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„Schändung“ im Kino: Das Morden im Norden geht weiter

Schändung – Die Fasanentöter
Schändung – Die Fasanentöter(C) Lunafilm
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Wieder eine Verfilmung eines skandinavischen Krimis: „Schändung – Die Fasanentöter“ zeichnet den Ermittler als asoziales Genie. Sonst bleiben die Figuren flach.

Das liebste Hobby der Skandinavier ist der Mord. Diesen Eindruck erwecken jedenfalls die Krimi-Abteilungen in Buchgeschäften. Von Urgestein Henning Mankell über Åke Edwardson bis Håkan Nesser: Die Bestseller des Genres werden gern in Schwedisch oder Norwegisch geschrieben. Oder in Dänisch: Der Kopenhagener Jussi Adler-Olsen ist Dänemarks erfolgreichster Krimiautoren-Export und Dauergast in den Bestsellerlisten. Filmische Aufarbeitungen dieser Verkaufsschlager bleiben bisher weit hinter den Erwartungen zurück. Nur „Verblendung“, der erste Teil von Stieg Larssons „Millennium“-Trilogie, wurde einigermaßen erfolgreich verfilmt, und zwar von Regiestar David Fincher, prominent besetzt mit James-Bond-Darsteller Daniel Craig und Jungstar Rooney Mara in den Hauptrollen. Das US-Remake ist die bisher gelungenste Adaption eines skandinavischen Krimis.

Daran ändert auch „Schändung – Die Fasanentöter“ nichts. Sie ist nach „Erbarmen“ die zweite nach einer Vorlage des Dänen Adler-Olsen, die ins Kino kommt. Kinematografisch setzt Regisseur Mikkel Nørgaard auf typisch nordische Bilder: Blautöne, ausgebleichte Farben, Dunkelheit etc. Der Fernsehschirm hätte dafür gereicht.

Auch Geschichte und Figuren sind nach bekanntem Schema gestrickt. Erneut ermittelt der asoziale Kommissar Carl Mørck (Nikolaj Lie Kaas) vom Sonderdezernat Q. Nach dem Selbstmord eines Kollegen „erbt“ er dessen persönlichsten Fall: Sohn und Tochter wurden 1994 im Teenageralter in der Nähe ihres Internats ermordet. Ein gleichaltriger Bub aus dem Ort bekannte sich zu dem Mord an den Zwillingen, wurde aber bereits nach drei Jahren Gefängnis wieder entlassen, dank juristischer Kunstkniffe von Dänemarks teuerstem Strafverteidiger. Dass der Bub tatsächlich der Mörder war, das glaubte weder der Vater der Opfer, noch glaubt es Kommissar Mørck. Vielmehr führen seine Recherchen in die höchsten Kreise der dänischen Gesellschaft. Zur Schlüsselfigur des Falls wird eine Schulkollegin der Zwillinge, Kimmie (Danica Curcic). Sie war damals mit dem reichen Ditlev Pram zusammen, heute erfolgreicher Unternehmer mit besten Kontakten auch in die höchsten Polizeikreise.

 

Gefühlskalt, rücksichtslos, genial

Der Kommissar als David, der gegen die reiche und mächtige Elite kämpft: Das ist ein bewährtes Konzept, wohl nicht erst seit „Columbo“. Man könnte auch sagen: abgedroschen. Mørck selbst wird als asoziales Genie gezeichnet, das gern die Grenzen des Gesetzes überschreitet. „Ich kenne niemanden, der so destruktiv ist wie er“, sagt seine Sekretärin über ihn. Das stimmt so nicht. Ob Dr. House, Serienmörder Dexter oder Sherlock Holmes in der BBC-Serie „Sherlock“: Soziopathische Charaktere erleben derzeit geradezu einen Boom. Diese misanthropischen Egomanen sind allesamt gefühlskalt, rücksichtslos und genial. Starke Figuren also, für die es schwierig ist, ebenbürtige Gegenspieler zu finden. In „Schändung“ gelingt das kaum: Ditlev Pram ist als Bösewicht vor allem eines: böse. Dänemarks Schauspielstar Pilou Asbæk unterfordert diese Rolle, ebenso wie Fares Fares jene als Mørcks optimistischer Assistent Assad. Der dackelt dem Chefermittler hinterher und versucht ihn laufend von Dummheiten abzuhalten. Natürlich erfolglos. Fehlt nur noch das „Harry, fahr schon mal den Wagen vor“. Die weibliche Hauptfigur Kimmie ist nach dem Typ traumatisierte Rächerin geschnitzt. An ihr Vorbild, die Hackerin Lisbeth Salander aus „Verblendung“, reicht sie nicht heran. Vielleicht fiele das nicht auf, wäre die Dramaturgie nicht zu träge. Rückblenden sollen erzählerische Schwächen ausbügeln, schildern aber meist nur, was der Zuseher bereits weiß.

Im Roman gab Adler-Olsen seinen Figuren mehr Tiefe und wurde damit zum meistverkauften dänischen Krimiautor. In Dänemark war auch der Film erfolgreich (bester Kinostart einer heimischen Produktion). Die Adaption des dritten Mørck-Krimis „Erlösung“ ist konsequenterweise bereits in Arbeit. Man ahnt aber: Bis der skandinavische Krimi im Kino abseits seiner Heimat Fuß fasst, dürfte noch viel gemordet werden im Norden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2015)