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Das Fossil Schuld

Jetzt liegt er vor, Alban Nikolai Herbsts zunächst wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts verbotener Roman „Meere“. Und siehe: kein Skandalbuch, sondern der Ver-such einer Rettung des Subjekts durch die Kunst.

Mein leidenschaftlichstes, bitterstes Buch, und vielleicht mein poetischstes, schönstes. In dieser zweiten Fassung sowieso“, sagt Alban Nikolai Herbst über die Auflage seines Romans „Meere“, die in einer ungewöhnlichen Vorzugsausgabe erschienen ist. Schmuckschuber nennt der Verlag die limitierte Edition. Das ist ein reizender Euphemismus für einen Sonderband, der nicht nur ästhetisch drei unterschiedliche Ausgaben eines Textes ummantelt, sondern auch die dramatische Publikationsgeschichte eines außergewöhnlichen Romans dokumentiert.

„Meere“, ein heftiger, literarisch großartiger Versuch der Rekonstruktion einer Topografie emotionaler Versehrtheit erschien 2003 das erste Mal. Kurz nach Erscheinen wurde das Buch verboten. Wieder einmal fühlte sich, wie das heute in außerliterarischen Kreisen üblich ist, jemand in seinem Persönlichkeitsrecht verletzt. Es gab einen großen Wirbel darum und wilde Spekulationen, die den Text selbst unbeachtet ließen. Der Gesellschaftsklatsch hatte einmal mehr über die Kunst gesiegt, und nicht, wie manche annehmen wollten, Autor und Buch zum Medienstar gemacht. „Meere“ blieb fast vier Jahre verboten und geriet in Vergessenheit. Dann konnten Autor und Kläger sich einigen. Alban Nikolai Herbst überarbeitete den Text. Geringfügig, erstaunlich geringfügig im Hinblick auf das dramatische Ergebnis Verbot.

Diese Änderungen von einem verbotenen zu einem genehmigten Text sind nun auf wohl einmalige Art in der Geschichte verfemter Bücher nachzuvollziehen. Denn der Schmuckschuber enthält genau das: die Urfassung von „Meere“, in der Originalausgabe von 2003, die neuralgischen Stellen vom Autor per Hand überklebt, einen Gesamtabdruck der nach dem Prozess veränderten und autorisierten Version in der Zeitung „Volltext“ von 2007 sowie eine neue Buchausgabe, erschienen im Axel Dielmann Verlag, die Alban Nikolai Herbst „Letzte, vervollständigte Ausgabe“ nennt. Diese weicht nur geringfügig von der „Volltext“-Version ab.

Die Frage, warum er nicht schwärzt, sondern überklebt, beantwortet der Autor mit einem ihm sehr gemäßen Grund, der direkt auf den Text verweist: Es ist eine Frage der Ästhetik. Schwärzen, so Herbst, „wäre arg hässlich“, wobei die Schönheit im Werk (und in diesem Fall über dem Werk) von Alban Nikolai Herbst nicht anekdotisch oder funktionslos ist, sondern direkt in den Kern der Figuren, der Körper, der Textkörper führt. Die Frage des Romans ist nicht: Wer spricht?, obwohl die Mehrstimmigkeit, das Mäandern zwischen ich und er, zwischen Du (als Anrede) und sie das zunächst nahelegt. Die Frage des Romans ist genauer: Was macht es möglich, dass Ich sprechen kann?

Die Antwort gibt der Roman auf jeder Seite: Kunst. Er gibt sie auf der Handlungs-, der Erzähl- und der Metaebene. Es geht um nichts anderes in diesem leidenschaftlichen, verzweifelt schönen Buch als um die Rettung des Subjekts durch die Kunst. Die Methode heißt Perversion. Perversion nicht im vulgärsprachlichen Sinn, sondern als Umkehrung der Verhältnisse: Es gewinnt aus der Ohnmacht Macht und wird Ich. Es gilt, der Erscheinung der Menschen und der Dinge das abzutrotzen, was dem Protagonisten Kalkreuth/Fichte als Kind abhandengekommen ist: jenes Urvertrauen, das als einziger Stoff unseres Seelenlebens Selbstbewusstsein schafft, Identität, die notwendige Voraussetzung eines jeden Individuums, sich einen Platz in der Gesellschaft zu sichern. Kalkreuth hat man diesen lebenswichtigen Stoff entzogen. Deswegen stülpt er sich eine neue Oberfläche über, die er Fichte nennt. Fichte kleidet sich anders. Fichte handelt anders. Fichte scheint kontrolliert und kühl. Fichte verhält sich souverän. Sich selbst gegenüber. Frauen gegenüber.

Die sadomasochistischen Liebesszenen des Romans doppeln die Pervertierung, die Fichte auf der personalen Ebene vollzieht. Sie sind kein obszönes Beiwerk, sondern tief in der ästhetischen und seelischen Konstruktion der Erzählung wie der Hauptfigur verwurzelt. Sie spiegeln Kalkreuths Urkonflikt, den erst der Maler(-fürst) Fichte erkennen und bildlich formulieren kann – und ausleben in Form einer verzweifelten Sexualität. Hinter der Dramatik steht die Tragik des unschuldig Schuldigen. Kalkreuth trägt einen Namen, der ihn als Kind zum Freiwild machte. Der Name erlaubte es der Umwelt, in Julian Kalkreuth, das Kind, einzudringen, sich seiner zu bemächtigen und ihm jenen Stoff zu rauben, der Ich-Identität verbürgt.

Kalkreuths Großvater wurde als Nazi für Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, verurteilt, gehenkt. Fichte weiß, dass er für die Vergehen des Großvaters nicht die Verantwortung trägt, aber Julian Kalkreuth konnte nicht anders, als die unreflektierte Schuld in sich aufzunehmen. Er verleibte sie sich ein. Seine Vampire, wie Fichte später die Erynnien nennt, wird Kalkreuth nicht mehr los. Es geht um die Bedingung von Leben im Deutschland nach '45, und eine weitere Tragik tut sich auf, als Fichte begreift, dass die Mutter seines Sohnes, die sehr viel jüngere Geliebte Irene, mit der er all diese leidenschaftlichen Kämpfe voll unterdrückter Liebe durchlebt, gar nicht mehr begreift, worunter er leidet: Sie hält die sadomasochistische Amour fou des Geliebten nur für anekdotisch, anzufachen und auszuschalten ganz nach Belieben. Fichte erkennt, dass seine Tragik von der heranrollenden Zeit überlebt wird. Seine einverleibte Schuld ist bereits auf dem Weg, ein Fossil zu werden, das ein interessierter Forscher vielleicht irgendwann einmal entdeckt, so wie die Nachwelt seine riesigen Höllenbilder entdecken und würdigen wird, an denen er sich während eines Stipendiums in Polen abarbeitet.

Die Ästhetik: Kunst, Manierismus, Oberflächen, die sich auch in Fichtes Art, sich zu kleiden, spiegeln, schöne Körper, schöne Frauen allem voran – sie dienen in Fichtes Universum dem Selbstheilungsversuch. Dass diese Rekonstruktion unmöglich ist, weiß Fichte selbst. Wir kommen von unsrer Kindheit nicht los. Die Versehrtheit wird bleiben. Oder, in den Worten eines Kunstkritikers: „Wenn Fichte einen Berg malt, dann häuft er ihn auf und verzweifelt, weil er nicht an die Höhe herankommt. Diese Vergeblichkeit schreit den Betrachter aus jedem Bild an. Fichte ist maßlos selbst im Erschrecken.“

Nichts vom Kern des Romans wurde von Alban Nikolai Herbst überklebt. Nichts jedenfalls von jenem Kern, der wörtlich lesbar ist. Attribute wurden verändert von Fassung zu Fassung, so wollten es Kläger und Gericht. „Wir machen es so, dass wir immer ganze Seiten überkleben, auch dann, wenn nur einzelne Wörter und/oder gar ein einzelnes Wort zu ändern sind. Die ganzen Seiten werden fest aufgeleimt. Wer das ablösen will, zerreißt die ganze Seite.“

Zum Schluss sei noch eine Vision erlaubt. Wir kennen so etwas aus der bildenden Kunst: Oft scheint nach Hunderten von Jahren unter einem Bild die ursprüngliche Anlage der später übermalten Linien hindurch. Pentimenti nennt man das, Reuezüge. Vielleicht, in Hunderten von Jahren, dringen die Reuezüge der Urfassung von „Meere“ wieder an die Oberfläche. Es wäre dem Buch zu wünschen. Weil sich darin Werdegang, Ästhetik und Text untrennbar miteinander verbinden. Und die Leidenschaft, die hinter alldem steht und ebenso wenig vom Werk zu trennen ist. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2009)