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Plötzlich Grexit: Was wäre, wenn

ext to statues of ancient Goddess Athena and God Apollo atop the Athens Academy
Athen(c) REUTERS (ALKIS KONSTANTINIDIS)
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Warum eine Pleite schwerwiegende währungspolitische Folgen hätte, und mit welchen Auswirkungen das In- und Ausland rechnen müsste.

Wien. Nach dem neuerlichen Scheitern der Verhandlungen stellen sich die EU-Institutionen und die Europartner auf die mögliche Pleite Griechenlands ein. Sowohl der deutsche Finanzminister, Wolfgang Schäuble, als auch sein französischer Kollege, Michel Sapin, versuchen ihren Landsleuten die Angst vor einem Grexit, dem Ausscheiden des Landes aus dem Euro, zu nehmen. Europa habe bereits mehrfach den Austritt von Ländern aus einem Währungsverbund verkraftet, heißt es in einer Studie des Forschungsinstituts Oxford Economics. Nach der Wende 1990 führten Länder der ehemaligen Rubel-Zone ihre eigene Währung ein, nach dem Zerfall von Jugoslawien verließen die abgespalteten Länder den Dinar. Steigende Inflation und eine wirtschaftlich schwierige Phase waren die Folgen. Aber schon bald folgte ein Aufschwung.

Was würde tatsächlich geschehen, was wären die Rahmenbedingungen und Auswirkungen eines so dramatischen Schritts im Fall von Griechenland?

1) Nach der Pleite des Staats folgt
die Pleite der Banken

Wenn die griechische Regierung ihre 1,6-Milliarden-Euro-Kreditrate nicht Ende Juni an den IWF begleichen kann, muss das Land für bankrott erklärt werden. Dies hätte zur Folge, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Geldhahn für griechische Banken zudrehen müsste. Für die Griechen wäre das dramatisch. Athen müsste Kapitalverkehrskontrollen einführen, um zu verhindern, dass die Bevölkerung versucht, ihre Euro abzuheben und außer Landes zu bringen. Wenn die Liquidität der Banken nicht mehr gegeben ist, würden bald überhaupt keine Euro mehr aus den Bankomaten kommen. Das Wirtschaftsleben würde vorübergehend zusammenbrechen.

2) Eine neue Währung oder eine Parallelwährung wird eingeführt

Auch wenn es rechtlich eigentlich keine Möglichkeit für einen Euroaustritt gibt, müsste der griechische Staat reagieren, um das ganz normale Leben zu ermöglichen. Entweder könnte er eine eigene Währung ausgeben, wofür eine mehrmonatige Vorbereitung notwendig wäre, oder er könnte Schuldscheine in Euro drucken. Mit diesen Schuldscheinen könnten vorübergehend Gehälter oder Lieferanten bezahlt werden. Die Scheine würden zu einer Art Parallelwährung, die im Alltag voraussichtlich weniger wert wäre als der Euro. Es ist äußerst fraglich, ob eine neue Währung oder eine temporäre Parallelwährung von Beginn an auch von Lieferanten aus den EU-Partnerländern akzeptiert würde.

3) Chaos in Griechenland, Vertrauensverlust in Euro

„Griechenland würde nach einem Euroaustritt durch ein ökonomisches Chaos gehen“, sagt der Commerzbank-Chefökonom, Jörg Krämer, voraus. Jene positiven Effekte, die beispielsweise der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn prognostiziert, nämlich ein Aufschwung durch billigere Exporte und wettbewerbsfähigeren Tourismus, würden sich erst mittelfristig einstellen. Die großen Probleme des Landes aber – schlechte Verwaltung, geringe Steuereinnahmen, strukturelle Defizite – würden bleiben. Auch eine schwere innenpolitische Krise kann nicht ausgeschlossen werden. „Das wäre absoluter Irrsinn“, warnt der Vorsitzende des griechischen Tourismusverbands, Andreas Andreadis. „Wir werden 30 bis 50 Prozent unserer Löhne und Pensionen verlieren.“ Die Auswirkungen auf den Euro sind schwer vorhersehbar. Zwar könnte das Ende der griechischen Tragödie auch zu einer Beruhigung der Märkte führen. Nicht auszuschließen ist aber ein Vertrauensverlust in die Währungsunion. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen von hoch verschuldeten Ländern würden steigen, weil nun feststünde, dass nicht jedes Euroland vor dem Bankrott gerettet wird.

4) Schuldenschnitt auf Kosten von Banken und Steuerzahlern

Der Bankrott würde zu einem Schuldenschnitt führen. Da Griechenland seine Schulden nicht mehr bedienen könnte, müssten die Gläubiger einen Teil der von ihnen gehaltenen Staatsanleihen abschreiben. Das bedeutet Verluste für die EZB sowie alle Geberländer des IWF und der Eurozone, die dem Land insgesamt 240 Milliarden Euro geborgt haben. Deutschland riskiert als größter Kreditgeber bis zu 65 Milliarden Euro. Im Fall von Österreich wird mit bis zu neun Milliarden Euro an Ausfällen gerechnet. Dazu kämen Ausfälle für Banken. Per Jahresende 2014 hielten österreichische Banken an griechischen Staatsanleihen allerdings nur noch einen relativ kleinen Umfang von 153 Millionen Euro.

5) Schaden für Zusammenhalt in der Europäischen Union

Eine solche Eskalation würde voraussichtlich der Europäischen Union und ihrem Binnenmarkt schaden. Griechenland könnte in der Folge wichtige politische Felder wie die Außenpolitik boykottieren. Eine gemeinsame Linie etwa gegenüber der Ukraine wäre kaum noch zu halten. Der Vertrauensverlust könnte auch das für 2017 geplante britische EU-Referendum beeinflussen. Rechtsexperten warnen zudem davor, dass Griechenland bei einem Austritt aus dem Euro seine EU-Mitgliedschaft zurücklegen müsste. Eine Neuorientierung des Krisenlandes Richtung Russland und China wäre zumindest theoretisch möglich. [ Foto: United Archives / picturedesk.com ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2015)