Schnellauswahl

Clintons taktischer Spagat

FOR DESK TO REVIEW SHARPNESS -U.S. Democratic presidential candidate Hillary Clinton delivers her ´official launch speech´ at a campaign kick off rally in Franklin D. Roosevelt Four Freedoms Park on Roosevelt Island in New York City
(c) REUTERS (BRENDAN MCDERMID)
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Beim ersten Wahlkampfauftritt seit sieben Jahren versucht Hillary Clinton, ihr abgehobenes Image loszuwerden.

Mit Wissen um die Symbolkraft des Ortes und einer fein ziselierten Rede hat sich Hillary Clinton am Samstag erstmals in diesem Wahlkampf den Massen bei einer öffentlichen Veranstaltung präsentiert. „Die zentrale Frage in diesem Wettlauf ist, ob man aufseiten der gewöhnlichen Amerikaner ist, ob man die Lösungen hat, um die Probleme amerikanischer Familien anzupacken, und die Fähigkeit, Dinge umzusetzen“, sagte die 67-Jährige in ihrer Rede, die auszugsweise schon vorab an die Medien lanciert worden war.

Der Schauplatz dieser ersten Wahlkampfrede Clintons, seit sie im Juni 2008 ihre Niederlage in der parteiinternen Vorausscheidung gegen Barack Obama eingestanden hatte, sollte die Brücke zu Präsident Franklin D. Roosevelt und dessen politischem Credo schlagen. Der Four Freedoms Park auf Roosevelt Island, einer Insel im East River, ist nach den vier Freiheiten benannt, die Roosevelt 1941 in seiner Rede zur Lage der Nation ansprach: Freiheit von Angst, Freiheit der Rede und des Glaubens sowie Freiheit von Not. Clinton versucht damit, ihre vier Hauptanliegen in einen größeren Rahmen zu setzen. Sie will Amerikas Wirtschaft stärken, Familien und die Mittelschicht unterstützen, den Einfluss undokumentierter Geldspenden auf die Politik einhegen und ihr Land vor äußeren Bedrohungen bewahren.


Vages Programm. Diese Vorhaben könnten in ihrer Unbestimmtheit genauso gut von einem der republikanischen Präsidentschaftsanwärter stammen. Clintons Vagheit ist dem Dilemma ihrer Kandidatur geschuldet: Auf ihrem stärksten Feld, der Außenpolitik, wird diese Wahl nicht entschieden werden. Ihre größte Schwäche wiederum, nämlich der Vorwurf, nach mehr als drei Jahrzehnten als First Lady an der Seite ihres Gatten Bill in Arkansas sowie Washington als Politikerin abgehoben zu sein, wird schon jetzt von ihren Gegnern ausgenutzt.

Nun muss sie einen Spagat vollziehen: Innerparteilich liegt sie zwar unangefochten mit 40 bis 50 Prozentpunkten vor Bernie Sanders, einem charismatischen Senator aus Vermont, der sich unbekümmert als Sozialdemokrat bezeichnet und die Aufhebung der Studiengebühren und die Einführung einer einheitlichen Krankenversicherung nach europäischem Vorbild fordert. Doch die Zeiten, als Kandidaten wie ihr Mann Bill an eine große Menge echter unabhängiger Wähler appellieren konnten, sind vorüber. Die USA sind ideologisch so tief gespalten, dass man Wahlen nicht damit gewinnt, die große Masse aller Bürger zu überzeugen, sondern die eigenen Anhänger am Wahltag zum Urnengang zu bewegen.

Für Clinton folgt daraus, dass sie mit eher linken Forderungen und Slogans zumindest bis zu den demokratischen Vorwahlen Anfang nächsten Jahres die eigene Parteibasis wach und bei Laune halten muss. Damit ist allerdings das Risiko verbunden, eine der letzten echten Wechselwählerschichten zu vergraulen: ältere, verheiratete weiße Frauen aus den Vororten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2015)