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Schande über die selbst ernannten Kritiker der Selbsternennung

Reformpartner als „selbst ernannt“ zu diffamieren, weist auf das mangelnde Demokratieverständnis der Kritiker hin.

Das ungekrönte Totschlagargument unserer Zeit lautet „selbst ernannt“. So ist täglich in den Medien von selbst ernannten Experten, Kalifen, Reformpartnern etc. die Rede. Klingt gut, weil abwertend, und soll wohl die Entrüstung aufseiten der Medienkonsumenten schüren; in einer Art von kulturellem Reiz-Reaktionsschema, als Stimmungstrigger unter Umgehen des Großhirns.

Bedeutet „selbst ernannt“ doch schließlich „aus eigenen Gnaden“, streut Zweifel an der Kompetenz der so Bezeichneten. Das Wort löst den Hohn jener aus, die zwar ebenfalls nichts von der Materie verstehen, sich damit aber zur Verachtung berechtigt wähnen. Nun ja, zumindest einem Partner der sogenannten selbst ernannten steirischen Reformpartnerschaft hat der permanente mediale Anwurf der Selbsternennung gar nicht gut getan.

Dermaßen negativ emotionalisierte Medienkonsumenten mögen eine solche Nachricht und den selbst ernannten Urheber des abwertenden Attributs für bedeutender halten als ohne dieses. Vielleicht aber sind manche journalistische Selbsternennunszuordner ja bloß Köche, die gewohnheitsmäßig zu viel Salz verwenden; vielleicht sind sie Proponenten einer unreflektierten journalistischen Spottkultur, um damit Zugehörigkeit zur eigenen Kaste zu zeigen, in einer Art selbst ernannter Hirnlosigkeit? Wie anders ist im demokratischen Kontext die Beliebtheit des Attributs „selbst ernannt“ bei den Nachrichtenmachern zu verstehen?

Demokratie ist ohne Selbsternennung nicht denkbar. Randbemerkung in diesem Zusammenhang ist das ständige selbst ernannte Expertentum von Hobby-Kolumnisten, wie ich einer bin. Der ungekrönte König der Selbsternennung scheint aber Kollege Rudolf Taschner zu sein, Hansdampf in allen Gassen des Staates und der Bildung. Er zieht damit regelmäßig ein spezifisches Taschner-Bashing auf sich, das mindestens so viel zu seiner Beliebtheit als Kolumnist beizutragen scheint wie seine Texte – und mindestens so viel über die Basher aussagt wie über den Kolumnisten selbst.

Obwohl ich oft nicht Taschners Meinung bin, muss ich ihn hier vehement auch im eigenen Interesse verteidigen. Würden wir ausschließlich im Bereich unserer Kernkompetenz schreiben, wir hätten unseren Job verfehlt. Denn der besteht letztlich darin, geistig zu unterhalten, also Nachdenken, vor allem aber auch Widerspruch auszulösen. Wissenschaft und Demokratie leben vom Widerspruch, und daher von der „Selbsternennung“. Die Demokratie kommt ohne selbst ernannte Kontrolleure der Mächtigen, ohne selbst ernannte Wächter der Freiheit nicht aus. Gut, aber nicht unbedingt essenziell, wenn Wahlen die Selbstermächtiger sekundär legitimieren. Selbsternannte treiben die gesellschaftliche Entwicklung an und jagen die Arroganz der Macht. Sie trauen sich zu dürfen. NGOs etwa agieren selbst ernannt; sie werden bei global schwächelnden Regierungen immer wichtiger, schon als Gegengewicht zur raumgreifenden Selbsternennung der Wirtschaft.

Ganz ehrlich: Welche Alternativen zur Selbsternennung hätten Franz Voves und Hermann Schützenhöfer denn gehabt? Ein Diplom der Reformakademie? Ein Dekret des Bundespräsidenten oder gar des Papstes? Politiker werden immer gewählt, um zu reformieren. Dies als „selbst ernannt“ zu diffamieren, ist dumm und bösartig. Und es wirft ein bezeichnendes Bild auf das Demokratieverständnis jener, die das tun.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.

Emails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2015)