (Olivenöl, Gemüse, Obst, Getreide, Fisch) konsumiert, verringert sein Alzheimerrisiko um 13 Prozent. Im Fisch, aber auch im Leinöl, sind es vor allem die Omega-3-Fettsäuren, die dem Gehirn auf die Sprünge helfen. „Wer viel davon zu sich nimmt, kann seine geistigen Kapazitäten länger aufrechterhalten“, erwähnt Udo Zifko, Neurologe und Psychiater sowie Leiter des Zentrums Gesundes Gehirn in Wien. Auch Kohl, Kichererbsen, Spargel, Spinat, Sojabohnen und grüner Salat sind ob ihres Folsäurereichtums der Kategorie Brain Food zuzuordnen. Vice versa ist ein niedriger Folsäurespiegel im Blut mit der Entstehung von Alzheimer verknüpft.

„Sehr gut für das Gehirn sind auch Kurkuma, Sesam und Safran“, weiß Margot Schmitz, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie sowie Leiterin des Instituts für Psychosomatik. „Einer unserer Forschungsschwerpunkte ist die Prävention von Alzheimer.“ Als vorbeugende Gehirnnahrung dürfen auch Lebensmittel mit Vitaminen aus der B-Gruppe bezeichnet werden, enthalten sind diese Vitamine unter anderem in grünem Gemüse, Tomaten, Bananen, Bier. Apropos Bier: Kleine Mengen Alkohol, genussvoll getrunken, tun den Gehirnzellen durchaus gut.


Soziale Kontakte sind wichtig. Besser noch als Wein allein ist ein Glas in Gesellschaft. Es gibt etliche Studien, die darauf hinweisen, dass gute soziale Kontakte das Demenzrisiko hinauszögern. Auch Lachen tut das zu einem gewissen Grad. Wobei Lachen gleichzusetzen ist mit guter Laune, Zufriedenheit. „Die im Laufe eines Lebens aufgetretenen depressiven Phasen können das Demenzrisiko verstärken, vor allem, wenn Depressionen nicht oder schlecht behandelt werden“, sagt Zifko.

Ein nicht zu unterschätzender Turbo für unsere Denkzentrale ist die Bewegung. Es gibt hunderte von Studien, die, beweisen, dass Menschen, die viel Sport machen, ein geringeres Risiko haben, an einer Demenz zu erkranken. Eine davon besagt, dass gesteigerte körperliche Aktivität unseren Hippocampus wachsen lässt. Zudem hat Sport einen positiven Einfluss auf Arteriosklerose, Diabetes, Blutdruck, Blutfette und Übergewicht – Faktoren, die das Demenzrisiko erhöhen.

Ganz generell verringert jede Form von geistiger Aktivität das Demenzrisiko. Bei Akademikern und Menschen, die sich ständig weiterbilden, besteht demnach eine geringere Gefahr als bei Hauptschulabsolventen und Menschen, die sich im Berufsleben geistig nur wenig bewegen. Und für Pensionisten gilt erst recht: „Wer geistig aktiv bleibt und sich neuen Herausforderungen stellt, und da zählt Kreuzworträtseln allein nicht unbedingt dazu, bekommt eine Demenz entsprechend später oder gar nicht“, sagt Zifko. Wenn das Gehirn nicht gefordert wird, verkümmert es, wie ein Muskel.

Wer glaubt, dass er vergesslicher geworden ist, könnte sich einer Vorsorgeuntersuchung unterziehen. „Dem Gehirn wird bei der Vorsorge generell zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Mit einem rechtzeitigen Check und entsprechenden Folgemaßnahmen könnte man sowohl eine Demenz hinauszögern als auch einen Schlaganfall verhindern.“ Doch nicht hinter jeder Vergesslichkeit muss eine Krankheit stecken. Auch massiver Dauerstress und ständige Überforderung können ein gesundes Hirn vergesslich machen. In diesem Fall heißt die Vorbeugung schlicht: einen Gang zurückschalten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2015)