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Alles beginnt mit einem Vater

(c) Wiener Festwochen
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Der Schweizer Theatermacher Milo Rau zeigt im Brut im Künstlerhaus "The Civil Wars", ein schillerndes Mosaik über die Verflechtung von Politischem und Privatem.

Beim Anblick dieses Mannes verstand man sofort, dass nichts ihn aufhalten würde.“ Ein Vater sucht seinen Sohn, der in den „Heiligen Krieg“ gezogen ist. Wird der Sohn geläutert heimkehren? Eins ist offenbar: Vater und Sohn sind einander ähnlich: eruptiv, entschlossen und unbeugsam. Der Schweizer Milo Rau, der mit seinem International Institute of Political Murder Zusammenhänge zwischen Politik und Menschen untersucht, zeigt bei den Wiener Festwochen im Brut im Künstlerhaus „The Civil Wars“.

Vier Schauspieler erzählen Geschichten von Vätern, ihren Vätern. Eine altmodische Balkonloge mit goldenen Engeln und rotem Samt zieht zu Beginn der Aufführung die Aufmerksamkeit auf sich, der Balkon hat einen Sprung, vielleicht ein Symbol für die fragmentierte bürgerliche Bühnenkunst. Der Balkon dreht sich, es erscheint ein Wohnzimmer, mit Sofa, Nippes und Fotos.

Die traurigste Geschichte erzählt Karim Bel Kacem: Seine Eltern kamen aus Marokko nach Paris und wohnten in einem Hochhaus in der berüchtigten Banlieue, die Mutter stammte aus Algerien. Der Vater arbeitete auf dem Bau, immer öfter meldete er sich krank und trank. Wenn er aus dem kleinen Garten, den die Familie zum Ausgleich für die triste Wohnung nutzen durfte, heimkam, verprügelte er seine Frau. Eines Tages beschließt Karim, den Vater zu erschießen...

 

Angst, Sorge, Wut – und etwas Slapstick

In Karims Erlebnissen spiegeln sich Zeit- und Kulturgeschichte: Da sind der Gegensatz zwischen französischen Musikern und Malern, nach denen die Straßen im Viertel benannt sind und den tristen Verhältnissen, die Musik von Marie Laforêt im Auto auf dem Weg zu Besuchen in der immer fremder werdenden Heimat und die aus Filmen gespeisten Fantasien des Sohnes von Gewalt gegen den Vater.

Durch Zufall gerät die flämische Künstlerin Sara De Bosschere in das Haus ihrer Kindheit, weil dort Proben stattfinden, Bilder aus ihrer Vergangenheit überrollen sie. Die Straße, in der das Haus steht, ist inzwischen eine der teuersten der Stadt. Der Vater wurde zerrieben zwischen seinem Beruf als Zivilingenieur und seinen frühen linken Träumen. Er kam in die Psychiatrie, wurde allmählich stabilisiert, war aber letztlich gebrochen.

Bereits selbst im Vater- und Großvater-Alter ist Johan Leysen: Er erzählt von seiner Erfahrung mit Mitbestimmung im Theater: Ein Schauspieler, der sich dazu bekannte, gern zu spielen, wurde mit Exekution bedroht, er musste sich entschuldigen und sagen, er spiele, „um die Massen zu erziehen“. „Da habe ich mir gesagt, dass ich hier fehl am Platze bin“, meint Leysen. Später lernte er die Absurdität des ideologiefreien Kunstlebens kennen: Jean-Luc Godard engagierte ihn für einen Film, sein „Kostüm“ muss er sich selbst besorgen, den Text erhält er kurz vor seinem Auftritt: Slapstick beim Dreh.

Die Namensgleichheit mit dem berühmten französischen Philosophen Michel Foucault (1926–1984) bringt Konfusion in das Leben von Sébastien Foucault. Seine Kindheit prägen die „Krisen“ seines Vaters, der ständig neue Jobs probiert. Nachts geistert er im Haus herum, rasiert sich und drückt die Klinken der Türen zu den Zimmern seiner zahlreichen Kinder, die panische Angst haben.

Der Text ist ein langer Monolog, verteilt auf die Schauspieler. Es gibt Kapitel mit Titeln wie „Die großen Bewegungen“ (anfangs), „Wahnsinn“ oder „Apokalypse“. Gegen Ende ist eine Passage aus Tschechows „Kirschgarten“ eingeflochten, in dem der Student Trofimov für Anja, die Tochter der Gutsbesitzerin, das Bild einer besseren Welt malt: der Revolutionär und das Mädchen aus gutem Hause. Milo Rau, der Soziologie, Germanistik, Romanistik studiert hat und Journalist für die „Neue Zürcher Zeitung“ war, hat wie Castorf seinen Karl Marx studiert – auch die französischen Poststrukturalisten. Sein „Civil Wars“-Mosaik erweist sich als spannend und bühnentauglich, trotzdem lässt sich in seinen vielen Steinchen nach allerlei Theorien über Sprache, Gesellschaft, Politik forschen.

Raus Prognose ist pessimistisch gefärbt: Laut einer Nasa-Studie wird spätestens 2073 alles zusammenbrechen bzw. explodieren, Klima, Bevölkerungswachstum. Die seltsame Lust am Untergang teilt der Film mit dem Theater. Die Vater-Geschichten sind übrigens nicht neu, Alvis Hermanis zeigte 2007 „Väter“, eine ähnliche Performance über die Welt und das subjektive Erleben am Zürcher Schauspielhaus, die Aufführung war auch bei den Festwochen und im Akademietheater zu sehen. Die Message der „Civil Wars“ – der Krieg beginnt in der Familie, im Wohnzimmer – ist allerdings bei Rau politisch deutlicher als bei Hermanis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2015)