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Wien-Museum: Der Ring, die Weltbühne der Bürger von Wien

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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In der Gründerzeit wurde noch großzügig gedacht. Die Ausstellung "Der Ring. Pionierjahre einer Prachtstraße" zum heurigen 150-Jahr-Jubiläum dokumentiert die bis heute größte Veränderung des Stadtbildes.

Mit dem Demolieren der Wälle, Bastionen und Mauern rund um die Innenstadt begann 1858 das Großprojekt Ringstraße, ein radikal neues Wien entstand. In der Ausstellung „Der Ring. Pionierjahre einer Prachtstraße“ sieht man zur Einleitung jedoch noch Idyllen – Sichten auf die alte Stadt aus der Vogelperspektive. Als Präludium wurde im Wien-Museum Karlsplatz jener Durchgangssaal im ersten Stock genutzt, in dem dauerhaft das riesige Modell des Ersten Bezirks und seiner unmittelbaren Umgebung steht. Eduard Fischer hat es 1854 vollendet: dicht an dicht Modellbauten aus Karton und Holz in einer fast noch mittelalterlichen Stadt. Wien aber platzte aus seinen Nähten, im 19. Jahrhundert wurde die Einwohnerzahl der Hauptstadt des Habsburgerreiches vervielfacht. Der Druck, eine radikale Stadterneuerung zu wagen, war gewaltig.

Am 20. Dezember 1857 wurde die größte Stadterneuerung der Metropole vom noch jungen Kaiser Franz Joseph per Handschreiben initiiert. Gleich beim Eingang des ersten großen Raums wird man von einem Porträt des damals schnurrbärtigen Herrschers empfangen (Josef Neugebauer nach Franz Schrotzberg, 1858). Darunter liegt das Konzept des kaiserlichen Schreibens von 1857 aus dem Österreichischen Staatsarchiv. Das Original wurde beim Justizpalastbrand 1927 zerstört. Wie gewaltig die Veränderung des Stadtbildes war, sieht man bereits zuvor an Fischers Modell der Innenstadt: Die Grundrisse repräsentativer Bauten, etwa der Museen, des Parlamentes, des Rathauses, der Universität, werden ins Glacis hineinprojiziert – einzelne Baustellen erreichten fast die Größe von Fußballfeldern. 300 Hektar konnten rund um den ersten Bezirk neu gestaltet werden. 4,4 Kilometer lang (ohne Kai) wurde der Prachtboulevard, der Wiens Weltgeltung bekräftigen und den Weg in die Moderne ebnen sollte. Der nutzlos gewordene Verteidigungswall, der noch bei der Türkenbelagerung 1683 wesentlich war, wurde in Rekordzeit abgebaut, für die Prachtbauten ließ man sich zum Teil bis ins 20. Jahrhundert Zeit.

 

Erster internationaler Wettbewerb

Alte Ansichten verdeutlichen, wie sehr sich die Stadt ab 1857 wandelte, etwa Joseph Daniel von Hubers beeindruckende „Scenographie“ Wiens und seiner Vorstädte (1778), Jakob Alts Panorama von der Kuppel der Peterskirche aus (um 1830), Rudolf von Alts Blick auf Wien von der Kuppel der Karlskirche aus (1841/42) und Johann Breyers vierteilige Chromolithografie vom Stephansturm (1856/57). Letztere entstand unmittelbar vor Baubeginn, und diese rege Tätigkeit wird von Kurator Andreas Nierhaus, dem Architekturspezialisten des Wien-Museums, profund präsentiert – die Schau ergänzt sinnvoll jene Ausstellungen, die derzeit u. a. in der Nationalbibliothek und im Jüdischen Museum zu sehen sind. Sie verzichtet auf einen Parcours, setzt in offenen Räumen eigene Akzente, fokussiert auf acht Jahre der Planung und Vollendung erster Teilstücke. Im von Nierhaus herausgegebenen Katalog (Residenz Verlag, 288 Seiten, 29 €) wird das „Ringen um die Ringstraße“ bis in die Gegenwart weitergeführt – etwa mit der Erwähnung umstrittener Projekte wie einem geplanten Hochhaus beim Eislaufverein.

Wie hart um Realisierungen gekämpft wurde, zeigen auch die Dutzenden Pläne, die eingereicht wurden, nicht nur die der drei Preisträger, sondern auch die Alternativen dazu. Erstmals gab es einen internationalen städtebaulichen Wettbewerb. Gebaut wurde dann eklektisch, in großzügiger Auslegung all der Vorschläge. Und schon ist man mitten in der Großbaustelle. Die Porträts der treibenden Kräfte, des Finanzministers Freiherr von Bruck und des Innenministers Freiherr von Bach, zeigen Entschlossenheit. Bach konnte die Agenda an sich reißen, er initiierte eine geschickte Mischung zentralistischer Lenkung und privater Initiativen.

Der Adel mit seinen Palais in der Innenstadt war bis auf Ausnahmen zurückhaltend, die Ringstraße wurde zum Prestigeobjekt für das Bürgertum, ihre Weltbühne. Das brauchte Zeit. Die Wirtschaftskrise 1871 führte beinahe zum Stillstand. Hilfreich für den Fortschritt war, dass Juden per kaiserlicher Verordnung von 1860 erstmals generell Realitäten besitzen durften. Reiche jüdische Familien investierten nun in Palais am Ring.

Die meisten der 300 ausgestellten Objekte kommen aus der eigenen Sammlung des Wien-Museums, darunter zwei jüngst erworbene Hermen aus Terrakotta von der Fassade des 1945 zerbombten und abgerissenen Heinrichshofs, des „schönsten Zinshauses der Welt“. Solcher Bauschmuck wurde bereits industriell hergestellt. An diesen imposanten Statuen zeigt sich das Janusgesicht der Gründerzeit: Noch im rasanten Fortschritt lebte die Sehnsucht nach alter Größe.

PIONIERJAHRE DER PRACHTSTRASSE

Bis 4. Oktober 2015 ist die Ausstellung „Der Ring“ im Wien Museum Karlsplatz zu sehen, von Dienstag bis Sonntag und Feiertag, 10 bis 18 Uhr.

„Die Presse. Geschichte“. In dieser Reihe ist 2015 der Band „Die Ringstraße. Geschichte eines Boulevards“ erschienen. (Hrsg. Günther Haller, 8,90 €, für Abonnenten 6,90 €). Bestellung unter diepresse.com/geschichte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2015)