Praktisch niemand rechnet damit, dass die Fed in ihrer morgigen Seitzung ihre erste Leitzinserhöhung seit 2006 verkünden wird. Selbst ob eine Erhöhung noch heuer kommt, ist fraglich.
Nach fast einhelliger Einschätzung von Volkswirten wird die US-Notenbank (Fed) auf ihrer Sitzung morgen Mittwoch (17. Juni) ihren Leitzins noch nicht anheben. Vor allem die schwache Entwicklung der US-Wirtschaft zu Jahresbeginn sollte die Notenbank von der Zinswende abhalten. Auch die weiterhin niedrige Inflationsrate spricht nicht für eine erste Leitzinserhöhung seit dem Jahr 2006.
Der Zinskorridor dürfte also weiter in der Spanne von Null bis 0,25 Prozent verharren, wo er seit Dezember 2008 liegt. Die anstehende Sitzung ist dennoch wichtig, da ab diesem Monat laut Fed-Chefin Janet Yellen Leitzinserhöhungen auf jeder Sitzung möglich sind. Die Mitglieder müssten jedoch überzeugt sein, dass die Inflation sich mittelfristig wieder dem Ziel von zwei Prozent annähert und die Entwicklung am Arbeitsmarkt positiv ist. Allerdings hielten es die meisten Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses laut dem Protokoll zur letzten Sitzung Ende April für unwahrscheinlich, dass die Wirtschaft stark genug sei, um eine Anhebung im Juni zu rechtfertigen.
Schwache Konjunktur überrascht Fed
"Der leichte Rückgang der Wirtschaftsleistung im ersten Quartal hat die Fed - wie die meisten anderen Beobachter - überrascht", schreibt Bernd Weidensteiner, USA-Experte von der Commerzbank. In den ersten drei Monaten des Jahres war die US-Wirtschaft auf das Jahr hochgerechnet um 0,7 Prozent geschrumpft. Nachdenklich macht die Währungshüter laut Weidensteiner aber vor allem, dass eine schnelle Erholung der Konjunkturdaten nach dem schwachen Jahresauftakt bisher nicht eingetreten ist. Zumindest hat sich zuletzt der Beschäftigungsaufbau wieder verstärkt.
Der Kommentar der US-Notenbank und die Pressekonferenz von Yellen dürften also vor allem auf Hinweise auf eine Leitzinsanhebung im September überprüft werden. "Dabei rechnen wir aber damit, dass sich die Fed hüten wird, allzu klare Signale auszusenden, was dann wiederum den Betrachtern Spielraum für Interpretationen lassen sollte", schreibt die Postbank. Die Aussagen dürften jedoch nach den zuletzt verbesserten Konjunkturdaten etwas optimistischer ausfallen.
Die jüngsten Konjunkturdaten sprechen laut HSBC Trinkaus aber noch nicht für einen dynamischen Aufschwung. Auch die Inflationsrate habe sich vom Ziel der Fed entfernt. Die Kernrate des von der US-Notenbank besonders beachteten Preisindex PCE lag im April bei 1,2 Prozent. Daher dürften besonders die neuen Wirtschaftsprognosen der Fed in Augenschein genommen werden. Sowohl für die Inflation als auch das Wachstum wird die Fed nach Einschätzung der Unicredit ihre Erwartungen etwas zurücknehmen.
Einig über den Zeitpunkt der ersten Leitzinserhöhung sind sich die Experten nicht. Erwartet wird, dass die Fed auf einer Sitzung mit Pressekonferenz den Leitzins anheben wird - wenn nicht morgen, also im September oder Dezember. "Falls sich der Arbeitsmarkt weiter erholt und die Inflationserwartungen fest verankert bleiben, wäre es angemessen, die Zinsen in diesem Jahr zu erhöhen", sagte zuletzt der Chef der einflussreichen regionalen Notenbank von New York, William Dudley. Die weiteren Zinserhöhungen nach der Zinswende würden aber nur graduell erfolgen. Er verwies aber auch auf dunkle Wolken über dem Wachstumsausblick. Ganz sicher ist eine Leitzinsanhebung in diesem Jahr also nicht.