Zum Paulusjahr machten sich rund 400 Gläubige per Bahn auf den Weg nach Rom. Kardinal Christoph Schönborn war mit an Bord.
ROM. „Normalerweise fahren wir hier mit Jugendlichen und machen Discothek.“ Ivan Gálik ist ein gewisser Stolz anzumerken über den großen Waggon mit Bar und Tanzfläche im Sonderzug D 16173 nach Rom. Doch die Tanzfläche bleibt diese Nacht leer. Und der Geschäftsführer von Wagon Service Travel, der den Zug zur Verfügung stellt, kann sich auf eine ruhige Nacht einstellen. Denn kurz vor 22Uhr ist für den Großteil der Passagiere schon Nachtruhe angesagt. „Eine gute, gesegnete Nacht“, wünscht Kardinal Christoph Schönborn über das Bordmikrofon den 400 Pilgern, die am Freitagabend die Diözesanwallfahrt auf den Spuren des heiligen Paulus angetreten haben.
Zehn Jahre ist es her, seit sich von Wien aus eine Gruppe auf eine Diözesanwallfahrt aufgemacht hat. Das Heilige Land war damals das Ziel. Die Distanz ist diesmal kürzer, die Anstrengungen für die Pilger aber nicht viel geringer. Mehr als 15 Stunden verbringen sie in den Waggons, die allesamt 1984 in der damaligen DDR gefertigt wurden. Und beten. Gemeinsam nämlich, immer dann, wenn der Kardinal über das Bordmikrofon dazu aufruft, im Pilgerbuch ein bestimmtes Gebet anzustimmen. In Wiener Neustadt, wo er für die Reisegruppe Segen erbittet. Oder in St. Veit an der Glan, wo das Abendgebet gesprochen wird.
Singen mit dem Kardinal
Schönborn selbst lehnt dann konzentriert an der Wand im Gesellschaftswagen – so heißt der Waggon mit Tanzfläche und Bar – und spricht die Gebete, singt die Lieder mit, die eine Gruppe junger Katholiken mit Gitarrenbegleitung anstimmt. Auf dem Flachbildschirm oberhalb des Mischpults ist eine Power-Point-Präsentation zu sehen, in der Jesus am Kreuz gezeigt wird. In den Abteilen sitzen die Gläubigen, das Pilgerbuch auf der richtigen Seite aufgeschlagen, und singen mit. Die einen lauthals, die anderen nur mit Lippenbewegungen. Ein wenig müde wirken sie, kurz vor 22 Uhr. Kurz bevor im Zug Nachtruhe angesagt ist.
Und die Müdigkeit ist verständlich. Schließlich sitzt man seit 17 Uhr im Zug, hat das Programm der Pilgerreise, die bis Sonntagabend dauern wird, studiert. Hat das gelbe Pilgertuch ausgepackt, das um den Hals gewickelt in Rom die Reisenden als Pilger ausweist. Und hat mit dem Kardinal gesprochen, der den gesamten Zug, Waggon für Waggon, Abteil für Abteil abgegangen ist. „Ich bin ein leidenschaftlicher Bahnfahrer“, hört man ihn oft sagen. Doch auch Schönborn wirkt müde, als er nach dem Abendgebet im Gesellschaftswagen noch ein kleines Bier aus dem Plastikbecher trinkt. „Zur guten Wallfahrt gehört es auch, etwas Gutes zu essen und etwas Gutes zu trinken“, hat er vorher bei der Begrüßung der Pilger gesagt. Wenn auch erst, nachdem er über die spirituelle Bedeutung des Apostels Paulus gesprochen hat. Der Kardinal sitzt, spricht mit den Gläubigen, hört zu und antwortet milde lächelnd. Als er sein Bier geleert hat, macht er sich auf den Weg ins Schlafabteil, ehe er auf einem Tisch zwei Brotlaibe entdeckt, aus denen vorher Gulaschsuppe gelöffelt wurde. „Seine Eminenz möchte nicht, dass Brot weggeworfen wird“, sagt Reiseleiter Andreas Kickinger, der schließlich das Brot zerteilt und an die umstehenden Pilger reicht. Nun ist es wirklich Zeit. „Gute Nacht, Eminenz!“ „Gute Nacht!“
Zuerst Ave Maria, dann Abba
Einige Passagiere bleiben noch an der Bar stehen, die Priester unter ihnen haben allesamt den Kragen gelockert, nur beim Zisterziensermönch sitzt die Montur noch exakt. Aus den Lautsprecherboxen, durch die vorher noch „Ave Maria“ in einer Easy-Listening-Version nach außen drang, ist jetzt Abba zu hören. Wenn auch recht leise. Gegen Mitternacht suchen die Letzten ihre Abteile. Der Kardinal schläft zu diesem Zeitpunkt längst.
„Öffne meine Augen, Heiliger Geist, damit ich die Schönheit der Schöpfung sehe“, singen die Jugendlichen am nächsten Morgen im Gesellschaftswagen. Es ist kurz vor acht Uhr, die Reisenden haben längst ihre Betten verlassen. Die meisten sitzen wieder, das Pilgerbuch in der Hand, in ihren Abteilen. Einige haben den Weg in den Gesellschaftswagen gefunden und beten laut mit dem Kardinal mit. In wenigen Minuten wird der Zug den Bahnhof Roma Ostiense erreichen. Den Bahnhof, der an jenem Ort steht, an dem auch einst Paulus die Stadt betreten haben soll. Mit den gelben Pilgertüchern um den Hals werden die rund 400 Passagiere dann aussteigen und zu den Bussen strömen, denen sie zugeteilt wurden. Ein Gottesdienst in Santa Maria Maggiore, ein Gottesdienst mit Kardinal Schönborn im Petersdom, ein Mittagsgebet auf dem Petersplatz, eine Messe in San Paulo fuori le Mura – das Programm ist dicht gedrängt.
Doch die Pilger wirken trotz aller Müdigkeit fröhlich. Jeder scheint so an sie heranzugehen, wie es Schönborn formuliert hat: „Ich lade Sie ein, die Mühen dieser Wallfahrt mit Heiterkeit und Herzlichkeit anzunehmen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2009)